CANDLEBOX: Wolves

Die Grunge-Heavyrocker CANDLEBOX kommen, dreißig Jahre nach ihrer Gründung, mit einem neuen Album um die Ecke. Lohnt sich das? Ja klar: Klingt noch immer überraschend frisch. Das Talent für catchy Songs haben sie nicht verloren. Und wenn sie damals schon in Deutschland nicht über den Geheimtipp-Status hinwegkamen, sind sie das noch immer: ein Geheimtipp für alle Fans cool und lässig groovender Rock-Hymnen.

Freunde! Lasst uns mal den Flux-Kompensator anwerfen und in der Zeit zurückreisen. Wir schreiben das Jahr 1993. Die Grunge-Bewegung ist auf ihrem Zenit: NIRVANA veröffentlichen ihr Album „In Utero“, PEARL JAM ihr zweites Album „Vs.“. Von da ab sollte es mit dem Grunge steil bergab gehen. Er wird kalkulierter, die Plattenfirmen überschwemmen den Markt mit immer neuen Klonen, er tötet sich selbst. Aber just in diesem Moment kommt ein Debüt auf dem Markt, das den Spirit dieser Bewegung sehr gut und hörenswert einfängt. Es ist das Debüt von CANDLEBOX. Eine Band, eher aus der zweiten Reihe: Aber deren Album sich millionenfach verkauft. Catchy Songs, kleine Hits, ordentlich 70s-Vibe: geiles Teil. Eine junge Band, hungrig und talentiert.

Zeitreise zurück in die Gegenwart. Wir schreiben das Jahr 2021. Und just bringen CANDLEBOX ein neues Album auf den Markt. „Wolves“ ist es betitelt, das siebte mittlerweile. Und verdammt: Wie sehr mochte ich die Band damals? Nein, sie haben in Europa nie etwas groß gerissen. Aber sie hatten Talent. Alle meine Alben, die ich je von Candlebox besaß, habe ich als Ramschkisten-Käufe getätigt: keine CD hat mehr als 3,99 DM gekostet. Ja: D-Mark! Damals gab es den Euro noch nicht! Aber dass diese Band etwas kann, dass sie mehr ist als jede x-beliebige Band, die auf den Grunge-Zug aufsprang, das wusste ich schon damals. Denn: Sie wurden als Opening Act für die Tour der Prog-Götter RUSH eingeladen. Von den Musikern persönlich. Das gelingt nicht jedem. Das ist der Ritterschlag: Misserfolg in Europa hin oder her. Und die Frage ist: Was können sie heute, im Jahr 2021? Ist die Musik immer noch Wert, gehört zu werden?

CANDLEBOX: Rockhymnen, fast beiläufig

Ich gebe es ja zu: Ich hatte CANDLEBOX fast vollständig aus dem Blickfeld verloren. Das letzte Mal, dass ich mich in diese Band verliebt hatte, war im Jahr 1998: Da hatten sie gerade ihr drittes Album „Happy Pills“ veröffentlicht. Auch die Metal-Presse war angetan: Neun von zehn Punkten im „Rock Hard“-Fanzine, was ihnen damals bescheinigt wurde: songwriterische Qualitäten, fragil austarierte Balance zwischen Schwermut und gesunder Härte, wilde Leidenschaft und kühle Distanz. Sorry, das trifft den berühmt-berüchtigen Nagel auf den vielzitierten Kopf. Willkommen im Jetzt: genau DAS möchte ich auch für das neue Album festhalten!

Meine Sorge war, dass dieses Album altbacken klingen könnte, wie eine Reminiszenz an die 90er Jahre, müde: eine Retro-Nummer. Vielleicht sind CANDLEBOX eine der wenigen Grunge-Bands, die überlebt haben, den Sound noch aufrecht erhalten. Aber ich kann Entwarnung geben. Auch “Wolves” tönt frisch, lebendig, rockig. Wenn sie mittlerweile auch weit von früheren Erfolgen und Verkaufszahlen entfernt sind.

