JANINA JADE: Heart Of Rock N’ Roll

Dreckig, rau, simpel, rotzig: Janina Jade liefert ein cooles Classic-Rock-Album ab, mit ordentlich Sleaze, Punk und Whiskey. Die melodischen Leads steuert Jennifer Batten bei, bekannt dank Michael Jackson und Jeff Beck. Kann was, ist gewöhnungsbedürftig. Und verdammt ehrlich.

Manchmal sind Worte zu viel, um ein Album zu beschreiben, weil ein Blick auf das Cover diese Musik viel besser einfängt. So auch bei der schwedischen Musikerin JANINA JADE, die mit “Heart Of Rock N’ Roll” ihr zweites Album vorlegt. Da steht eine toughe Frau, schon leicht verlebt aussehend, genüsslich eine Zigarette rauchend. Mit der rechten Hand drückt sie eine Squier Fender Stratocaster gegen ihren Körper, Arme und Finger sind bunt tätowiert, sie trägt ein MOTÖRHEAD-Shirt. Schon dieses Foto verströmt so viel Coolness und sympathische Attitüde, dass man Lust bekommt, sich mit der Frau in einer runtergekommenen Bar zu betrinken, eine Flasche Jack Daniel’s zu leeren und sich bittersüße Stories erzählen zu lassen, über Loser und Außenseiter und schräge Typen, die es nicht ganz so gut im Leben erwischt haben.

Im Grunde könnte ich hier meine Rezi schon beenden, denn genauso klingt das Herz des Rock N’ Roll auch. JANINA JADE hat ein uriges Rock-Album aufgenommen: cool, abgehangen, von sympathischer Lässigkeit. Aber mit ganz viel Herzblut und Schmutz unter den Fingernägeln. Die Stimme von Jade erinnert dabei des Öfteren an Patti Smith, Urgroßmutter des Punk. Sie mag nicht die variabelste Stimme haben, klingt manchmal gar leicht monoton. Aber wie sie die Texte intoniert, mit tiefem Timbre, brüchig, rau und kaputt: Das kann was. Wenn es nicht so furchtbar abgedroschen wäre, man müsste von ehrlicher Musik schreiben. In einem Interview mit dem italienischen Magazin „Melody Lane“ verriet die Schwedin, dass sie ihre Songs oft schon beim ersten Take aufs Band bannt, „no cutting and pasting“. Das ist ungeschminkter, purer Sound mit Live-Feeling.

Michael-Jackson-Gitarristin Jennifer Batten sorgt für die melodischen Leads

Will man die Musik beschreiben und einordnen, dann empfiehlt sich als Orientierung: Classic Rock mit einem punky, sleazy Feeling. Die ROLLING STONES klingen durch, JANINA JADE nennt sie als einen Haupteinfluss: aber die Stones, wie sie in den 70er Jahren klangen. Nicht die pompöse Variante, sondern als sie noch von Blues und Boogie beeinflusst waren.

Und sogar eine ordentliche Brise Sleaze Rock ist herauszuhören: die Großstadt-Balladen der THE DOGS D’AMOUR, eine sehr unterbewertete Band, die eben auch dieses abgehangene Bar-Feeling hatten. Hey Bartender, wir haben schon zu viel getrunken und können kaum noch aufrecht stehen, aber könnten wir bitte die nächste Runde haben? Wir flüchten dann durch die Hintertür, bezahlen muss jemand anderes. Patti Smith natürlich ist auch präsent: Legende, die synkopisch über scheinbar primitive Rock-Akkorde sang. Ja, man muss es zugeben: Auch hier sind die Songs verdammt einfach gehalten, Strophe-Refrain-Strophe, kompositorische Raffinessen gibt es wenig. Macht nichts, denn auch simple Rocknummern können ihren Reiz entfalten.

Ein weiterer Einfluss: die GUNS N’ ROSES winken aus Los Angeles. Das liegt vor allem an der Lead-Gitarre, die virtuose Licks in die Strophen streut, schneidend und durchaus wirkungsvoll. Und manchmal an Slash erinnert. Hierfür hat sich die Schwedin prominente Unterstützung geholt: Jennifer Batten spielt die Leads. Eben jene Jennifer Batten, die Teil von MICHAEL JACKSONs Band war, just in jenem Moment, als er den – damals angesagten – Hard Rock für sich entdeckt hat, circa 1987. Legendär ist, wie Batten mit aschblondem, hochtoupiertem Haar ihn live bei seinen Konzerten mit Soli unterstützte, ganz vorne auf der Bühne stehend, etwa bei „Bad“. Und gegen das Kreischen der weiblichen Fans anspielte. Two handed tapping: Wer sich mit Gitarren-Virtuosentum auskennt (ich leider nicht), der weiß, was gemeint ist. 63 Jahre alt ist Batten mittlerweile: Oh Mann, Leute, wir sind Best Ager geworden. Darauf einen Drink!

