ELECTRIC CALLBOY: Tekkno

In eine halbe Stunde Musik packen ELECTRIC CALLBOY mehr Genres als wir an einer Hand abzählen können. Der Abwechslungsreichtum hat schafft jedoch gleichzeitig ganz eigene Probleme.

Wie so viele andere sind auch wir gebrannte Kinder: Auch wir kauften einst in unserer Jugend voller Erwartung das Studioalbum eines angesagten Pop-Künstlers, nur um anschließend festzustellen, dass neben einer oder zwei Hit-Singles vor allem Schaufel-Ware und Füllmaterial die Spielzeit komplettieren sollten. Ganz so drastisch wie einst bei EIFFEL 65 fallen wir bei ELECTRIC CALLBOY nun zwar nicht aus den Wolken, ein kleines Dé-jà-vu können wir indes nicht abstreiten.

„Tekkno“ begeht nämlich den entscheidenden Fehler, seine vier viralen Hit-Singles direkt an den Anfang zu packen: Die launigen und lebensfrohen Party-Kracher „We Got The Moves“ sowie “Pump It” sorgen einerseits für einen kurzweiligen Auftakt nach Maß, hängen die Latte zugleich aber ziemlich hoch. Dieser Spritzigkeit und Spielfreude laufen ELECTRIC CALLBOY im Anschluss zu oft vergebens hinterher, obschon die sympathische Pop-Punk-Nummer „Fuckboi“ zwischen AVRIL LAVIGNE und BLINK-182 geradezu meisterlich die goldene Ära der späten 90er heraufbeschwört.

ELECTRIC CALLBOY zeigen sich stilistisch abwechslungsreich, als Gesamtwerk ist “Tekkno” jedoch nicht immer schlüssig

„Spaceman“ mit Gastrapper FINCH addiert immerhin noch eine weitere stilistische Facette hinzu, obwohl sich hier der unbedarfte Ansatz der Band bereits leicht abzunutzen scheint. Die Symbiose aus Metalcore, elektronischen Elementen und bisweilen gegensätzlichen Genres von Hardstyle über Trance bis eben Rap mag abwechslungsreich sein, richtig schlüssig ist „Tekkno“ als zusammenhängendes Album jedoch nicht. Deshalb wirkt auch der Schlager-Deathcore-Verschnitt „Hurrikan“ im EXCREMENTORY GRINDFUCKERS-Stil letztlich wie ein Fremdkörper, gerade weil die zweite Plattenhälfte tendenziell die ernstere Seite ELECTRIC CALLBOYs repräsentiert.

Zumindest mit Ausnahme des unsäglichen „Tekkno Train“, dessen Textzeilen wie „Shaky shaky sweaty sweaty / You make my spaghetti ready“ oder „Licky, licky, sucky sucky / yeah, you make my lolly poppy“ selbst ironisch vorgetragen bestenfalls zum Fremdschämen sind. Immerhin: Respekt an das Sängergespann Kevin Ratajczak und Nico Sallach, die diese peinlichen Lyrics offenbar vortragen können, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

Nach dem ersten Drittel haben ELECTRIC CALLBOY bereits viel von ihrem Pulver verschossen

Etwas rehabilitieren sich ELECTRIC CALLBOY dafür mit „Mindreader“, wo sie den Spagat zwischen tanzbaren Rhythmen samt unterschwelligen Techno-Anleihen und düster-nachdenklichem Inhalt meistern. Dank des abschließenden „Neon“ endet „Tekkno“ darüber hinaus auf einem Hoch zwischen 80s-Synth-Rock und einer beherzten Gesangsperformance Nico Sallachs.

Ein spätes Highlight allein ist jedoch kaum genug, um trotz der kurzen, doch für diesen Genre-Mix vollkommen ausreichenden Spieldauer von 30 Minuten die Dramaturgie des Albums zu retten. Auf den furiosen Auftakt folgt ein annehmbares, allerdings weitgehend unspektakuläres zweites Drittel. Schlimmer noch: Beizeiten fühlt sich „Tekkno“ weniger wie ein Album denn eine Ansammlung einzelner Songs an. Die ist zwar qualitativ glücklicherweise weit weg von bloßer Schaufel-Ware, hat jedoch mit angesagten Pop-Künstlern unserer Kindheit eines gemeinsam: Abseits der Hit-Singles wird das Eis schnell merklich dünner.

Veröffentlichungstermin: 16.09.2022

Spielzeit: 30:35

Line-Up

Kevin – Vocals, Keys
Nico – Vocals
Daniel – Guitar
Pascal – Guitar
Daniel – Bass
David – Drums

Produziert von ELECTRIC CALLBOY, Daniel Haniss (Mix) und Christoph Wieczorek (Mastering)

Label: Century Media

Homepage: https://www.electriccallboy.com/
Facebook: https://www.facebook.com/electriccallboy

ELECTRIC CALLBOY “Tekkno” Tracklist

  1. Pump It (Video bei YouTube)
  2. We Got The Moves (Video bei YouTube)
  3. Fckboi (Video bei YouTube)
  4. Spaceman (Video bei YouTube)
  5. Mindreader
  6. Arrow of Love
  7. Parasite
  8. Tekkno Train
  9. Hurrikan (Video bei YouTube)
  10. Neon