blank

KAUAN: Wayhome

Auf der Suche nach dem Zuhause: KAUANs zehntes Album „Wayhome“ zerschmilzt vor Schönheit, ohne in zu viel Sentimentalität abzudriften. Das Einzige, das hier zum Glück fehlt, ist das Drama.

Wenn man wie Anton Belov in einigen Teilen der Welt gelebt hat, vielleicht aber in seine Heimat nicht mehr zurückkehren kann oder will, liegen Schmerz und Verzweiflung nahe. „Wayhome“ strahlt aber genau dieses Gefühl nicht aus. Es klingt, als hätte jemand sein Glück woanders gefunden und blicke mit Dankbarkeit auf die Vergangenheit. Und so, als würde das, was noch kommen mag, schon irgendwie gut werden. Inmitten des ganzen Pessimismus immer und überall in dieser Welt ist es schon beeindruckend, dass KAUAN einen Gegenpol darstellen zu all dem, was uns – den Verfasser im speziellen – droht, verrückt zu machen.

Ein weiteres High Concept-Album – dieses Mal mit persönlicher Note. KAUAN spenden mit „Wayhome“ Hoffnung und Trost.

Belov, geboren in Russland, lange Zeit ansässig in Kiew, vor vielen Jahren nach Tallinn ausgewandert und nun in Helsinki residierend, trägt diese Sicherheit, dieses Urvertrauen in sich, was beim Hören der Musik deutlich wird. „Wayhome“ ist da keine Ausnahme. Die Genüsslichkeit, mit der KAUAN ihren 50-minütigen, in acht Tracks unterteilten Song spielen, ist schon beinahe provokativ. Das Quintett nimmt sich alle Zeit der Welt, taucht in die Atmosphäre ein und braucht dabei nicht viel: Post Rock-Gitarren, proggige Strukturen, und dazwischen, kurze beherzte Einschübe von Heaviness („leave / let go“, „haste / ascend“).

Das alles kann schnell schiefgehen, schließlich zielen KAUAN bewusst auf die gebeutelte Aufmerksamkeitsspanne der Rezipienten, denken aber groß genug, um keine Kompromisse einzugeben. Genau deshalb funktioniert „Wayhome“: Die Band lässt sich nicht antreiben, weder von Erwartungen, noch von Ungeduld. Das ist es, was „Wayhome“ hörbar bleiben lässt. Hierbei orientieren sich KAUAN bei den Arrangements und der Art des Komponierens eher an Neoklassik denn an Post Rock oder Prog Rock. Zwischen Akribie und Verspieltheit lassen sich KAUAN treiben, aber genau deshalb ist „Wayhome“ stellenweise etwas seicht, denn selbst die seltenen Momente, in denen KAUAN Growls einsetzen, fehlt etwas die Gravitas – etwas, das „Pirut“ (2013) besser machte.

Auch trotz einzelner Momente der Heaviness, ist „Wayhome“ etwas seicht – um wirklich mitzureißen brauchen KAUAN das Drama.

KAUAN können High Concept-Alben. Oder viel mehr, sie können nichts anderes. „Sorni Nai“ und „Ice Fleet“ ließen Kälte spüren, woben in die verträumte Musik Schauer und Schrecken ein, ohne Abstriche in Subtilität zu machen. „Wayhome“ fährt selbstverständlich auch wieder ein riesengroßes Panorama auf, und ja, es ist wieder Musik, die dazu einlädt sich zu verlieren. Die hoffnungsvolle Note lässt KAUAN reifer, aber auch zahmer wirken – etwas, das in diesen Zeiten gut tut. Das große Drama ist es jedoch, das KAUAN emotional zupacken und ihre Alben wertvoll werden lässt. Und das ist auf „Wayhome“ leider nicht in dem Maße spürbar, wie auf früheren Werken, aller spielerischen, kompositorischen und soundtechnischen Brillanz zum Trotz. Wer es sich mit einer wärmenden Tasse Tee an einem eiskalten, sonnigen Wintertag zwischen ALCEST und späten ANATHEMA in seiner (Wahl-)Heimat gemütlich machen will, findet hier aber Musik, die gut für die Seele ist. Und das ist in diesen düsteren Zeiten nicht das Schlechteste.

Wertung: 6 von 8 Kompasse

VÖ: 7. November 2025

Spielzeit: 49:28

Line-Up:
Anton Belov (Guitar, Vocals)
Alina Belova (Keyboard, Vocals)
Niko Salminen (Bass)
Helena Dumell (Viola)
Kristian Merilahti (Drums)

Label: Artoffact

KAUAN „Wayhome“ Tracklist:

1. aim / decide
2. outline / pave (Official Audio bei Youtube)
3. depart / dive (Official Audio bei Youtube) 
4. leave / let go (Official Audio bei Youtube) 
5. soothe / sear
6. haste / ascend
7. embrace / repel
8. arrive / resolve

KAUAN „Wayhome“ Full Album Stream bei Youtube

Mehr im Netz:

https://kauanmusic.com/
https://kauan.bandcamp.com/
https://www.facebook.com/kauanmusic/
https://www.instagram.com/kauanmusic/