Schon damals klang die Musik zeitlos, weil sie sich -das ist jetzt kein Widerspruch- stark am Sound der 70s orientiert haben. Es gibt hier eine ordentliche Brise Classic-Rock. Und es gibt viele coole, abgehangene Grooves. Große Refrains mit ausladender Geste. Und Songs, die vielleicht nicht beim ersten Hören zünden. Aber dann eben doch. Die ersten drei Alben waren auch deshalb gut, weil man sie -in einem alten Opel Kadett fahrend- auf dem Weg zum Baggersee in Ostthüringen hören konnte. Und Spaß hatte. Das waren kluge, subtil groovende Rock-Nummern. Handtuch raus, sich nackt an den FKK-Strand legen. Ja: Wir haben ihre Songs damals mit einem Ghetto-Blaster gehört. Diese großen, schweren Kisten, bei denen nach drei Stunden die Batterien alle waren. Ein Schwan pickte nach den mitgebrachten Pommes, die Girls fanden uns alle doof: Weil sie nicht CANDLEBOX hören wollten, sondern Rednex mit „Cotton Eye Joe“. Was waren das für geile Zeiten?

Und ja, falls Ihr es noch nicht gemerkt haben solltet: CANDLEBOX waren ein Teil meiner Jugend. Umso weniger objektiv kann ich vielleicht das neue Album beurteilen: Jetzt, da ich keine 18 Jahre alt mehr bin, sondern 44 Lenze zähle. Aber brauche ich auch nicht. Denn es ist gut. Sänger Kevin Martin, mittlerweile 52 Jahre alt, hat immer noch eine jugendliche, rotzig klingende Stimme. Er hat nichts an Ausstrahlung verloren. Das ist ein großer Pluspunkt. Die Gitarren: teils bluesig, teils hart rockend. Dann wieder mit Stadionrock-Appeal, flirrend melodisch, fast in Richtung U2 schielend. Der Opener „All Down Hill From Here Now“ ist eine cool groovende, eingängige Rock-Nummer. Sie funktioniert. Zuckersüßer Pre-Chorus. Spielt diesen Song IRGENDJEMANDEM vor, der nie von der Band gehört hat. Und er würde Euch sagen, dass dies ein Song einer hungrigen Nachwuchs-Band ist. Ein größeres Kompliment kann man einer Band vielleicht nicht machen, die sich vor mehr als 30 Jahren gegründet hat!

Sänger Kevin Martin ist einzig verbliebendes Mitglied der Urbesetzung: Aber auch seine neuen Mitstreiter sind Könner. Die beiden Gitarristen Brian Quinn und Island Styles pendeln variabel zwischen harten Riffs und melodischem Tremolo, beherrschen erdigen Blues ebenso wie das Spiel mit Pedalen und Effekten. Und auch Schlagzeuger Dave Krusen sollten Eingeweihte kennen: Er trommelte auf Pearl Jams Debüt “Ten”. Krusen musste PEARL JAM nach nur einem Album verlassen, obwohl er den Groove des Jahrhundert-Debüts wesentlich mitprägte: persönliche Probleme, Depressionen, Alkohol. Unmittelbar nach Ende der Aufnahmen begab er sich 1991 in eine Entzugsklinik. Mittlerweile hat er seine schwierige Zeit überwunden. Und es ist gut, ihn mit seinem markanten Stil wieder auf einem Rock-Album zu hören. Das Schlagzeug klingt lebendig, variabel, manchmal relaxed oder gar funky groovend. Es ist zudem sehr organisch produziert.

Mehr Classic Rock: mit sensibler Note

Weiter in der Playlist: Auch Song Numero zwei, „Let Me Down Easy“, beginnt mit einem bluesigen Hard-Rock-Riff. Die Classic-Rock-Einflüsse waren bei CANDLEBOX stets präsenter als bei anderen vergleichbaren Bands. Das macht Spaß. Ey: Wenn WOLFMOTHER große Erfolge feiern, hätte es die Band aus Seattle doch eigentlich auch verdient. Man rockt aber eben nur so breitbeinig, wie man zugleich sensibel ist. Ja, auch das war immer schon ein Teil von CANDLEBOX: Statt sich im Machismo zu suhlen, sind da Zerbrechlichkeit, Sensibilität, zarte Melancholie: Wir Macker am Baggersee wollten doch damals auch nichts anderes als Liebe!

