KREATOR waren und sind eine meiner Lieblingsbands und ich habe so ziemlich jedes Album der Essener Thrash-Institution. Lediglich das letzte Album “Hate Über Alles” hat bis heute weder den Weg in meine Sammlung gefunden noch habe ich es mal gehört. So richtig erklären kann ich das nicht, irgendwie war meine Begeisterung für die Band zu der Zeit abgekühlt, obwohl ich den Vorgänger “Gods Of Violence” noch ziemlich gut fand. Auch vom neuen Album habe ich nicht wirklich was mitbekommen, wir haben vor einer Weile im Redaktionschat noch über den Albumtitel “Krushers Of The World” geschmunzelt, das war es aber auch. Aber eine Woche vor Release siegte dann doch die Neugier (und eine Anfrage der Chefin) und ich habe dem sechzehnten Werk von Mille und co eine Chance gegeben.
Das Artwork erinnert an die gute alte Zeit – musikalisch ist “Krushers Of The World” aber klar im Hier und Jetzt verortet
Als erstes fällt das großartige Artwork von Zbigniew M. Bielak auf, welches wie eine Variante eines klassischen KREATOR-Shirt-Motivs aus der guten alten Zeit erinnert. Musikalisch würde es indes sicher nicht zurück in die Vergangenheit gehen, das sollte jedem, der sich ein neues KREATOR-Album zulegt, klar sein. Zurückgeblickt hat diese Band nie. Stattdessen geht Mille den Weg der letzten Alben weiter, in dem noch mehr Melodie, noch mehr klassischer Heavy Metal und Melodic Death Metal in den Sound der Band Einzug erhält und sich mit dem klassischen Thrash Metal, den KREATOR seit “Violent Revolution” wieder entdeckt haben, ergänzen.
Thrash Metal trifft Melodic Death Metal trifft Bombast – KREATOR schaffen es, daraus schlüssige Songs zu schreiben
Los geht es mit “Seven Serpents”, einem recht typischen Opener für die neueren KREATOR. Thrash meets Melo-Death-Riffs, dazu einen schönen, klassischen Moshpart im Mittelteil gefolgt von einem super melodischen Solo, welches dann in den bombastischen Schlussteil samt Chören übergeht. Klingt alles etwas too much? KREATOR kriegen das aber zu einem stimmigen, richtig starken Song zusammengedengelt. Ein richtig dickes Ding! Des Weiteren lässt sich feststellen, dass Milles Geschrei ziemlich gut klingt. Das klang definitiv schon angestrengter. Lediglich das verdächtig nach AI Slop aussehende Video zum Song ist arg peinlich. “Satanic Anarchy” überrascht nach dem sehr rabiaten Beginn mit einem extrem melodischen Refrain und geht als knackiger, straighter Melo-Thrasher in dreieinhalb Minuten über die Ziellinie. Noch ein Volltreffer und diesmal sogar mit einem ganz coolen, an die “Hellraiser” Filme angelehnten Videoclip.
Im Zusammenhang mit KREATOR hört man immer mal wieder den Begriff Stadion-Thrash, meist natürlich despektierlich gemeint, ihr wisst schon – Anbiederung, sellout, WACKEN und so… Das ist so natürlich schon etwas albern, trotzdem ist der Begriff irgendwie nicht vollkommen unpassend. Mit ihrem melodischeren Sound, der zwar immer noch im Thrash verwurzelt ist, aber eben auch klassischen Metal und Melo-Death Raum gibt, sind KREATOR inzwischen größer als je zuvor und fahren Touren mit richtig großer Produktion.
Vom Schrebergarten Altenessen in die Stadien dieser Welt? KREATOR sind 2026 größer denn je
“Don’t let it happen. It depends on you” – dieses Zitat aus George Orwells inzwischen viel zu real gewordener Dystopie “1984” steht zu Beginn des Videos zum Titelsong. Ja Leute, der orwellsche Horror kommt inzwischen mit Vehemenz aus den USA und seine Apologeten in der alten Welt stehen Gewehr bei Fuß. Der brachial mahlende Stampfer hat mit Thrash Metal tatsächlich überhaupt nichts zu tun, erinnert in seiner Wuchtigkeit eher an AMON AMARTH. Anfangs fand ich das Stück noch richtig nichtssagend, mit der Zeit ist es zwar gewachsen, zählt für mich aber weiterhin eher zu den schwächeren Stücken des Albums. Live wird das aber sicherlich funktionieren.
Deutlich spannender wird es da beim folgenden “Tränenpalast” bei dem sich Mille ein Brüllduett mit Britta Görtz (HIRAES, ex-CRIPPER) liefert. Musikalisch gibt es auch hier wieder eher Melo-Death Metal, auch wenn Mille den Song als musikalischen Tribut an GOBLIN sieht. Was weiß ich, kenne die Band lediglich vom Namen. Ich höre dort eher noch einen gewissen „Endorama“-vibe heraus. Wenn Mille statt Britta wie damals 1999 Tilo Wolf (LACRIMOSA) zum Duett gebeten hätte, würde der Song sicherlich ebenfalls funktionieren. Das Video wiederum soll ein Tribut an Dario Argentos “Suspiria” sein, was dann auch den Refrain erklären würde. Alles in allem ein gelungenes Experiment und deutlich besser als der vorangegangene Titelsong.