Coole, muskulöse, lässige Songs

Das alles funktioniert am besten, wenn JANINA JADE coole, muskulöse, aber zugleich ungemein lässige Rock-Songs aus dem Ärmel schüttelt. Songs mit einem dunklen Vibe. Der Einstieg mit dem treibenden Titelstück und dem folgenden „The Darkness of my Soul“ ist stark. Die Texte sind persönlich, aber lassen kein Rock-Klischee aus.

„30 odd years and it’s been this way/ I’m a lost cause/ only getting grey“, singt Jade im Opener (“Seit 30 Jahren geht das so/ Ich bin ein hoffnungsloser Fall/ und werde nur grau”. Wäre das auch geklärt: Sie ist 30 Jahre alt). „Working on my dreams/ give them all I got/ In return I get something/ that I’m not“, bellt die Schwedin. „I’m not bitter/ twisted or mean/ That’s just the way my life has been”. Verbittert und verrückt ist sie bei all ihren Kämpfen also nicht geworden – aber vom Leben gezeichnet.

Verdammt, wer kennt das nicht? Sie verliert nie, aber wird auch nie gewinnen, behauptet sie. Das Leben geht seinen Gang. Man rackert sich ab. Jade ist sympathisch abgefuckt und bodenständig, denn: Ihr Herz besteht aus Rock´N´Roll. Und deshalb doch mit dem Kopf in den Wolken. Okay. Ich frage mich ja auch, warum ich nicht Gesundheitsminister wurde. Ich schwöre: Ich könnte das besser als Jens Spahn.

Schönheit im Schmutz

“Holding On” ist eine ruhigere Nummer. Die Lead-Gitarre von Batten tönt so melodisch ruppig, dass auch Slash stolz drauf wäre. “Ich halte an meiner Seele fest,/ durch die Dunkelheit und klirrende Kälte”, singt JADE mit brüchiger Stimme. “How long, how long” legt dann den Hebel wieder um: punkig und flott. Auch das folgende “Trouble” kommt mit hartem Boogie daher. Die Skandinavierin singt von Narben, Schmerz und Verletzungen – aber das ist eben die Art, wie das Leben sich einschreibt. Das ruhige, balladeske “Exiled in my mind” klingt dank der Gitarren-Leads wie eine ruhigere Stones-Nummer, während der Gesang nicht deutlicher Patti Smith zitieren könnte. Coole Mischung! “All the angels/ have demon eyes!” Da ist Schönheit im Schmutz.

Die melancholische Ballade “Ghost with no name” ist ein Highlight des Albums: “Show my how/ to stay alive”, fleht Janina Jade. Das eigene Leben ist nicht garantiert. Und da wären wir wieder bei den dunklen Großstadt-Hymnen. Es ist nicht so sicher, dass man volltrunken an der Bar zu den Übriggebliebenen zählt. Einer geht in der Gosse verloren. Bis JANINA JADE schließlich im “Last Chance Saloon” abstürzt, um doch wieder Hoffnung zu stiften: Es gibt noch eine Chance auf den letzten Drink.

Fazit: Nein, das alles ist nicht neu, nicht perfekt, eben punkiger “Classic Rock”. Einfache Songs, leicht monotone Stimme. Aber das alles macht verdammt viel Spaß, ist fucking authentisch, hat Charisma. Wegen der Ehrlichkeit, dem Sleaze, der Roughness. Classic Rock with Attitüde. Und wegen dem Dreck unter den Fingernägeln. Und wegen Jennifer Battens melodischer Leads. Und Janina Jades tougher Stimme. Wer sich eine versoffene Nacht in einer schmutzigen Bar vorstellen kann, mit zu viel gerauchten Zigaretten, Whiskey und ehrlichem Absturz, sollte das Album mal anchecken. Ich habe, nach einem Sixpack, ordentlich Gefallen daran gefunden.

Wertung: 8 von zehn Punkten

Release: 26. März 2021 via GMR Music

JANINA JADE „Heart Of Rock N’ Roll“ Tracklist

1 Heart Of Rock N Roll (Audio bei YouTube)
2 The Darkness Of My Soul
3 Before My time Runs Out
4 Holding On
5 How Long How Long
6 Trouble
7 Exiled Within My Mind
8 Breathless Breathing
9 Ghost With No Name
10 Last Chance Saloon