LAIBACH: Volk

Die Slowenische Ausnahmeband interpretiert 14 Nationalhymnen und zeigt dabei einmal mehr, zu was die LAIBACH-Kunstmaschine in der Lage ist.

Sie können es immer noch.

Selbst wenn die Slowenen LAIBACH heutzutage nicht mehr derart direkt provozieren, wie sie das früher taten, schaffen sie es dennoch nach wie vor, mit ihren Alben zu reizen, zum Nachdenken anzuregen, zu unterhalten und zu faszinieren. Denn wenn LAIBACH ein Album namens Volk veröffentlichen, auf dem 14 Nationalhymnen adaptiert werden, dann sträuben sich Kritikern der Band schon wieder ganz arg die Nackenhaare.
Und so beginnt dieses Album selbstverständlich mit der Deutschlandhymne, wobei sich die Slowenen natürlich auch nicht davor scheuen, die erste Strophe des Lieds der Deutschen zu zitieren. Noch immer ist es für mich zu keinem Zeitpunkt nachvollziehbar, welche Beweggründe hinter der Kunst von LAIBACH stecken. Und ohne absolviertes Politikwissenschaftsstudium möchte ich mich ehrlich gesagt auch gar nicht zu einer Bewertung der transportierten Inhalte verleiten lassen. Was LAIBACH aber noch immer schaffen, ist, in mir Gedankengänge anzustoßen. Und genau auf diese Weise funktioniert für mich die LAIBACH-Kunstmaschine nach all den Jahren noch.

Musikalisch knüpft man an den W.A.T.-Sound an, wird dabei aber wieder ein ordentliches Stück weniger kalt und baut verstärkt Pianoklänge ein. Das hängt natürlich auch mit der Thematik des Albums zusammen, wobei die Soundtüftler einmal mehr völlig neue Klanglandschaften kreieren, die man sogar von LAIBACH selbst noch nicht gehört hat. Die Gastsänger, die für die Umsetzung der Nationalhymnen zuständig sind, prägen zudem das Bild auf Volk.

14 Nationalhymnen also, von denen LAIBACH die Essenz herausgefiltert und auf ihre ganz eigene Weise interpretiert haben. Dabei spielt die Band bewusst mit Klischees, ohne diese zu überreizen, so dass die Message dahinter ernst zu nehmen bleibt. So hört man zu Beginn des Lied der Deutschen Kuhglocken im Hintergrund, die USA-Hymne wird von Polizeisirenen begleitet und God save the Queen durch Pub-Geräusche eingeleitet. Andere Anspielungen funktionieren unterschwelliger, wenn LAIBACH z.B. das Allons der französischen Nationalhymne in ein forderndes und rhythmisches Let´s go verwandeln oder die türkische Nationalhymne durch ein beschwörendes Atatürk begleitet wirkt.
Grundsätzlich sind alle Songs nach einem ähnlichen Prinzip aufgebaut. LAIBACH bedienen sich der jeweiligen Originale, setzen diese mit viel Gefühl um, bringen ihre eigenen Soundelemente ein und kommentieren die Inhalte mit eindringlicher, fordernder Stimme. Dabei kann man sich bei LAIBACH nie sicher sein, welche Position die Band einnimmt, beziehungsweise wie die jeweiligen Stellungnahmen zu deuten sind. Dass die Slowenen gegenüber den USA sehr kritisch eingestellt sind, wird relativ deutlich. In anderen Fällen ist es schwieriger. Zwar hat man durch die Stimmung der Songs den Eindruck, die Grundausrichtung verstanden zu haben, doch LAIBACH wären nicht LAIBACH, wenn man sich sicher sein könnte. Die russische und spanische Nationalhymne beispielsweise klingen durchweg positiv, ja sogar fröhlich, während die türkische Hymne scharf wie das Schwert des Islam rüber kommt. Die israelische Hymne hat einen sehr melancholischen Anstrich erhalten und auch hier ist man sich nicht sicher, welche Message transportiert werden soll – letztendlich hat man sich textlich weitgehend auf das Original zurückgezogen, was angesichts der politischen Realität in der musikalischen Interpretation von LAIBACH schon wieder sehr viel Zündstoff in sich birgt. Andere Hymnen, wie etwa die Japanische, wirken dagegen sehr harmlos, wobei gerade bei der Kimi Ga Yo auf jegliche Elektronik verzichtet und rein mit Piano und Gesang dargebracht wird. Textzeilen wie etwa after the unspeakable, after you have fallen as only angels can fall beim Lied der Deutschen sind zudem Gänsehautgaranten.

Insgesamt kann Volk mit dem großartigen Vorgänger nicht mithalten, man kann es aber auch nicht vergleichen, und einmalig ist dieses Werk ohne Frage. Dabei ist der Unterhaltungswert erneut mindestens genauso hoch wie der politische. Musik für Kopf und Herz gleichermaßen, in der man lange Zeit auf Entdeckungsreise gehen und immer wieder neue Aspekte beleuchten kann. Die anstehende Europatour könnte wieder sehr spannend werden.

Veröffentlichungstermin: 20.10.06

Spielzeit: 58:36 Min.
Label: Mute

Homepage: http://www.laibach.nsk.si

Tracklist:
1. Germania
2. America
3. Anglia
4. Rossiya
5. Francia
6. Italia
7. Espana
8. Yisra´el
9. Turkiye
10. Zhonghua
11. Nippon
12. Slovania
13. Vaticanae
14. Nsk