IN EXTREMO: Mein Rasend Herz [Hell of Fame]

IN EXTREMO: Mein Rasend Herz [Hell of Fame]

Als die Single „Nur Ihr Allein“ als erster Vorbote vom neuen Album kündete, war die Anhängerschaft IN EXTREMOs – wie so oft zu diesen Zeiten – gespalten. Nicht mittelalterlich genug und überhaupt zu massentauglich, hörte man es in der einen Ecke schallen, während andere ihrem Unmut über den lyrischen Verweis auf Hans Eislers Nationalhymne der DDR freien Lauf ließen. Dass die Lead-Single des wegweisenden Albums „Mein Rasend Herz“ wenig später zum Live-Kracher avancierte, verstand sich von selbst, obwohl der ungekämmte Rock-Song im Albumkontext tatsächlich ein wenig aus dem Raster fiel.

Im Endeffekt war die Veröffentlichung von „Mein Rasend Herz“ für IN EXTREMO aber der Stein, der für die Berliner nicht nur ein ereignisreiches Jahr ins Rollen brachte, sondern in vielerlei Hinsicht die Weichen für die Zukunft stellte: Mit der losen Seefahrer-Thematik hatten die sieben Spielleute erstmals einen visuellen Aufhänger, der das komplette Bühnenprogramm prägen sollte, die erfolgreiche Teilnahme an Stefan Raabs BundesVision Songcontest sicherte im Folgejahr die nationale Medienpräsenz und die namhaften Gastfeatures von Rae Garvey (REAMONN), Marta Jandova (DIE HAPPY) sowie Szene-Urgestein Robert Beckmann (THE INCHTABOKATABLES) zementierten auch den künstlerischen Status, den sich IN EXTREMO bis zu diesem Zeitpunkt erarbeitet hatten.

„Mein Rasend Herz“ findet die ideale Balance zwischen Rock-Kante und traditionellen Wurzeln

Und auch musikalisch fügte sich alles wie von Geisterhand zusammen. Bevor sich die Band mit „Sängerkrieg“ (2008) immer mehr einer rotzigen Grundattitüde hingeben sollte, fand „Mein Rasend Herz“ die ideale Balance zwischen harter Rock-Kante und traditionellen Wurzeln. Mit dem „Wessebrunner Gebet“ beschwören IN EXTREMO etwa die Magie der „Merseburger Zaubersprüche“ ein weiteres Mal herauf, indem sie ein althochdeutsches Gedicht mit Harfe und Fingerspitzengefühl, aber auch ordentlich bratenden Gitarren in die Moderne führen.

Das fast schon naiv-unbeschwerte „Tannhuser“ aus dem zwölften Jahrhundert bleibt dagegen akustisch, während uns im bretonischen „Fontaine La Jolie“ vielleicht keine Lehrstunde in Sachen französischer Aussprache, aber dafür in effektivem Song-Arrangement erwartet. Die Art und Weise wie Cister und Schalmeien zusammenarbeiten, verleiht dem optimistischen Stück etwas Frühlingshaftes.

IN EXTREMO erweitern das eigene Soundspektrum

Doch selbst wenn IN EXTREMO Gas geben, vergessen sie nicht ihre Wurzeln. Der treibende Titeltrack „Rasend Herz“ bedient sich im Refrain des Traditionals „Quant Je Sui Mis Au Retour“, während die rockige Adaption von Per Vidals „Poc Vocem“ im Prinzip eine Verbeugung vor der INCHTABOKATABLES-Interpretation ist. Nicht zuletzt deshalb durfte deren Cellist Robert Beckmann neben einem „Spoken Word“-Part auch das Cello beisteuern, welches zudem im leicht fernöstlich angehauchten „Singapur“ dem Fernweh eine Stimme schenkt.

Für nicht ganz 50 Minuten wandelt „Mein Rasend Herz“ zwischen Tradition und Innovation. Das eigene Soundspektrum erweitern IN EXTREMO durch die Hinzunahme des Hackbretts im politischen „Macht und Dummheit“ und des markanten Klangs der Uillean Pipe im gälisch-sprachigen Albumhit „Liam“, das bis heute kaum aus einer Live-Show der sieben Musiker wegzudenken ist. Die Kollaboration mit Rea Garvey mag der große Höhepunkt der Platte sein, zuvor zog uns das Power-Duett „Horizont“ mittels massiver Gitarren, gezielter Dudelsack-Spitzen und einer kraftvollen Marta Jandova jedoch ebenfalls den Boden unter den Füßen weg – trotz seines gänzlich anderen Ansatzes.

Mit „Mein Rasend Herz“ zeigen IN EXTREMO dem Genre neue Horizonte auf

Obgleich die sieben Musiker auch auf Album acht den geradlinigen Ansatz samt drückender Sackpfeifen-Wände („Raue See“) weiterhin wie im Schlaf beherrschen, suchen IN EXTREMO zusehends, die Grenzen des Mittelalter Rock auszuloten. Daher ist es nur konsequent, dass mit dem rotzig-rockigen „Spielmann“ eine unbekümmerte Introspektion den Schlusspunkt setzt – natürlich nicht, ohne sich bei aller Attitüde mit fast schon hymnenhafter Theatralik zu verabschieden.

„Spielmann“ ist wie ein kurzer Blick in die Seele dieser Band, die seit ihrer Gründung stets ihre eigenen Regeln geschrieben hat. Das ist ehrlich, das ist erfrischend, aber hätte sich aus marketingtechnischer Sicht natürlich nur bedingt als Vorbote eines Albums geeignet, welches dem stark von Konventionen geprägten Mittelalter Rock plötzlich ganz neue Horizonte aufgezeigt hatte.

Veröffentlichungstermin: 30.5.2005

Spielzeit: 48:20 / 52:11 (inkl. Bonus-Tracks)

Line-Up:

Das Letzte Einhorn: Gesang, Cister
Van Lange: Gitarre, Cister, Backing Vocals
Flex der Biegsame: Dudelsäcke, Tin Whistle, Drehleiher, Schalmaien, Uillean Pipe, Backing Vocals
Yellow Pfeiffer: Dudelsäcke, Nyckel Harpa, Schalmayen, Darabuka
Dr. Pymonte: Dudelsäcke, Pommer, Harfe, Hackbrett, Schalmeien
Die Lutter: Bass
Der Morgenstern: Schlagzeug

Produziert von Resetti-Brothers(Vincent Sorg und Jörg Umbreit)

Label: Universal Music

Homepage: http://www.inextremo.de
Facebook: https://www.facebook.com/officialinextremo

IN EXTREMO “Mein Rasend Herz” Tracklist

01. Raue See
02. Horizont (Video bei YouTube)
03. Wessebronner Gebet
04. Nur Ihr Allein (Video bei YouTube)
05. Fontaine La Jolie
06. Macht und Dummheit
07. Tannhuser
08. Liam
09. Rasend Herz
10. Singapur
11. Poc Vocem
12. Spielmann
13. Liam (German Version) | nur Ltd. Edition

Florian Schaffer
Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.