COLDWORLD: Isolation

Mehr als nur ein weiteres Lockdown-Album: COLDWORLD lassen mit „Isolation“ ihre Erfahrungen zur Pandemie authentisch Revue passieren.

Kaum zu glauben, aber es sind bereits zweieinhalb Jahre seit der ersten Pandemiewelle vergangen. Rückblickend betrachtet gehörten meine Familie und ich zu den Glücklichen in dieser Zeit: Keine drei Monate zuvor waren wir in unser Haus am Waldrand gezogen, wir konnten uns relativ frei bewegen, Sozialleben gab es dank Baby eh keins und wir und alle, die uns lieb und teuer waren, blieben verschont von Covid-19 und einem schweren Verlauf – und doch war nicht alles leicht in dieser Zeit.

„Isolation“ zeigt persönliche Szenen des Lockdowns – COLDWORLD erschaffen dadurch ein großes Gesamtbild.

Georg Börner, Mastermind hinter COLDWORLD hatte offensichtlich ein schweres Päckchen zu tragen. Immerhin ist das dritte Album seines Projekts der Zeit gewidmet, in welcher er sich in Isolation befand. Bei „Isolation“ ist der Titel also Programm, und die Musik ist ebenso widersprüchlich, wie die Gefühle, die in solchen Zeiten vorherrschend sind. Der atmosphärische Black Metal, (vielleicht auch Post Black Metal, niemals aber Depressive Black Metal!) von COLDWORLD ist etwas fragmentiert. Kein Wunder, drei der acht Stücke wurden innerhalb weniger Wochen im Frühjahr 2020 veröffentlicht und sie alle zeigten bereits eine andere Seite.

Das alles auf Albumlänge fortgeführt entfaltet sich noch weiter. „Isolation“ wird dabei nicht zu einem aggressivem Album, aber hier liegt auch nicht COLDWORLDs Stärke. Es ist viel mehr die Melancholie, die aus jeder Note des Albums quillt. Das wirkt zu Beginn noch fast verträumt, wie „Soundtrack To Isolation“ schön zeigt. Es hat etwas fast Befreiendes – der Weg in die Einsamkeit und Klaustrophobie führt in COLDWORLDs Welt über eine Realitätsflucht mit Streichern, gelegt über Post Rockige-Riffs. Ein Wunderschönes, eigentlich friedliches Stück.

Zunächst friedlich, dann bedrückend: COLDWORLD zeigen auf „Isolation“ sehr persönliche Szenen der Pandemie.

Danach scheint Georg Börner in der harten Realität gestrandet zu sein: „Walz“ ist mit unter vier Minuten vergleichsweise kurz und brutal, ohne jedoch an Geschwindigkeit zuzunehmen und wandelt seine Form dennoch sehr elegant in Richtung Subtilität. Dennoch, „Isolation“ wird immer intensiver. Das triste „We Are Doomed“ ist vielleicht das beste MY DYING BRIDE-Stück der vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahre und geht dank klagender Streicher unwahrscheinlich unter die Haut. COLDWORLDs meistern die Disziplin Doom, als hätten sie niemals etwas anderes getan. Das ebenfalls doomige, aber deutlich grimmigere „Wound“ greift dies gekonnt auf.

Weite Strecken des Albums sind instrumental, sofern Georg Börner seine Stimme einsetzt ist sie im Hintergrund verortet und dabei meistens melodisch. Das verstärkt den Eindruck, dass „Isolation“ relativ fragmentiert ist – im besten Sinne des Wortes. Es sind einzelne Szenen, die COLDWORLD entstehen lassen, Momentaufnahmen, die zusammengenommen ein stimmiges Bild ergeben. Dass mit dem Intro „Leere“, „Five“ und „Isolation Stagnation“ drei Ambientstücke mit unterschiedlichen Stimmungen und Ausrichtungen auf „Isolation“ stehen, ist somit nicht störend, sondern passt ins große Ganze.

Poetisch und intensiv, auch ohne Effekthascherei: COLDWORLD passen mit „Isolation“ exzellent in die kommende, dunkle Jahreszeit.

Der stilistische Sprung sowohl innerhalb der Diskografie als auch innerhalb des Albums, den COLDWORLD vollziehen, ist recht groß, obwohl bereits die letzten EPs des Projekts immer recht unterschiedlich ausfielen und jede Veröffentlichung von Georg Börner unter diesem Namen aufs Neue überrascht. So zwingend und persönlich, mit derart starken Riffs, Harmonien und mitreißender Atmosphäre, präsentierte er sich jedoch nie. Gerade der Einsatz der sorgsam arrangierten Streicher lässt „Isolation“ so besonders werden. Das zeigt sich zuletzt in „Hymnus“, das sehr trist beginnt, sich aber am Ende doch noch entfalten darf. Ein Happy End ist das nicht gerade, aber das Finale des Stücks – und somit des ganzen Albums – sorgt dafür, dass „Isolation“ kohärent ausklingt.

„Isolation“ ist ein gelungenes, authentisches Album, aber es ist auch bedrückend und anstrengend. Diese Ehrlichkeit in Kunst gepackt ist durchaus poetisch und wahnsinnig intensiv, auch ohne Effekthascherei. Dadurch passt COLDWORLDs drittes Album exzellent in die kommende, dunkle Jahreszeit, wenn der Rückzug ins Heim, freiwillig oder unfreiwillig, bevorsteht. Große Gefühle, großes Kino!

Wertung: 7 von 8 Lieferando-Bestellungen fürs Binge-Watching

VÖ: 30. September 2022

Spielzeit: 43:34

Line Up:
Georg Börner

Label: Eisenwald

COLDWORLD „Isolation“ Tracklist

1. Leere
2. Soundtrack to Isolation (Official Audio bei Youtube)
3. Walz (Official Audio bei Youtube)
4. We Are Doomed
5. Five
6. Wounds (Official Audio bei Youtube)
7. Isolation Stagnation
8. Hymnus

Mehr im Netz:

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