Neben viel klassischem Metal vergessen KREATOR auf “Krushers Of The World” nicht, dass sie eine Thrash Metal-Band sind
Mit “Barbarian” wird endlich wieder das Gaspedal durchgetreten. Ein weiterer straighter Thrasher mit einem Schuss Melodie, bei dem Milles partner in crime und einziges, neben Herrn Petrozza verbliebenes Gründungsmitglied, Ventor zeigt, dass er es trotz seiner bald 60 Jahre noch drauf hat. Ihr wollt es noch schneller? Bitte schön, mit “Blood Of Our Blood” lassen KREATOR es nochmal richtig krachen, Von wegen KREATOR spielen keinen Thrash mehr und so… fuck off! “Combatants” schielt eher in Richtung Power Thrash mit Betonung auf ersteres. Ein weiterer wuchtiger Stampfer und ebenfalls deutlich besser als der Titelsong, alleine schon, weil hier musikalisch deutlich mehr passiert und der Song mehr Drive hat. Mille kann klassischen Metal, wenn er will!
Ob Mille beim Titel “Psychotic Imperator” an jemanden gedacht hat? Genügend Kandidaten stehen aktuell ja zur Auswahl. Musikalisch wird auch hier wieder einiges geboten, von viel flottem Thrash über den melodischen Mittelteil bis zur geschmackvollen Deko mit Orchester und Chören. Und wieder fügt sich das alles bestens zusammen. “Death Scream” ist da deutlich simpler gestrickt, knapp vier Minuten schreit Mille seinen Frust über die schöne neue Welt raus. Ein kompromissloser Death Thrash-Abriss.
Kurz vor Schluss gibts Cringe-Alarm – Der Rausschmeißer “Loyal To The Grave” strapaziert des Old School KREATOR-Fans Nerven
Und dann, ja dann… kommt das große Finale. Und anscheinend hatte Mille noch nicht genug Bombast und Heavy Metal und schöpft bei “Loyal To The Grave” in dieser Hinsicht nochmal aus dem Vollen. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen ganz ok und cringe, je nachdem, wie strapazierunfähig man halt so ist. Der Song an sich ist schon nicht übel, episches Intro, nette MAIDEN-Harmonien und lecker Kartoffelstampf in den Strophen. Musikalisch ist das schon ziemlich gut gemacht, allerdings auch gnadenlos auf Eingängigkeit getrimmt, vor allem dieser Mitsing-Refrain. Puh… Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das wirklich von KREATOR brauche oder möchte. Unser Führungsduo Andrea und Markus, beide überzeugte KREATOR-Fans, hassen den Song übrigens. Nun ja, so schlimm ist es bei mir nicht.
Stadion Thrash hin, Mitsing-Refrains her – insgesamt überwiegt auf “Krushers Of The World” die hohe musikalische Klasse von KREATOR
Quo vadis, KREATOR 2026? Letztendlich geht Mille den Weg, den man spätestens mit “Gods Of Violence” beschritten hat, konsequent weiter. Dass man damit einen Teil der old school-Fans irritiert, mag sein, ist aber sicherlich eingepreist. Wäre ja nicht das erste Mal bei KREATOR und Mille macht Gott sei Dank, was er will und beschränkt sich nicht auf Fan-Service. Der Erfolg gibt ihm Recht, denn mit ihrem neuen Sound haben KREATOR sicherlich deutlich mehr Fans hinzu gewonnen als vergrault. Aber auch ich, als jemand, der ebenfalls die alten Alben liebt, für den vor allem “Coma Of Souls” ein ganz wichtiges Album ist, finde “Krushers Of The World” insgesamt ziemlich stark. Nicht jeden Song aber eben doch den größten Teil. Und die Highlights kicken halt so richtig. Mille ist halt schon ein verdammt guter Songwriter und hat einen Haufen hervorragende Musiker an seiner Seite. Somit mag “Krushers Of The World” kein Diskographie-Highlight sein, ein starkes Spätwerk ist es aber allemal.
Veröffentlichungsdatum: 16.01.2026
Spielzeit: 46:10
Line-Up:
Mille Petrozza – vocals, guitars
Sami Yli-Sirniö – guitars
Frédéric Leclercq – bass
Ventor- drums
Label: Nuclear Blast Records
Bandhomepage: https://www.kreator-terrorzone.de
Bandcamp: https://kreator.bandcamp.com
Facebook: https://www.facebook.com/KreatorOfficial
Instagram: https://www.instagram.com/kreatorofficial
KREATOR „Krushers Of The World“ Tracklist
01 Seven Serpents (Video bei YouTube)
02 Satanic Anarchy (Video bei YouTube)
03 Krushers Of The World (Video bei YouTube)
04 Tränenpalast (Video bei YouTube)
05 Barbarian
06 Blood Of Our Blood
07 Combatants
08 Psychotic Imperator
09 Deathscream
10 Loyal To The Grave