DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES: Quatorze Pièces de Menace

DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES: Quatorze Pièces de Menace

Bienvenue, la nuit. Ich konnte es nicht erwarten, bis es dunkel wird. Wie ein in den Schatten lauernder Schurke wartete ich auf das Zwielicht, bis die Sonne schwer hinter den Kastanienbäumen versank und der Nacht das Feld überließ. Jetzt kann ich wieder atmen, mich wieder bewegen. Es riecht nach dem Ende des Jahres, nach verwelkenden Blättern, nach feuchter Erde. Ich liebe diese Jahreszeit, mehr als jede andere. Meistens wegen den schönen letzten Sonnentagen, wegen dem strahlend bunten Laub, manchmal weil es einfach Zeit für Dunkelheit wird. Diese Dunkelheit ist heuer besonders zäh und reichhaltig. Aus ihren Poren tritt, wie schwere Tropfen, ein Ton nach dem anderen.

DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES hinterlassen wieder Nachrichten an Diane, zum dritten Mal schon, auch wenn sie diese niemals hören wird. Die Schwarze Hütte hat heute Nacht zu, die Dämonen schwirren durch die Straßen, der Wind übertönt das Kratzen ihrer Fingernägel an den Außenwänden der alten Gebäude und das Schleifen ihrer Füße auf dem Boden. Quatorze Pièces de Menace, das dritte Albums des Kollektivs aus dem französischen Brest, es schlendert dahin wie diese freigelassenen Erdgeister, ziellos, ruhelos. Der Weg ist das Ziel, der anbrechende Tag ist die Sperrstunde. Aus allen Richtungen kommen Töne, Geräusche, langsame Rhythmen, pulsierende Bässe, traurige Melodien, ätherische Gesänge. DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES, so scheint es anfangs, lassen sich durch ihr neues Album ebenso treiben wie das lichtscheue Gesindel durch die engen Gassen. Quatorze Pièces de Menace beginnt mit einem zwanzigminütigem Stück, das binnen eines Wimpernschlags die Marschrichtung für die kommenden fünfundsiebzig Minuten vorgibt: Es wird pechschwarz.

Mit einem wahnsinnig guten Gespür für Atmosphäre türmen DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES ihre Soundberge auf, bleiben oft unwahrscheinlich leise und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. BOHREN UND DER CLUB OF GORE sind gegen weite Teile der Musik auf Quatorze Pièces de Menace purer Stress. Vertonte Langeweile gibt es von DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES aber dennoch nicht zu hören. Ich vergesse Raum und Zeit, gebe das Ruder des Bewusstseins nur zu gern aus der Hand. Brosme en Dos-Vert ist ein Dark Jazz-Monolith, aber danach sind die Stücke trotz ihrer anhaltenden Epik etwas greifbarer. Das liegt vor allem daran, dass oft schauerlich-schöner Gesang zum Einsatz kommt – mal vom bereits Quartett-erprobtem Gaëlle Kerrien, der schon auf Metamanoir Akzente setzen konnte, dann wieder von der wunderbaren Alicia Merz (von BIRDS OF PASSAGE und BROTHER SUN, SISTER MOON), die Julee Cruise und ihrem legendären Auftritt im Roadhouse von Twin Peaks in absolut nichts nachsteht.

Quatorze Pièces de Menage ist die pure Gänsehaut. Sie will einfach nicht weichen, das Album hält mich so sehr in seinem Bann, dass außerhalb des Kegels der kleinen Schreibtischlampe alles andere verwischt und surreal wird. Nourrain Quinquet, Celadon Bafre und Mange Tanche sind dunkle Stücke zwischen Wave und Dark Jazz – die Schublade Funeral Jazz wurde recht passend hier aufgemacht – und begeistern nicht zuletzt wegen Kerriens Timbre und seinem Händchen für betörend schöne Gesangslinien. Und in Calbombe Camoufle Fretin, Il Bamboche Empereurs, und Lampyre Bonne Chère ist Merz diejenige, der scheinbar der ganze Ruhm zusteht. Aber das Grundgerüst der Musik, die Band selbst, stets im Hintergrund agierend, legt großen Wert darauf, dass alles zusammen passt, dass keiner aus der Reihe tanzt, dass ein lückenloses Gesamtbild entsteht. Ein zurückhaltendes, aber richtiggehend erotisches Stück ist La Ventrée Rat de Cave, das fast gänzlich instrumental bleibt, die Türen für ein paar Trompeten und Klarinetten öffnet und mir plötzlich mit extrem wirkungsvollen Sprachsamples den Boden unter den Füßen wegzieht. Vielleicht ist das kurze L´Escolier Serpent Éolipile auf den ersten Blick etwas deplatziert, weil es beinahe rockig ist, zumindest lockert es den Fluss des mit fünfundsiebzig Minuten sehr langen Albums auf und fügt sich gut ins Gesamtbild ein.

Traditionellen Jazz spielten DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES selbstredend nie, aber auf Quatorze Pièces de Menace entfernen sie sich noch weiter von diesen Wurzeln, als schon zuletzt, zugunsten von einer bizarren Atmosphäre, einer so alles umschmeichelnden Dunkelheit, dass der großzügig verwendete Terminus Jazz selbst nur noch selten passt. Klassische Rhythmen sind beinahe vollständig verschwunden, immerhin wummert der Bass noch häufig sonor vor sich hin. Egal, wie DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES ihre Musik nun spielen, das Ergebnis ist besser als bisher: Mit jedem Ton, mit jeder Note lassen die Franzosen meine Nackenhaare zu Berge stehen. Alles ist perfekt akzentuiert, die Stücke haben Raum sich zu entfalten, Leerlauf gibt es aber keinen. An allen Ecken und Enden gibt es etwas zu entdecken, es ist beängstigend dicht instrumentiert.

Nicht nur ihre eigene Diskografie hat durch Quatorze Pièces de Menace eine Krönung erfahren. DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES stechen hiermit auch locker THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE aus, einfach weil hier Instrumentierung, Arrangements, Atmosphäre und Songwriting extrem gut passen. Diese Verneigung an die Nacht hätte nicht besser ausfallen können. Auch wenn ich DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES einiges zugetraut habe, dieses Album, mit seinen vielen Stimmungen, mit seiner unterschwellig gefährlichen und bösen Seite, mit seiner Sinnlichkeit, mit seiner Gabe, alles andere vergessen zu machen, ist völlig konkurrenzlos. Quatorze Pièces de Menage liegt zwischen subtilem Horror und unnahbarer Schönheit und brilliert in beinahe jeder Sekunde – fraglos ein ganz großes Album.

Veröffentlichungstermin: 27. September 2013

Spielzeit: 73:44 Min.

Line-Up:
DALE COOPER QUARTET:
Gaël Loison
Christophe Mevel
Yannick Martin

THE DICTAPHONES:
Zalie Bellacicco
Gaëlle Kerrien
Ronan Mac Erlaine
Alicia Merz
Krystian Sarrau
Philippe Champion
Cyril Pansal

Produziert von DALE COOPER QUARTET
Label: Denovali Records

Homepage: http://dalecooperquartet.bandcamp.com

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/dalecooperquartet

Tracklist:
1. Brosme en Dos-Vert
2. Nourrain Quinquet
3. Calbombe Camoufle Fretin
4. Oribus Sustente Lingue
5. L´Escolier Serpent Éolipile
6. La Ventrée Rat de Cave
7. Il Bamboche Empereurs
8. Celadon Bafre
9. Ignescence Black-Bass Recule
10. Mange Tanche
11. Lampyre Bonne Chére