GARMARNA: Förbundet

Einer der spannendsten Acts abseits des hartmetallischen Universums legt vier Jahre nach seinem Comeback nach und untermauert eindrucksvoll, dass es für diese Band keine kreativen Absperrungen gibt.

GARMARNA sind ein Kleinod in der manchmal entweder antiquiert oder albern daherkommenden Folk(rock)szene, aus der sie spätestens mit ihrem Zweitwerk “Guds Spelemän” und der intensiven Slow-Mo-Interpretation des mittelalterlichen Klassikers ‘Herr Mannelig’ entwachsen sind

Treibende Rhythmen, packende Liveshows und als Ruhepol die mit einer unvergleichlichen Stimme gesegnete Emma Härdelin (singt auch bei TRIAKEL), von der ein amerikanischer Kritiker schrieb, sie könne nicht nur Glas, sondern Kontinentalplatten zersingen, sind seit je her die Markenzeichen dieses fünfköpfigen Gespanns, das durch die Hinzunahme von elektronischen Beats in hochspannender Manier traditionelles skandinavisches Liedgut in die Neuzeit transkribiert,

Nach dem 15-jährigen (Studioalbum-) Hiatus, der durch familiäre Verpflichtungen, aber auch durch eine gewisse Album-/Tour-Müdigkeit geprägt war, meldeten sich GARMARNA 2016 mit dem überragenden “6” in selbst für die experimentierfreudigen Schweden ungewohnt harter elektronischer Form zurück und zwangen nicht wenige Altfans, sich mit dieser äußerst folkinstrumentalreduzierten Version ihrer Lieblinge auseinanderzusetzen. Wer jedoch den Schritt ‘Över Gränsen’ gegangen ist, hat ihn jedoch auf keinen Fall bereut.

GARMARNA sitzen weiterhin zwischen Tradition und Moderne

“Förbundet” (dt.: die Union) könnte nun als Titel für das siebte Album nicht treffender gewählt sein: Erneut geht die aus Sundsvall stammende Combo den mehr als offensichtlichen Flirt mit künstlichen Soundelementen ein, besinnt sich gleichermaßen aber auch wieder verstärkt darauf, dass es in ihrer Geschichte auch mal eine Zeit gab, in der Violine, Drehleier, Mandoline, Lyra und die Hardangerfiedel eine gewichtigere Rolle innehatten.

Fast scheint es dabei so, als ob man selbst vor dieser Courage, die sich auf dem Vorgängeralbum offenbart hat, erschrocken wäre und nun um Schadensbegrenzung bemüht ist. Möglicherweise ist “Förbundet” aber auch nur der jetzt nachgeschobene notwendige Zwischenschritt, der zu “6” hätte hinführen sollen.

Wie es auch ist, GARMARNA sitzen jedenfalls weiterhin felsenfest zwischen Tradition und Moderne: ‘Sven I Rosengård’, das schon seit über 20 Jahren live dargebotene ‘Dagen Flyr’ und vor allem ‘Lussi Lilla’ sind treibende, angenehm EBM-lastige Folklore-Stücke, die (nach Corona) sowohl edelgewandete Gothics als auch dem Mittelalter Verbundene auf die entsprechenden Dancefloors zwingen und für zappelige Verzückung sorgen wird.

Diese besondere elektrisierende Aura manifestiert sich aber auch in der archaisch anmutenden Mystik von ‘Avskedet’, in der Härdelin mehr in den Vordergrund rückt und mit hallunterlegtem Gesang jede einzelne Silbe zelebriert und diese dem Hörer direkt in die Tiefen der Seele rollt.

Mörderische Geschichten gibt es auch auf “Förbundet” frei Haus

Insgesamt wandeln GARMARNA wie schon auf “6” auf äußerst lichtscheuen Pfaden, die nur selten wie im Falle von dem mit warmen Bässen und sanften Violinen unterlegten Ballade ‘Ur Världen Att Gå’ verlassen werden. Ein Terrain, auf dem sich auch wieder bestens mörderische Geschichten wie die von den ‘Två Systrar’ (dt.: Zwei Schwestern), von denen eine im Meer ihr nasses Grab findet, erzählen lassen.

Über die Singleauskopplung ‘Ramunder’ sagt die Band selbst: “Die Geschichte des Songs erzählt von einem grimmigen Krieger, der seine Feinde – so scheint es – aus purer Freude verwüstet. Das spiegelt sich musikalisch durch unerbittlich wildes Stampfen, verzerrte Bässe, elektronische Einflüsse und die Mora-Hafen wider. Irgendwie haben wir uns schon immer zu grausigen Geschichten hingezogen gefühlt.“

Trotz dieser teils schweren und bedrückenden hintergründigen Thematiken, ihres mittlerweile 30-jährigen Bandbestehens und – damit unweigerlich verbunden – in die Jahre gekommenen Protagonisten, von denen die drei Gründungsväter immer noch mit an Bord sind, klingen GARMARNA auf den neun “Förbundet”-Stücken so leicht, hip und beschwingt wie nie zuvor.

Mittlerweile bei Season Of Mist gelandet, hat die neben HEDNINGARNA (von denen Anders Norudde mit seiner Moraharpa ein kurzes Stelldichein gibt) wohl wichtigste nordische Folkformation mit “Förbundet” zwar keinen enormen Sprung nach vorne gemacht, sondern hat den Bogen zu ihren Wurzeln geschlagen und dem bislang Erreichten eindrucksvoll und ausgewogen Raum zum Entfalten gegeben. Fantastische Musik von einer einzigartigen Band, die zumindest jeder Metaller einmal in seinem Leben angecheckt haben sollte.

Veröffentlichungsdatum: 06.11.2020
Spieldauer: 41:52
Label: Season Of Mist
Website: https://de-de.facebook.com/Garmarnaoffical/

Line Up

Emma Härdelin – Vocals, violin
Stefan Brisland-Ferner – Violin, Viola, Hurdy gurdy, Keyboards, Nordic bowed lyre, Kantele, Moraharpa, Mouth harp, Electronics, Electric guitar, Mandolin, Backing vocals
Gotte Ringqvist – Acoustic guitar, Hardanger fiddle, Backing vocals
Rickard Westman – Electric guitar, Electric bass
Jens Höglin – Drums, Percussion, Electronics

Guest musicians: 
Maria Franz: Vocals on ”Två Systrar”
Anders Norudde: Moraharpa on ”Ramunder”
Ulf Gruvberg: Vocals on ”Lussi Lilla”

GARMARNA “Förbundet” Tracklist:

1. Ramunder (04:58) (Video bei YouTube)
2. Två Systrar (05:53) (Video bei YouTube)
3. Dagen Flyr (03:51) (Audio bei YouTube)
4. Sven i Rosengård (05:24)
5. Ur världen att gå (04:52)
6. Vägskäl (04:56)
7. Lussi Lilla (04:35)
8. Avskedet (05:27)
9. Din Grav (01:56)