Denn das war ja das Schöne am Grunge: Dass er den gängigen Rockismen und Macho-Posen was entgegen hielt: Sensibilität, Melancholie, eine neue Verletzlichkeit. Und damit auch ein neues Männlichkeits-Bild im Rock. Realistischer, menschlicher. Psychologisch glaubwürdiger als die Machismo-Posen des Cock-Rock. Das war natürlich ein Gewinn, oft als Weinerlichkeit verspottet. Und auch hier gibt es wieder persönliche Texte, oft nah dran an der Nabelschau: über enttäuschte Lieben und Erwartungen, zu viel Alkohol, zerstörerischen Exzess, über das Älterwerden. “Du warst der Whiskey in meinem Atem, / Du warst im Abseits und ich war high,/ als ich merkte, dass du die Liebeslieder vergessen hattest/ Wie ein Hurrican, der sang,/ war es Tom Petty mit seinem Swing?/ Oh, und diese Songs haben sie an mich gebunden,/ Baby, komm nach Hause!”, fleht (von mir ziemlich frei übersetzt) Kevin Martin.

„Riptide“ ist dann eine Halbballade: Es wird ordentlich gelitten, gesäufzt und das große Gefühl beschworen. Hier klingt dann doch ein bisschen BON JOVI durch: oder CREED in ihren weniger ausstehlichen Momenten. Seufz! Ja klar: Hätten wir damals am Baggersee auch mitgenommen, um die Jaqueline aus dem Dorf zu bezirzen und uns in aller Verletztlichkeit zu zeigen. Singen CANDLEBOX im Refrain „Nana/Nananananana/Nananananana“? Skip-Taste, ick hör dir tappsen.

„Sunshine“ ist dann sehr viel besser. Slide-Gitarre, abgehangener Groove, okayer Refrain, durchaus lässig rockend. Kann man gut hören, während man auf der Autobahn ins Wochenende fährt. Auch „My Weakness“ ist ein guter Song: fast poppig, aber gut nach vorn gehend, ein kleiner Hit. Wäre Anfang der 90er bestimmt oft im Radio gelaufen: Wenn CANDLEBOX nicht hinein grätschen würden, dann doch einen muskulösen Refrain präsentieren. Aber ausreichend catchy! Wir haben es ja auch mit einem Album zu tun, das „Wölfe“ heißt. Nicht „Dackel“ oder „Zwergpinscher“, sondern „Wölfe“. Ja gut: Wenn es auch sehr melodieverliebte, auf Harmonie ausgerichtete Wölfe sind. Quasi die Stadionrock-Version mit glänzendem Fell und gepflegten Zähnen. „Nothing Left to Lose“ ist dann wiederum eine straighte, fast punkig groovende Nummer: unerwartet Aggro, mit ordentlich Adrenalin. Die Produktion ist gut: klar, druckvoll und transparent. Das Schlagzeug ist wuchtig, das Zusammenspiel der Band ist tight.

Fazit: Aber klar, das Album kann was. Statement einer Grunge-Band, die immer mehr war als Grunge: 70s-Rock, Classic-Rock, Alternative. Und die gut ist, unterbewertet. Jemand muss den deutschen Rockfans sagen, dass man hier mal reinhören sollte! Okay, das wäre hiermit geschehen.

 

Release-Datum: 17. September 2021
Label: Pavement Entertainment

CANDLEBOX: Wolves Tracklist

1. All Down Hill From Here
2. Let Me Down Easy
3. Riptide
4. Sunshine
5. My Weakness
6. We
7. Nothing Left To Lose
8. Lost Angeline
9. Trip
10. Don’t Count Me Out
11. Criminals

Besetzung:
Gesang, Akustikgitarre: Kevin Martin
Gitarre: Brian Quinn
Bass: Adam Kury
Gitarre: Mike Leslie
Schlagzeug: Dave Krusen