MORGOTH: Odium

Morgoth Odium CD-Cover

Waren es die auf dem (sehr gelungenen) Cover x-fach vergrößert abgebildeten Hausstaubmilben? Oder sorgte die gute alte Engstirnigkeit bei vielen Metallern 1993 dafür, dass „Odium“ vielerorts geradezu allergisch gemieden wurde? Scheinbar war von einigen „Cursed part II“ von dem deutschen Deathmetal-Aushängeschild der frühen Neunziger erwartet worden. Doch da hatte man die Rechnung ohne die Ketten berstende Kreativität und den Innovationshunger der Dortmunder gemacht. „Odium“ stellte die überaus konsequente, weit gehende Weiterentwicklung der typischen MORGOTH-Trademarks dar – düstere Grundstimmung, doomige Einlagen, kontrollierte Aggression, die sich mit Marc Grewes verzweifelter Stimme paart. Doch statt wie bei (ebenfalls überaus genialen) Tracks à la „Isolation“ auf Deathmetal OBITUARYesken Zuschnitts zurückzugreifen, fanden sich plötzlich eisig kalte Industrialelemente und thrashige Riffs in neuem Kontext wieder. So weit hatten sich sonst nur KREATOR ein Jahr zuvor mit „Renewal“ aus dem Fenster gelehnt. „Odium“ besitzt jedoch gegenüber der von mir ebenfalls sehr verehrten Essener „Erneuerung“ den Vorteil, von A („Resistance“) bis Z („Odium“) eine überaus konsequente Vision apokalyptischen Ausmaßes zu entwerfen. Zwar kann jeder Song für sich selbst stehen, „Resistance“ wäre beispielsweise heute ein Hit, hätten EXODUS oder andere Bay Area-Konsorten ihn geschrieben, doch das ganz große Kino entsteht im Kopf erst, wenn die Aggression der ersten Songs mehr und mehr in die Verzweiflung, Abgedrehtheit und abgrundtiefe Finsternis der Schlusssongs abdriftet. „Drowning Sun“ beispielsweise spiegelt diese Entwicklung im Kleinen wider. Was mit einem derben Midtempo-Riff beginnt, schlägt plötzlich in eine von Doublebass unterlegten Psychedelicpassage um, die an Beklemmung kaum zu überbieten ist. Einen derartigen Trip in die Dunkelheit kennt man sonst nur von Filmen wie bezeichnenderweise „Apocalypse Now“. Während Kracher wie „The Art of Sinking“ die akustische Parallele des Hubschrauberangriffs zu Wagnerklängen ziehen, kommen bei „Golden Age“ und dem Instrumental-Titelsong die seelischen Abgründe eines kahl geschorenen Marlon Brando, der alle in seinen Bann zieht, zum Vorschein.

Die MORGOTH-Gitarristen haben einen konsequent eigenen Stil

Carsten Otterbach und Harald Busse mögen keine großen Helden an ihren Gitarren gewesen sein, aber sie besaßen etwas weitaus Wertvolleres: einen konsequent eigenen Stil, der sich besonders auf „Odium“ Raum schafft und für diese unverwechselbare Beklemmung sorgen, die Schlagzeuger Rüdiger Hennecke mit seinem maschinellen Drumming weiter unterstützt. Dazu die hysterische Stimme von Marc Grewe, die man, obwohl er sich fast ausschließlich mit Schreien begnügt, sofort unter Tausenden von Deathmetal-Sängern heraushört, und fertig ist der apokalyptische Weltentwurf, den Songtitel wie „The Art of Sinking“, „War Inside“ oder „Drowning Sun“ bereits skizzieren. Da bedarf es trotz aller Affinität zum Industrial nur eines Minimums an Samples, um die schon zuvor düstere Musik MORGOTHs in ein endgültig überzeugendes rabenschwarzes Klanggewand zu kleiden, das sich einen Dreck um Genregrenzen und andere Limitierungen schert.

„Odium“ überragt die anderen MORGOTH-Alben nochmals…

Diese Entwicklung sollte mit „Feel Sorry for the Fanatic“ noch drastischer weitergehen, wobei sich allerdings die Band von ihrer erkämpften Eigenständigkeit in Richtung KILLING JOKE und STABBING WESTWARD verabschiedete. Daher bleibt für mich, auch wenn ich einer der Wenigen zu sein scheine, die alle Phasen der Dortmunder mögen, „Odium“ der klare Favorit im durch und durch herausragenden Oeuvre von MORGOTH, denn anders als „Cursed“ und die zuvor erschienenen Mini-CDs sowie „Feel Sorry for the Fanatic“ stand „Odium“ stilistisch felsenfest auf ureigenem Terrain. Da mag „Cursed“ mit dem genannten „Isolation“ einen Deathmetal-Klassiker erster Kajüte beherbergen und „Feel Sorry…“ bis zum Rand vollgestopft sein mit packenden Hymnen gegen den alltäglichen Stumpfsinn zwischen Mikrowellenessen, TV-Shows und ständigem Zeitdruck; „Odium“ überragt diese Klassealben nochmals dank seiner mystischen, scheinbar allumfassenden Aura, die einen nicht mehr loslässt, wenn man sich erst einmal auf sie eingelassen hat. Schade, dass nicht mehr Metaller bereit waren, diese Grundvoraussetzung zu erfüllen…

Veröffentlichungstermin: 01.05.1993

Line-Up:
Marc Grewe – Gesang
Carsten Otterbach – Gitarre
Harald Busse – Gitarre
Sebastian Swart – Bass
Rüdiger Hennecke – Schlagzeug

Produziert von Dirk Dräger
Label: Century Media/SPV

Homepage: http://moontales.com/morgoth/

ODIUM-Tracklist:
Resistance
The Art of Sinking
Submission
Under the Surface
Drowning Sun
War Inside
Golden Age
Odium