Die Geschichte von SPOCK’S BEARD bietet Besetzungswechsel zur Unzeit und damit verbunden ein Wechselspiel aus musikalischen Höhepunkte und kreativen Durststrecken. Eine Konstante ist und bleiben jedoch die Live-Qualitäten des Quintetts. Dank ihrer unbändigen Spielfreude hat sich die Band schon immer vom Rest der Progressive-Rock-Szene abgehoben. Entsprechend fuhr ich mit reichlich Vorfreude nach Aschaffenburg, obgleich ich das neue Album „The Archaeoptimist“ erst einmal gehört hatte, ohne dass viel hängengeblieben war.
Vor dem Colos-Saal hatte sich bereits eine längere Schlange gebildet. Am Ende war der Club dann auch bestens gefüllt, als die Band pünktlich um 20 Uhr die Bühne betrat. Los ging es mit „At the End of the Day“, dem Opener des großartigen „V„-Albums. Ich kenne kein besseres Lied, dass über 15 Minuten Spieldauer wie ihm Flug vergehen lässt. Die Musiker schlängelten sich durch die flotten Refrains, die verträumten Zwischenteile und die klobigen Einschübe, über die zwischendurch fleißig soliert wurde.
Klar, es war nicht mehr ganz die gleiche Besetzung wie vor 25 Jahren, als mich die Live-Version dieses Songs zum ersten Mal verzückte. Ted Leonard machte seine Sache als Lead-Sänger gut. Seine Performance hat zwar nicht das Charisma und den dirigierende Drive, den Neal Morse seinerzeit verströmte. Aber er harmonierte dennoch prächtig mit dem Rest der Gruppe. Ryo Okumoto an den Keyboards, Dave Meros am Bass und Alan Morse an der Gitarre ließen nichts anbrennen und genossen sichtlich den Auftritt. Die drei Urgesteine sorgten mühelos dafür, dass alles ganz klar nach SPOCK’S BEARD klang. Neuzugang Nick Potters am Schlagzeug machte seine Sache ausgezeichnet. Da war kein verpasster Einsatz, kein Zögern, keinerlei Überforderung. Stattdessen sah man immer wieder eine wortlose Kommunikation der Musiker untereinander, die das Augenzwinkern in den Instrumentalteilen unterstrich. Kurzum: Hier waren Vollblutmusiker am Werk, die jede Note mit Hingabe und Feingefühl intonierten.
Das alte Feuer brennt noch – mit Spielfreude zelebrierte die Band in Aschaffenburg ihre Longtracks.
Ryo schnitt Grimassen, Alan Morse entlockte seiner Gitarre wundersame Töne und Dave Meros, der tags zuvor seinen 70. Geburtstag gefeiert hatte, lieferte den pumpenden Bass, der die vertrackten Rhythmen erst so richtig flüssig klingen ließ. Das Bühnengeschehen alleine hätte schon für ein gutes Konzert gesorgt. So richtig mitreißend wurde der Abend dann aber durch das bestens aufgelegte Publikum, dass die Band nach Strich und Faden abfeierte. Bandenergie traf auf Fanenergie. Das Ergebnis war eine sensationelle Stimmung. Dabei war es praktisch egal, ob SPOCK’S BERARD alte oder neue Longtracks spielten. Den Songs vom neuen Album fehlt zwar die poppige Eingängigkeit der Frühwerke. Doch was soll’s? Zuhause am CD-Spieler (oder Streaming-Gerät) mag mich das ernüchtern. An diesem Abend im Colos-Saal aber wurde Progressive Rock gefeiert als lebendige Musik, als gemeinschaftliches Erlebnis Gleichgesinnter.

Als bei „On a Perfect Day“ (vom selbstbetitelten neunten Album) dann die Tonabnehmer von Alans Akustikgitarre nicht funktionieren wollten, löste er das Problem, indem er eben in sein Gesangsmikro spielte. Natürlich klang das etwas scheppernd. Doch war eben genau das ein wundervolles Beispiel dafür, dass trotz der mit Technik vollgestellten Bühne die Musik live gespielt wurde – ohne Klick, ohne Backingtracks, dafür mit Improvisationstalent und mit ständiger Interaktion aller Beteiligten.
SPOCK’S BEARD hatten bei der Setlistzusammenstellung die Qual der Wahl.
Natürlich überlegt man vor so einem Konzert, welche Songs man gerne hören würde. Diese Überlegungen waren während dem Auftritt dann aber vergessen. Die Band kann ohnehin unmöglich alle Erwartungen erfüllen. Mit 14 Studioalben (inklusive „Snow“ als Doppel-Album) fällt es den Musikern sicher nicht leicht, sich auf eine Setlist zu einigen. Im Gegensatz zum Jahr 2000 fehlt auch die Eingespieltheit, um spontan Wünsche zu erfüllen und nach Lust und Laune Cover-Songs einzustreuen. Das alles kümmerte während des Auftritts letztlich niemanden. Wir waren da, um die Musik zusammen zu feiern, in sie einzutauchen und der Band unsere Begeisterung zu zeigen.
Die gespielten Songs boten dann auch reichlich Abwechslung zu vorhergehenden Tourneen. Zum Glück haben SPOCK’S BEARD genügend tolles Material, um nicht auf eine stets gespielte Top-Five-Hit-Liste angewiesen zu sein. So habe ich an diesem Abend endlich auch den letzten Song von „Day for Night“ gehört, den ich bis dahin noch nie bei einem Konzert erleben durfte. Ich war mir selbst dankbar, alle Setlist-Spoiler im Vorfeld gemieden zu haben. So freute ich mich über jeden gespielten Song – und kümmerte mich nicht über mögliche, rein hypothetische Alternativen. Frei von Gedanken, die nur meine Laune getrübt hätten, voll mit Melodien, Instrumenten-Akrobatik und herrlichen Gesangsarrangements, die Ted, Alan und Nick kongenial rüberbrachten. Nach einer überlangen Zugabe mit reichlich Soloeinlagen kamen die fünf Musiker dann auch wenige Minuten später direkt zum Merchandise-Stand für Autogramme und Gespräche.
Setlist SPOCK’S BEARD:
- At the End of the Day
- Invisible
- Crack the Big Sky
- Electric Monk
- On a Perfect Day
- The Archaeoptimist
- Walking on the Wind
- Next Step
- Go the Way You Go (Zugabe)