A LIQUID LANDSCAPE: Nightingale Express

A LIQUID LANDSCAPE: Nightingale Express

Kompliment. Die Newcomer A LIQUID LANDSCAPE haben mit Nightingale Express wirklich ein starkes Debütalbum vorgelegt. Auch für die eigene Namenswahl darf sich das Quartett niederländischer Herkunft auf die breite Bandschulter klopfen. Passt einwandfrei zur Musik. Dazu noch dieser Albumtitel. Da muss man doch zwangsläufig ans Reisen denken… und wenn die Musik dazukommt, dann geht es auch schon los.  
Ich halte fest: Das Konzept vor bzw. hinter dem Album geht voll auf. Nochmal zu gratulieren wäre mir jetzt doch fast irgendwie zu schleimig, also lass ich das mal lieber… schon mal nen Tintenfisch gehalten? Aufklärung folgt.     

Gibt man sich den Klängen auf Nightingale Express in angemessener Atmosphäre (Tageszeit: wenigstens Dämmerung, Licht aus, Kerze an, Kopfhörer auf, gemütliches Sofa/Bett, Kuscheldecke/Hund/Katze/Partner – bei dem Punkt gibt es Variationsmöglichkeiten) hin, könnte man tatsächlich meinen, man säße nachts ganz alleine in einem wunderbar flauschigen Zugabteil, von wo aus all das Schwere in der Welt da draußen eine ganz eigene Gestalt annimmt. Bei mir ist es ein riesiger, sanft schlafender Oktopus geworden – nicht zu verwechseln mit dem Prachtexemplar (The Octopus) von AMPLIFIER. Hey! So was passiert eben, wenn man sich auf Traumreise begibt. Die sphärischen Soundscapes auf Nightingale Express zwingen einen regelrecht dazu. Leicht wie eine Feder gleitet der Nachtigall-Express durch überwiegend ruhige, melodische und herrlich leichtfüßige Modern-Prog-Rock-Songs, die mit steigender Fahrzeit immer stärker in ihren Bann ziehen. 
   
            In der Fremde  von Joseph von Eichendorff
                     
               Ich hör die Bächlein rauschen
                Im Walde her und hin,
                Im Walde in dem Rauschen
                Ich weiß nicht, wo ich bin.

                Die Nachtigallen schlagen
                Hier in der Einsamkeit,
                Als wollten sie was sagen
                Von der alten, schönen Zeit.

                Die Mondesschimmer fliegen,
                Als säh ich unter mir
                Das Schloss im Tale liegen,
                Und ist doch so weit von hier!

                Als müsste in dem Garten
                Voll Rosen weiß und rot,
                Meine Liebste auf mich warten,
                Und ist doch lange tot.

Auch wenn die Epoche der Romantik schon einige Jahre zurückliegt. Liebe und Sehnsucht spielen auch heute noch die beiden Hauptrollen im Film des Lebens. Der Titelsong Nightingale Express eröffnet das Konzept-Werk mit einer emotionalen Berg- und Talfahrt. Knapp 13 Minuten lang geben sich auf diesem kleinen Epos tiefe Selbstzweifel, Hoffnungsschimmer, resignierte Kapitulation und leises Aufbegehren die Klinke in die Hand. Mutig von den Jungs, den größten Klotz als Opener zu platzieren. Macht aber auch Sinn. Bekanntlich beginnt ja jede Reise mit dem ersten Schritt, und der braucht nun mal immer am meisten Zeit.  

Auf den verbleibenden zehn Songs geht es vergleichsweise kompakt zu. Das Wechselspiel der Gefühle scheint sich immer mehr einzupendeln. Es bleibt zwar ein Hin und Her auf hohem musikalischem Niveau, aber eben eines, bei dem unaufhaltsam ein harmonisches Miteinander die Oberhand erlangt. Die kurzen, geschickt platzierten Wanderer´s Log-Intermezzi You, Me und das rein instrumentell gehaltene Storm (nomen est omen!) stechen hervor, ohne aus dem Rahmen zu fallen, und verhelfen der Albumdramaturgie so zu zusätzlicher Dynamik. Spätestens wenn der Chor in Come On Home zur Heimkehr aufruft, läuten für Frau Vorwärts- und Herrn Rückwärtspendel die Hochzeitglocken. Zusammen schwingt es sich eben doch am schönsten. Geflittert wird am Ende auf der Secret Isle. Dort besingt Sänger/Gitarrist Fons Herder gemeinsam mit seiner Duett-Partnerin die (viel zu frühe) Ankunft in bester ANATHEMA-Manier. Wie sich die Nummer nach dem Sturm langsam zu Apollo in den Olymp emporschaukelt ist einfach großartig. Überhaupt lebt Nightingale Express von seiner durchgehend luftigen Atmosphäre, die dank der transparenten Produktion überaus gut zur Geltung kommt.

Die bereits genannten ANATHEMA zählen zusammen mit KARNIVOOL und DREDG zu den offensichtlichsten musikalischen Vorbildern – Bands, mit denen man in der Vergangenheit teilweise schon zusammen die Bühne geteilt hat. Vor allem hat man sich abgeschaut, dass ein gutes Song-Arrangement Herz und Seele viel mehr bewegt als 1000 Noten in Schallgeschwindigkeit. 

Auch wenn A LIQUID LANDSCAPE noch etwas an Eigenständigkeit zulegen müssen, um Teil des ganz großen Karussells zu werden: Athmo-Rockern liefert das gut 52-minütige Debüt-Werk mehr als genug gute Gründe, mal wieder ein Schnäppchen-Ticket fürs Kopfkino zu lösen.        

Ob man in Zukunft über A LIQUID LANDSCAPE reden wird? Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Veröffentlichungstermin: 20.02.2012

Spielzeit: 52:17 Min.

Line-Up:
Niels van Dam – Guitar
Robert van Dam – Bass
Fons Herder – Vocals & Guitar
Coen Speelman – Drums

Label: Glassville Records

Homepage: http://aliquidlandscape.nl

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/aliquidlandscape

Tracklist:
1. Nightingale Express
2. Wanderer´s Log – You
3. June Fifth
4. Phases
5. The Unreachable
6. Wanderer´s Log – Me
7. Thieves Of Time
8. Out Of Line
9. Come On Home
10. Wanderer´s Log – Storm
11. Secret Isle

Markus
Markus ("boxhamster") hat das Magazin 1999 gegründet und kümmert sich um die Technik und die Weiterentwicklung von vampster, schreibt ab und zu Reviews und fotografiert bei Festivals und Konzerten.