HOT BREATH: Rubbery Lips

Röck ’n’ Röll, Baby! Die Schweden HOT BREATH bieten auf ihrem Debüt rotzlöffeligsten Retro-Sound, der vielleicht null subtil ist: aber höllischsten Spaß macht. Ein Fest für alle, die ihren Vokuhila noch mit Stolz tragen: und auch beim Aerobic-Workout mit angeklebtem Porno-Schnauzer eine gute Figur machen.

Yo Freunde, ist der Porno-Schnauzer gestriegelt? Ist der Mofa-Roller aufgetankt? Sitzt die Stretch-Jeans? Habt Ihr das Schweißband festgezurrt? Seid Ihr bereit, Euch ordentlich danebenzubenehmen? Dann, ja dann: Steckt Euch mal ´ne Fluppe an, macht das Dosenbier auf, zeigt Euren nackten Arsch, ein paar Aufwärmübungen: Und dann geht es los, denn ich habe hier was für Euch, das ultimative Party-Rotz ’n’ Roll-Album, das dazu einlädt sich ordentlich danebenzubenehmen und den Elch bei den Hörnern zu packen: Die Schweden HOT BREATH haben mit „Rubbery Lips“ (gummiartige Lippen?) soeben ihr Debütalbum vorgelegt. Zehn Songs, keine Kompromisse, das Gaspedal ordentlich durchgetreten.

Die Musiker*innen sind keine Unbekannten. Sängerin und Gitarristin Jennifer Israelsson hat zuvor bei den Retro-Rocker*innen HONEYMOON DISEASE gezockt: und wer in den letzten Jahren in der Region von Leipzig unterwegs war, hat wohl so manches T-Shirt der Band in der Südvorstadt gesehen, geschuldet mehreren schweißtreibenden Klubkonzerten, bei denen der Sud nur so von der Decke tropfte. Als ich vor zwei Jahren bei einem Konzert der Retro-70s-Rocker HYPNOS war, eben im HONEYMOON-DISEASE-Shirt, sprach mich ein ziemlich betrunkener Schwede mit aschgrauem Haar an, brüllte mir „great Band!“ ins Ohr: und kippte zugleich sein Bier über mein Shirt, was ihn wiederum ziemlich sauer machte, denn: obwohl ich wirklich nichts dafür konnte, hätte er sein Bier ganz gern ausgetrunken. Dann aber zeigte er sich versöhnlich, brüllte noch einmal „HONEYMOON DISEASE, great Band! Fucking great Band! FUCK! FUCK!“, zeigte mit dem Daumen nach oben: und da wäre das Feld bereits abgesteckt, denn auch Musiker der soeben erwähnten HYPNOS sind hier mit am Start. Bier, Schweiß und Tränen, besoffene Schweden am Tresen, eine soeben vermiedene Kneipenschlägerei: all das passt auch verdammt gut zu HOT BREATH, Prost!

HOT BREATH: Shake your booty, baby!

Bereits der Opener „Right Time“ steigt mit knackigen, locker aus der Hüfte geschüttelten Gitarren-Licks ein, das Schlagzeug treibt den Song voran wie der Sechszylinder eines alten Ford Mustang. Der Sound ist so Vintage wie eine ausgewaschene Blue Jeans. Sängerin Israelsson hat eine angenehme, oft leicht angepisste Stimme. Hier wurden die Bremsen manipuliert, was auch egal ist: der Motor wird auf Anschlag gefahren, man hat überhaupt nicht vor, irgendwann auf die Bremse zu treten. HOT BREATH lassen die Muskeln spielen. Rote Ampeln werden vorsätzlich überfahren. Die Musik ist auf der Überholspur unterwegs.

Ähnlich geht es mit „Magnetic“ weiter. Ihr habt sicher die Tanzszene aus Tarantinos „Pulp Fiction“ alle noch im Kopf? John Travolta und Uma Thurman hätten auch zu HOT BREATH tanzen können. Ist da auch Boogie im Sound? Auf dem Cover ist eine große Diskokugel zu sehen. Nur dass die Gitarren oldschoolig nach THIN LIZZY und Co. tönen. Eine sympathische Unbeschwertheit spricht aus den Songs. Strophe, Refrain, Strophe, Refrain: Ja sorry, wer mit eingängigen Melodien nichts anfangen kann, ist hier fehl am Platz. Hier geht es definitiv nicht darum, die Musik neu zu erfinden. Das Ganze ist catchy bis zum Anschlag. Die Metal-Omis von GIRLSCHOOL wären mit dem Sound sicher auch voll einverstanden.

