KLYTAIMNESTRA am 22. Oktober 2000 in der Münchner Reithalle

KLYTAIMNESTRA am 22. Oktober 2000 in der Münchner Reithalle

Nicke oder nicke nicht, bis man dir das Genick zerbricht

Was für einen Sinn könnte es eigentlich machen, gleich zweimal über das Metal Opern/Theater-Stück Klytaimnestra zu berichten, wenn es sich nach wie vor um die gleiche unabgeänderte Aufführung handelt, um das selbe Ensemble, um dieselben Texte und die selben Songs? Ich nenn´ euch zwei: Zum einen waren die Rahmenbedingungen für die Aufführung in München am 22. Oktober in der Reithalle etwas anders gelagert, als es bei den ersten Aufführungen letztes Jahr in Memmingen der Fall war und zum anderen war das subjektive Empfinden ein gänzlich anderes.

Was das eigentliche Stück angeht, so kann ich im Grunde tatsächlich komplett auf meinen ersten Bericht verweisen, da sie hier keine erkennbaren Unterschiede ergaben. Das Stück wurde ergreifend in Szene gesetzt und von den Darstellern hervorragend dargeboten. Zwar gab es nach wie vor verschiedene Schwächen im gesanglichen Bereich, was aber nie unerträglich wurde und man dadurch verzeihen konnte, dass auch der Gesang zur jeweiligen Figur sehr gut passte (ich denke da vor allem an Agammemnon, dessen Macht und Kraft gerade durch seinen unmelodischen Schreigesang recht gut dargestellt war). Und wenn es um den Gesang geht, dann taten sich erneut zwei Figuren besonders hervor: Klytaimnestra selbst – dargestellt durch Joséphine Weyers und Die grinsende Maske – dargestellt durch Ralf Weikinger. Letzterer war einfach perfekt besetzt: der energiegeladene Gesang, die teils übertriebene aber stets treffende Darstellung und die bissigen, zynischen Kommentare bildeten eine hervorragende Einheit mit der clownhaften Schminke, den langen roten Haaren und dem Lederoutfit. Und genauso könnte ich mir für die Klytaimnestra keine andere Darstellerin vorstellen, als eben die Joséphine Weyers. Der Stolz, die Weiblichkeit, das Gefühl und die Gnadenlosigkeit, all diese Eigenschaften konnte man in ihr erkennen und gleichzeitig mit ihr mitfühlen. Ja und dann eben ihr Gesang! Von klarem Gesang bis zu deathigen Grunzern passte sie ihrem stimme jeder Zeit dem Kontext an und gab der Figur Klytaimnestra diese ganz besondere Ausstrahlung. Grandios!

Was für mich aber den größten Unterschied zur ersten Aufführung von Klytaimnestra ausmachte, war die Tatsache, dass ich zum einen wusste, was auf mich zukam und zum anderen, dass ich Songs des Stückes kannte. Und gerade dies machte für mich das Stück noch faszinierender, als ich es beim ersten mal empfand. War man beim ersten Sehen vielleicht noch von Einzelheiten beeindruckt, konnte man sich nun auf verschiedene andere Dinge konzentrieren, die zuvor vielleicht noch nicht denselben Stellenwert hatten wie die offensichtlichen Blick- und Gedankenfänger. So erlebte ich beispielsweise die anfängliche Baustellenszene als um einiges sinniger, als ich es noch bei der ersten Aufführung tat oder empfand die Figur des Agisthos als um ein vielfaches präsenter. Letzten Endes war es aber halt doch die Musik von David DeFeis, die mich am meisten beeindrucken konnte. In diesem Ambiente erscheinen die Songs von The House of Atreus Part 1 und Part 2 viel eindringlicher, als es jemals auf CD der Fall sein könnte. Höhepunkte waren hierbei erneut Child of Desolation und When the Legends Die, aber auch all die anderen Stücke jagten einem ein ums andere mal eine Gänsehaut über den Körper. Vielleicht sollte sich David DeFeis doch überlegen, ein paar ausgewählte Songs mit den Darstellern der Oper erneut aufzunehmen, ich denke, das Konzept würde auf jeden Fall aufgehen!

Nachdem das Stück – das in zwei Akten dargeboten wurde – dann beendet war, durften die anwesenden Zuschauer noch einem ganz besonderen Schmankerl beiwohnen. Klytaimnestra-Darstellerin Joséphine Weyers betrat – nachdem das gesamte Ensemble mehrfach abgefeiert wurde – die Bühne um David DeFeis selbst zu sich zu bitten, der unter Jubel vom Publikum begeistert empfangen wurde. Von Band erklang erneut die Musik von Great Sword of Flame und die beiden legten ein beeindruckendes Duett hin, das von dem hervorragenden Zusammenspiel der beiden Sänger lebte. Man merkte einfach, dass zwischen den zweien die Chemie stimmte und das übertrug sich auch aufs Publikum. Ein einmaliges Erlebnis.

Doch damit sollte der Abend noch nicht abgeschlossen sein. Nach einer ca. 5-minütigen Pause erschien David DeFeis erneut auf der Bühne, diesmal begleitet von Ed Pursino, heute lediglich mit einer Akustik-Gitarre bewaffnet. Was folgte waren mehrer Medleys von älterem und neuem VIRGIN STEELE-Material, sowie ein paar Balladen, die alle in einem beeindruckenden Akustik-Set dargeboten wurden. Was die Medley´s betrifft, so durften sich die Fans von VIRGIN STEELE sowohl über Material der neuen Alben freuen (Great Sword of Flame kam so gleich zum dritten mal zum Zuge), als auch über ältere Sachen, wie z.B. The Burning of Rome, das ich in dieser Version zunächst fast gar nicht erkannt hätte. Und gerade bei den Medleys konnte sich Ed Pursino hervorragend in Szene setzen und beweisen, was für ein großartiger Gitarrist er doch ist. Auch ohne Verzerrer und Effekte erschaffte er mit seiner Klampfe eine enorme Power, die die ideale Basis für den mitreißenden Gesang von David DeFeis bildete. Zwar konnte mich der Set nicht über seine gesamte Länge hin fesseln und vor allem die Balladen im zweiten Teil des Auftritts waren mir etwas zu langatmig, dafür entschädigte mich aber die Tatsache, Don´t close your Eyes einmal live und in dieser Form erleben zu durfen (so schmalzig der Song auch ist, er ist klasse!).

Zu Schade, dass sich große Teile des anwesenden Publikums nicht die Zeit nahmen, auch diesem Teil des Abends beizuwohnen und so konnte vermutlich nicht ganz die Magie hergestellt werden, die wohl am Vorabend in der Reithalle geherrscht hatte, wie mir zuvor verschiedene Leute berichtet hatten. Dennoch waren die Übriggebliebenen mehr als zufrieden, diese einmalige Sache miterlebt haben zu dürfen.

Am Ende bleibt mir einmal mehr nur eins zu sagen: wenn ihr irgendwann einmal die Gelegenheit habt, Klytaimnestra erleben zu können, dann nutzt sie. Es lohnt sich wirklich!

Fierce

Fotos: http://www.modern-music.de

Fierce
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