DDP: Alexithymie

Alltag abschalten, Kummer und Freude musikalisch verarbeiten, Sozialkritik mit Querdenkertendenz, endlich mal etwas Anderes als den Radio-Einheitsbrei – hierfür bieten DDP die passende Deutschpunk-CD.

Wir sind dagegen! Und wofür seid ihr? Dieses Textfragment aus 40 Jahre 1968 macht exemplarisch deutlich, wo das Känguruh lang läuft. DDP (DER DICKE POLIZIST) spielen Deutschpunk und bemühen sich redlich, das Genre neu zu erfinden. Textlich hat das Kölner Quartett mehr zu bieten als das plakative Zitat zu Beginn dieser Rezension. Die Fragmente, Phrasen und Verschachtelungen sind nicht immer ganz nachvollziehbar. Im Endeffekt ist das immer noch interessanter als die Tralala-Texte, die DIE TOTEN HOSEN mittlerweile vertonen. Da die Musik über weite Strecken sehr rastlos daherkommt, kann man den Texten oft nur mit dem Inlay vor Augen folgen. Keine Frage, DDP klingen trotz aller Professionalität ungeschliffen. Als distanzierter Zuhörer steht man auf verlorenem Posten. Man muss zuerst in die Musik eintauchen, mitgehen, die Emotionen des Gesangs aufnehmen, bevor die einzelnen Worte greifen kann.

Trilogie würde bei vielen anderen Bands oberflächlich klingen. Doch DDP schaffen es durch das rasende Tempo und die schlüssigen Melodieanteile ein fast schon greifbares Gefühl zu vermitteln. Aus den Textfetzen, die man versteht, baut man so lange zusammen, bis eine eigene kleine, seltsame Welt da ist. Oder man stellt auf Dauerschleife und hat irgendwann Respekt vor der Leistung, aus einer trivialen Situation einen packenden Punksong zu bauen.

Die musikalische Bandbreite reicht von chaotisch schnell über rockig bis zu verhaltenen Momenten am Ende der CD. Einige melancholische Stücke, darunter das tolle Kummerkasten, wecken Erinnerungen an DER TRICK IST ZU ATMEN. Anderswo schimmern in den Harmonien Altmeister wie NORMAHL durch. Gerade zu Beginn des Albums werden eher die Wurzeln betont. Im Laufe der Spielzeit entfaltet sich dann aber die Eigenständigkeit, die auch bei einem konventionellen Aussteiger-Song der Marke Ein Rat durchklingt.

Man kann die meisten Melodien nicht gleich mitsingen und mit Alkohol im Blut nimmt man vermutlich in erster Linie nur noch pauschal Punk-Geräusche wahr. Alexithymie eignet sich folglich besser für den Hausgebrauch. Alltag abschalten, Kummer und Freude musikalisch verarbeiten, Sozialkritik mit Querdenkertendenz, endlich mal etwas Anderes als den Radio-Einheitsbrei – hierfür bieten DDP die passende CD. Denn das Kölner Quartett agiert erfreulich unangepasst, ohne dabei zu sperrig oder zu belanglos zu klingen. Man sollte sich also nicht von dem bizarren Känguru-Cover abschrecken lassen, das über den musikalischen Inhalt herzlich wenig aussagt.

Veröffentlichungstermin: 17.10.2008

Spielzeit: 38:28 Min.

Line-Up:
Schmatzel: Gesang, Gitarre
derthorsten: Gitarre, Gesang
Wuschel: Bass, Gesang
Capri: Schlagzeug, Gesang

Produziert von Uwe Sabirowsky und Tobias Konold
Label: Impact Records / Broken Silence

Homepage: http://www.derdickepolizist.de

Tracklist:
1. Alexithymie
2. Datum auf der Rechnung
3. 40 Jahre 1968
4. Erkenntnis
5. Raus
6. Café Central
7. Trilogie
8. Ein Rat
9. Kummerkasten
10. Django und ein Fass voll Blut
11. 999
12. Immer weiter
13. Desperate Übermorgen
14. Kopf Seele Nichts