EVENTIDE: Diaries From The Gallows

Großes Melodic Death Metal-Kino!

Ich bin kein Death Metal-Kenner. Wenn ich EVENTIDE mit IN FLAMES vergleiche, ist das wahrscheinlich so, wie wenn ein Filmignorant Herr der Ringe und Harry Potter vergleicht, weil ja in beiden Zauberer mit langen Bärten vorkommen und kleine Leute große Taten vollbringen. Am ehesten erinnert mich Diaries From The Gallows an Reroute To Remain, obwohl es mehr als genug Unterschiede zwischen den beiden Alben gibt. Tatsächlich sind EVENTIDE ausgesprochen eigenständig und agieren höchst souverän. Die Musik ist äußerst abwechslungsreich und mit Sicherheit verspielter und weniger hektisch als die von IN FLAMES. Passend zu der entrückten, geheimnisvollen Atmosphäre der CD gibt es ein exzellentes Coverartwork und eine ansprechende Inlayaufmachung von Niklas Sundin (DARK TRANQUILLITY). Es gibt wohldosierte Keyboardpassagen sowie geniale Geigenteile. Das hochmelodische Standards Of Rebellion ist mein persönlicher Favorit. Weitere Höhepunkt sind No Place Darker, The Skeleton Who Sold Its Skin und Killing What Can´t Be Handled. Die restlichen Songs sind wohl etwas kantiger, aber immer noch weit mehr als eine hirnlose Lärmorgie.

Hört man das Album mit geschlossenen Augen, wird zwangsläufig die eigene Fantasie inspiriert. In meinem Fall läuft ein Film ab, dessen ungefähren Verlauf und Inhalt ich nun wiedergeben will. Stimmungstechnisch würde ich den Streifen irgendwo zwischen Brothers Grimm und Strings (Kennt den jemand?) einordnen. Aber auch hier gilt: Die nötige Eigenständigkeit ist allgegenwärtig!

Zu Beginn (Into Illusion) steht ein Speedjunkie im Mittelpunkt. Die Welt um ihn herum ähnelt der unseren. Er sieht sich als Verteidiger der Realität und kämpft mit den unterschiedlichsten Mitteln gegen Glaubensvereinigungen. Soweit ähnelt der Film noch gängigen Actionthrillern mit Mystery-Touch. Den erfahrenen Kinogänger verwundert es wenig, dass die Aktivitäten des Junkies schon bald die Aufmerksamkeit von anderen Mächten als der Polizei auf sich zieht. Aus den Schatten materialisiert sich ein Engel (?), der ihn in seine Welt lockt. Wie im Film üblich ähnelt die Parallelwelt der Realität. Gleichzeitig verlieren hier die Farben an Kraft. Die Winkel wirken verzerrt und die Oberflächen wurden von den führenden Special Effects-Leuten hergestellt. Nach einem Streit (Killing What Can´t Be Handled) trennen sich die beiden Charaktere. Während der Junkie verirrt nach einem Weg zurück in seine Welt sucht, macht sich die Schattengestalt auf den Weg in ihre Heimat. Dort hatte er eine Hälfte seiner Persönlichkeit zurückgelassen. Das Wiedersehen mit ihr ist weniger erfreulich als erwartet. Ein Hauch von Entfremdung hängt über den beiden Seelenteilen (My Closest Demon).

Statt Tag und Nacht wechseln sich in der Schattenwelt Dunkel und Düster regelmäßig ab. Als Düster dämmert, eilt die Schattengestalt zur Versammlung der Oberen. Bei der Begegnung mit dem Speedjunkie hat sie etwas bekommen, das scheinbar große Bedeutung für das Fortbestehen der Parallelwelt hat. Als Zuschauer ahnt man, dass es verboten und zudem eigentlich unmöglich ist, sie überhaupt zu betreten. Die Handlung stockt ein wenig. Immerhin erfährt man, dass gefährliche Veränderungen im Gange sind (This Curse). Da die Schattengestalt sich weigert, ihr Geheimnis preiszugeben, nimmt man sie mit zum Galgenhügel. Hier tauchte jüngst etwas auf, das sich am ehesten als Riss in der Realität bezeichnen lässt. Als die Gruppe sich nähert, wird das wahre Ausmaß des Wirklichkeitsverlusts erst deutlich. Wabern, Licht, Nebel und ein unstetiger Puls bestimmen das Bild. Wie eine Walze schiebt es sich vorwärts. Nachdem jeder eine Seelenhälfte in sicherer Entfernung zurückgelassen hat, stellt sich die Gruppe sichtlich verängstigt dem unbekannten Element entgegen. Die geschickten Handlungen der einzelnen Mitglieder sind beeindruckend, scheinen das fremde Etwas jedoch eher noch zu stärken. Da tritt die Schattengestalt hervor und verwickelt es in einen Widerspruch aus Licht und Dunkelheit (No Place Darker). Geblendet von dem Spektakel wenden die anderen den Blick ab. Als sie wieder hinschauen, ist die Realität wiederhergestellt und die Schattengestalt verschwunden. Zu ihrer großen Verwunderung gibt es auch von der zweiten Seelenhälfte keine Spur. Die Leinwand wird schwarz und die Verunsicherung groß.

