MADDER MORTEM: All Flesh Is Grass

MADDER MORTEM: All Flesh Is Grass

Zugegeben: So ganz taufrisch ist All Flesh Is Grass nicht mehr. Aber fernab all der anderen Gründe, die als Erklärung für die beträchtlich verzögerte Rezension herhalten könnten, muß ich weiterhin gestehen, daß ich diesem Album lange, sehr lange gar ratlos gegenüber stand (wahlweise auch saß oder lag). Aber warum?, werden nicht nur jene wissen wollen, die mich und meine Eigenheit kennen, gerade die unkonventionelleren Randerscheinungen des Metal-Genres rasch in mein Herz zu schließen. Auch ich fragte mich lange und eindringlich, wieso mir der Zugang zu diesem Album so schwergefallen ist. Zeit für ein drittes Geständnis: So ganz genau weiß ich es immer noch nicht. Der Schlüssel zum Problem-Umriß könnte der Versuch der Stil-Bestimmung sein: MADDER MORTEM sind schlichtweg nicht zu kategorisieren, obgleich einzelne Fragmente ohne weiteres gängigen Genre-Mustern zugeordnet werden können. Und so wirkt All Flesh Is Grass gleichzeitig vertraut und doch – vor allem ob seiner Atmosphäre und der eigenwilligen Kombination all jener Versatzstücke – fremd, fast unnahbar. Fast…

Die Grundattitüde des Albums erinnert an die des gängigen female-fronted Gothic Metals. Nicht nur, daß die klaren, kraftvollen, ausdrucksstarken Vocals Agnete Kirgevaags jeder Hart-Romantik-Band zur Zierde und mehr gereichen würden (obgleich die Stimme ein bis zwei Oktaven unter handelsüblicher Elfen-Norm agiert), auch die atmosphärische Färbung der Songs bleibt durchweg eine dunkle. Doch damit nicht genug. Denn eines unterscheidet MADDER MORTEM von den Heerscharen großgestig dahinleidender Jungspunde, die das Genre bevölkern: Einen Kuschel- oder gar Popfaktor gibt`s hier nicht. Keine warm-wonnige Melancholie, sondern ein klaustrophobisch anmutendes Dunkel nährt die Songs auf All Flesh Is Grass und umgibt sie mit dem Eishauch tiefer, innerster Verzweiflung. DER Form von Verzweiflung, die weit ausholende emotionale Wallungen längst aufgegeben hat, um sich nur mehr aus nüchterner Distanz selbst zu sezieren und sich so in den finsteren Strudel der eigenen Seele zu begeben, ohne mitgerissen zu werden.

Eben jene Atmosphäre geht Hand in Hand mit den komplexen Song-Strukturen, die generös jeden geradlinigen Ansatz vermeiden, sich aber letztlich zielstrebig ihren überaus abwechslungsreichen Weg durch ebenso spröde wie harte Riffbrocken, rhythmisch akzentuierte Passagen, sphärische Ruhestätten, rein akustisch instrumentierte Abschnitte, klassisch anmutende Gesangs- und beklemmende Streicher-Arrangements bahnt, ohne jemals zu progressiven Break-Monster heranzuwachsen. Und dennoch bleibt dieses Album musikalisch kaum minder fordernd als emotional, und wird – so prophezeie ich – jeden Hörer, der sich nur oberflächlich und ohne angemessenen Zeitetat nähert, zumindest verstören, wenn nicht gar in die Flucht jagen. Wer sich allerdings die Zeit nimmt, hinter die kühle, oft schroffe und fast schon abweisende Hülle zu blicken, wer die Energie investiert, eine AKTIVE Hörerrolle zu übernehmen, der wird mit einem außergewöhnlichen, ich möchte fast sagen: großen Album belohnt. Eine Metal-Version von Diamanda Galas, bietet das Label als finalen Versuch an, MADDER MORTEM und ihr Schaffen verbal zu erfassen. Nun: Viel näher als mit diesem Vergleich kann man der Musik auf jenem Wege wohl nicht kommen…

Veröffentlichungstermin: 19.02.2001

Spielzeit: 47:47 Min.

Line-Up:
Agnete M. Kirgevaag – Vocals

BP M. Kirgevaag – Guitars

Eirik Ulvo Langnes – Guitars

Pal Mozart Björke – Bass

Mads Solas – Drums

Produziert von ?
Label: Century Media

Hompage: http://www.maddermortem.com

Tracklist:
Breaker Of The Worlds

To Kill And Kill Again

The Cluster Children

Ruby Red

Head On Pillow

Turn The War On

Chambers

Ten Times Defeat

Traitor`s Mark