Zwischenstopp an der Tanke, mit durchgetretenem Gaspedal geht es weiter. Auch „Last Barang“ ist ein Song, bei dem man Lust bekommt, mit offenem Verdeck eine Runde auf der Autobahn zu cruisen. Den anderen Autofahrern den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen. „So don’t try to stop me!”, singt Israelsson. Ist besser so. Denn wer das versucht, hat schnell eine Bierflasche auf dem Kopf. Hier wird im Kampfmodus musiziert. Und, um das kurz einzufügen: Wer schon das Glück hatte, mit ihr nach einem Konzert kurz smallzutalken, wird bestätigen können, dass sie eine sehr nette, fast ein wenig schüchterne Zeitgenössin ist. Das Publikum auf dem HONEYMOON-DISEASE-Konzert war übrigens sehr jung und weiblich. Es ist vielleicht ein wenig hochgegriffen, sie als Feminismus-Ikone hochzustilisieren. Aber es ist schön zu wissen, dass es Musikerinnen gibt, die auch ein weibliches Publikum auf Vintage-Hardrock-Konzerte locken. Die Hälfte der jungen Gitarrenspieler*innen sind mittlerweile Frauen, ergab jüngst eine Umfrage im Auftrag von Fender. Der Machismo hat ausgedient.

Der beste STONES-Song, den keiner kennt

„Who’s the One“ nimmt dann tatsächlich ein wenig das Tempo raus. Midtempo-Groover, der mit seinen Gitarren ein wenig an BILLY IDOL und die 80s erinnert. Und ein verdammter Hit. Bittersüß. Ich möchte diesen Song bitte des öfteren im Radio hören. Wird wohl nichts. Wieder das Bedürfnis, mir endlich ein altes Cabriolet zu kaufen, Leder, Chrom und Felgen. Nur um diesen Song voll aufzudrehen, während ich durch die Stadt düse. Gibt es eigentlich schon Studien dazu, warum derartiger Retro-Sound am besten und überzeugendsten in Skandinavien gemacht wird? Ich habe keine Ahnung, das ist aber definitiv eine Leerstelle in Sachen Musikkultur. Und es zeugt von verdammt gutem Geschmack, dass HOT BREATH mit „One Hit (To The Body)“ einen der besten ROLLING-STONES-Songs aller Zeiten covern. Einen Song, den kaum jemand kennt, weil er eben nicht in der Hochphase der Band entstanden ist: sondern 1986, als die STONES um ihre eigene Identität kämpften. Aber mehr Groove und Sex-Appeal hatten sie selten. Gute Coverversion, by the way.

Sollten Euch die vielen Retro-Auto-Vergleiche auf den Sack gehen: in „Adepted Mind“ reimt Israelsson dann tatsächlich: „Time Machine“ auf „Keep my engine clean“. Ich denke mir das ja alles nicht aus. Ich sitze hier mit meinem angeklebten Tom-Selleck-Bart und bin begeistert von den knarzigen, doppelläufigen Gitarren. Und den hart groovenden, catchy Garage-Rock-Sounds von HOT BREATH. Was soll ich sagen? Fetzt. Groovt. Ist empfehlenswert. Ist retro. Punkig. Poppig. Rau. Heavy. Ein wenig NWOBHM schimmert auch durch. Aber ich kann das so neutral nicht beurteilen, ich besitze ja zwei HONEYMOON-DISEASE-Shirts. Und wenn dann Corona endlich mal vorbei sein sollte, lasse ich mir auch gern wieder Bier über mein Bandshirt kippen: in einem verschwitzten, dreckigen Konzert. Auch wenn mir dann meine enge Vintage-Jeans wegen der fehlenden Bewegung nicht mehr passt.

8,5 von 10 Punkten

Veröffentlichungstermin: 9. April 2021
Label: Sign Records
mehr im Internet: Bandcamp

HOT BREATH “Rubbery Lips” Tracklist

1. Right Time
2. Magnetic
3. Last Barang
4. What You’re Looking For, I’ve Already Found (Lyric-Video bei YouTube)
5. Who’s The One (Audio bei YouTube)
6. Adapted Mind
7. Turn Your Back
8. One Hit (To The Body)
9. What To Do
10. Bad Feeling (Video bei YouTube)