Eine friedliche Stille. Die Kamera fährt zurück und langsam kommt eine abgelegene Siedlung in Sicht. Die Hälfte der Gebäude ist zerfallen. Die verbliebenen Einwohner sind auf dem Dorfplatz versammelt. Sie sind dabei, ihre Häuser aufzugeben. Sie wollen sich der Rebellion gegen den Monarchen anschließen. Die Szenen sind überzeichnet, farb-, aber nicht kontrastlos. Die Stimmung ist von Verzweiflung und Entschlossenheit geprägt. Gleichzeitig schwebt über allem ein Hauch von Menschlichkeit und Harmonie. Hinter der Fratze der Gewalt ist noch ein humaner Geist erkennbar (Standards Of Rebellion). Die Burg des Herrschers entpuppt sich als bizarres Bauwerk voller schlanker Türme und hoher Mauern. Im Innern marschiert der König mit zornigem Gesichtsausdruck in den Kerker. Hier liegt der Speedjunkie aus der Anfangsszene in Ketten. Das Verhör bringt keine neuen Erkenntnisse. Niemand kann sich einen Reim auf das Auftauchen des Gefangenen machen, am wenigsten er selber (Indifferent). Einmal mehr brandet ein Ansturm des wütenden Volks gegen die Festungsmauern. Eine neue Schar Gefangener wird eingeliefert. Darunter ist eine abgemergelte Gestalt, die entfernt an die Schattenseele aus der ersten Filmhälfte erinnert. Der Verdacht erhärtet sich, als sie mit spielerischer Leichtigkeit die Existenz des Türschlosses negiert und auf flinken Füßen in einem dunklen Korridor verschwindet. Unentdeckt von den Wachen und erstaunlich agil sucht sie ihren Weg zu den königlichen Gemächern (The Skeleton Who Sold Its Skin). Die Umgebung ist in Aufruhr, da das Haupttor genommen wurde. Im Schlafzimmer des Königs herrscht jedoch noch eine trügerische Ruhe. Er ist wenig überrascht, als ihm auf einmal der Eindringling gegenübersteht. Bei seinem Anblick flackern Erinnerungsfetzen auf. Für kurze Momente ist das Dorf zu sehen, als es noch blühte; dann eine harmonische Familie, eine Brücke im Wald, ein tränenreicher Abschied (Vargavidderna). Dann bricht der Lärm der Schlacht in den Raum hinein. Die Blicke der beiden Kontrahenten treffen sich für einen Augenblick. Es folgt ein kurzer, harter Kampf (I, Enemy).

Abrupter Szenenwechsel zurück zum Galgenhügel. Das Schattenwesen hält den leblosen Körper des Junkies im Arm. In Rückblenden werden die Handlungslücken ausgefüllt. Man erfährt, dass die Seelenhälfte sich im Körper des Junkies versteckt gehalten und ihre Hülle der Unwirklichkeit geopfert hatte, welche sie zuvor eigenhändig erschaffen hatte. Die andere Hälfte hatte daraufhin alle Macht an sich gerissen und eine Schreckensherrschaft geführt. Man sieht noch einmal die Begegnung der wiedergeborenen ersten Seelenhälfte mit dem Junkie im Kerker, der man zuvor eher wenig Beachtung geschenkt hatte. (Confinement) Noch immer ist unklar, wer letztlich gesiegt hat und wie es zu der Wiedergeburt kam.

Es ist Fluch und Segen zugleich, dass bei jedem Hördurchgang eine etwas andere Geschichte abläuft. Deshalb kann ich diese letzten Punkte nicht mit endgültiger Gewissheit klären. Ich kann aber versichern, dass Diaries From The Gallows ganz großes Melodic Death Metal-Kino mit progressiven Nuancen bietet.

Veröffentlichungstermin: 27.10.2006

Spielzeit: 42:50 Min.

Line-Up:
Jacob Magnusson: Gesang, Gitarre
Sebastian Olsson: Gitarre
Thomas Magnusson: Bass
Max Seppälä: Schlagzeug

Produziert von EVENTIDE und Andy LaRocque
Label: Cartel Media

Homepage: http://www.eventideweb.com

Tracklist:
1. Into Illusion
2. Killing What Can´t Be Handled
3. My Closest Demon
4. This Curse
5. No Place Darker
6. Standards Of Rebellion
7. Indifferent
8. The Skeleton Who Sold Its Skin
9. Vargavidderna
10. I, Enemy
11. Confinement