MIDNIGHT: M [Import]

MIDNIGHT: M [Import]

Während die anderen Insassen des Sanatoriums die Nachtwache bereits um die Ecke gebracht und alle Zellentüren geöffnet hatten, gab es für ihn nur ein Ziel. Langsam, dem Ruf seiner Seele folgend, schritt er durch die Gänge, in denen das Chaos regierte. Wie wildgewordene Affen sprangen die vom Wahnsinn zerfressenen Geschöpfe von Tisch zu Tisch, die kannibal Veranlagten machten sich bereits über die ersten Opfer dieser verhängnisvollen Nacht her und überall brannten kleine Feuer der Anarchie und der Rebellion. Dies war ihre Nacht, die einzige Nacht, in der sie jemals wieder ihre Freiheit genießen werden können. Das wusste er genau, er spürte es in seinem tiefsten Innern. Umso wichtiger war es für ihn, sein Ziel zu erreichen. Noch zwei weitere Türen, dann würde er sie in den Händen halten. Musiktherapie – so wurde es von den Ärzten genannt. Pah! Kein einziger von den anderen konnte jemals die Kraft spüren, die er aus den Klängen der nach Glückseeligkeit duftenden Instrumente herauszog. Therapie – ja, das war sie für ihn. Nur mit Musik konnte er seinem Schmerz entkommen und nur durch sie konnte er seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Ehrfurchtsvoll nahm er die Gitarre von der Wandhalterung. Ihren Geruch in sich aufsaugend, atmete er tief ein, die Augen fest geschlossen um sich nur diesem einen Sinn hinzugeben. Das Geschehen um ihn herum nahm er nicht wahr, als er zu seiner Zelle zurückkehrte. Er setzte sich in die Ecke, in der er schon seit Jahren saß, immer hoffend, dass einmal dieser Moment kommen würde. Und dann fing er an zu spielen. Erst zupfte er nur ein paar sanfte Akkorde – er stimmte sich ein. Das kleine Mädchen mit dem apathischen Blick nahm er nicht wahr, die von den Klängen angezogen inzwischen an der Tür stand. Der Wahnsinn des Lebens hatte sie an diesen Ort gebracht und nun war sie Teil des Wahnsinns. Sie setzte sich zu ihm und wippte mit abwesendem Blick zu dem Rhythmus den er vorgab. Und dann sang er. Leise, nachdenklich. Zunächst. Doch mit der Musik kam der Schmerz der Vergangenheit und er fing an ihn herauszuschreien. Seine Hand schlug auf die Saiten der Gitarre ein als wolle er den Schlüssel zu seiner Tür nach Eden zerbrechen, bevor er ihn nutzen konnte. Doch eine Einheit mit dem Instrument bildend wusste er genau, wie weit er gehen konnte. Und so sang er weiter und spielte. Er spielte die ganze Nacht durch und als die Einsatzwägen einige Stunden später am Ort des Geschehens eintrafen, war es sein Gesang, den die Beamten als erstes vernahmen und der sie schaudernd inne halten ließ. Als sie ihm einige Minuten später die Gitarre aus der Hand rissen, schrie er noch einmal laut auf. Das war der letzte Moment, in dem er jemals wieder einen Laut von sich gab…

…so ähnlich stelle ich mir das Szenario vor, in dem dieses Album entstanden sein muss. Der ehemalige CRIMSON GLORY-Sänger liefert mit dieser Mini-CD nun also endlich seine neuen Songs ab, mit denen er sicherlich genügend Fans seiner ehemaligen Band vor den Kopf stoßen dürfte.

Denn mit dem Power-Metal der vergangenen Tage hat die Musik auf dieser CD nichts zu tun. Vielmehr setzt Midnight dort an, wo er mit Lost Reflection aufgehört hat und geht dabei noch einige Schritte weiter. So ist auf dem Silberling lediglich Gesang und Akustikgitarre zu hören und dabei klingt das Ergebnis um einiges Wahnsinniger, als es noch bei dem CRIMSON GLORY-Klassiker der Fall war. Von unkonventionellen Songstrukturen unterlegt singt Midnight seinen ganzen Schmerz in die Welt hinaus und macht dabei den Eindruck, als wäre er kurz vor der Einweisung in die Klappsmühle.

Der Song Pain dürfte einigen von euch bereits vom ersten Metal Crusade-Sampler bekannt sein und ähnlich wie dieser Song ist auch der Rest des Materials gestrickt. Wer also mit diesem Lied nichts anfangen konnte, der sollte von dieser Mini-CD die Finger gleich ganz weg lassen.

Doch es geht noch sperriger. Beim Monkey Song ist man sich manchmal wirklich nicht sicher, es nicht mit einem total Verrückten zu tun zu haben, während man bei TV Queens dann schon eher den Eindruck bekommt, als wäre Midnight bei den Aufnahmen zu dem Song einfach nur komplett besoffen gewesen.

Trotz dass das Material auf M wirklich alles andere als einfach zugänglich ist, strahlt dieses Album für mich etwas ganz besonderes aus. Man merkt einfach, dass Midnight in die Songs sehr viel Herzblut gesteckt hat und dementsprechend emotional und interessant ist auch die Umsetzung, vor allem im gesanglichen Bereich, ausgefallen.

Einige Leute werden mich sicher für genauso irre halten, wie den Sänger selbst, dass ich dem Material auf dieser CD wirklich eine Faszination abempfinden kann. Aber ich denke es wird sicher noch einige andere geben, die sich der Anziehung der Songs auf dieser Mini-CD genauso wenig entziehen können.

Und wenn es irgend jemand wagen sollte, mir ins Gesicht zu sagen, dass sich MIDNIGHT hier anhört, wie Joey Kelly auf Drogen, der kann sich gleich mal auf eine ordentliche Abreibung gefasst machen 😉

Fierce

Zu haben ist das ganze übrigens entweder über die Homepage von Midnight oder bei Rising Sun.

Spielzeit: 29:52 Min.

Line-Up:
Midnight

Produziert von Midnight
Label: Midnight Records

Hompage: http://www.midnightsattic.com

Tracklist:
1. Pain

2. Boxes

3. Black Sheep

4. Seven Angels

5. Monkey Song

6. TV Queens

7. Hide and Seek

Fierce
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