Winterliche Temperaturen, frostige Windböen und eisiger Regen: Es sind die idealen Voraussetzungen, den heutigen Valentinstag in trauter Zweisamkeit im schimmernden Kerzenschein zu feiern. Ein solider und in der kalten Jahreszeit durchaus verlockender Plan, hätte da nicht eine Sache bereits im Vorhinein der Romantik einen Strich durch die Rechnung gemacht. Tatsächlich sind es JINJER, die am heutigen Abend zu einem Valentinsdate der anderen Art laden: Statt Rosenblüten und Dinner gibt es Riffs und Moshpits; statt Harmonie die Konfrontation im „Duél“. Wie können wir da also Nein sagen, zumal die letzte Headline-Tournee der Ukrainer:innen nunmehr knapp fünfeinhalb Jahre zurückliegt?
TEXTURES

Zunächst jedoch steht in nahezu ausverkauften Münchner TonHalle das Vorprogramm an, dem die Niederländer TEXTURES zum Auftakt ein wenig ihrer Magie schenken wollen. Dementsprechend motiviert betritt das Gespann die Bühne, obwohl vor allem Daniël de Jongh heute den Widrigkeiten trotzen muss. Er sei furchtbar krank, lässt uns der Sänger nach einer Weile wissen, nachdem wir Ähnliches während des ruhigen Intros von „New Horizons“ bereits vermuteten.
Gerade in den gefühlvolleren Passagen will die Singstimme heute nicht mitspielen, wobei zumindest die kraftvollen bis harschen Vocals weiterhin sitzen. Zwar können sich TEXTURES aufgrund dessen kaum von ihrer Sahneseite präsentieren, doch die Bühne selbst beherrschen die sechs Musiker dennoch wie die Routiniers, die sie sind. Das Energielevel halten die Musiker hoch und nutzen dabei jeden Zentimeter der Bretter für sich, wo sie sichtlich Spaß haben: Den Zuschauern präsentiert Bassist Remko Tielemans während des Gitarrensolos in „Timeless“ gar die berühmten „Spirit Fingers“.
TEXTURES sind motiviert, können heute aber ihre Bestform nicht abrufen

Die Show des Sextetts kommt in der bayerischen Landeshauptstadt entsprechend gut an, obwohl es Keyboarder Uri Dijk nicht leicht hat, gegen den dominanten Bass im Soundmix anzukämpfen. Glück im Unglück: Auch ohne die feineren Details des Progressive Metals können die Fans zielsicher im Takt klatschen oder sich im rabiaten Abschluss „Laments Of An Icarus“ in den Pit stürzen. Eigentlich schade also, dass TEXTURES heute aus gesundheitlichen Gründen nicht ihre Bestform abrufen können.
TEXTURES Setlist – ca. 40 Min.
1. Closer To The Unknown
2. New Horizons
3. Singularity
4. Timeless
5. Measuring The Heavens
6. Awake
7. Laments Of An Icarus
Fotogalerie: TEXTURES






















UNPROCESSED

Kaum aufzuhalten scheinen hingegen UNPROCESSED, die ominös mit dröhnendem Bass und viel Nebel in ihr Set starten, um dann binnen kürzester Zeit die TonHalle hinter sich zu versammeln. Das liegt sicherlich auch am cleveren Stilmix des Quartetts, der anspruchsvolle Prog-Riffs mit Djent-Einflüssen sowie zuckersüßen Gesangslinien paart, nur um neuerdings mit massiven Breakdowns gezielt einen Keil ins Getriebe zu rammen.
Wie explosiv diese Mischung im Live-Setting wirken kann, demonstriert der Opener „111“, der wie ein Großteil des Sets dem aktuellen Werk „Angel“ (2025) entnommen ist. Selbiges entfaltet erst im heutigen Rahmen sein komplettes Potenzial, möchten wir meinen, zumal UNPROCESSED auf Abwechslung bedacht sind: Das groovige „Snowlover“ lädt zum Springen ein, den ungewöhnlichen Rap-Part von „Solara“ übernimmt heute kein Gast, sondern der unermüdlich über die Bretter stürmende Bassist David John Levy, und das eingängige „Beyond Heaven’s Gate“ addiert noch ein paar anschmiegsame Synth-Spuren hinzu.
Die Chemie zwischen UNPROCESSED und dem Müncher Publikum stimmt

Die größeren Reaktionen ernten UNPROCESSED hingegen für das etwas ältere Liedgut, als „Thrash“ einen stattlichen Circle Pit losbricht und die Ballade „Glass“ aus dem Publikum mit einem Lichtermeer begleitet wird. Ehrensache, dass Frontmann Manuel Gardner Fernandez im Anschluss aus beiden Händen ein Herz formt: Die Chemie stimmt eben, obwohl die vier Musiker für den Großteil der Anwesenden nicht einmal der Hauptgrund der Zusammenkunft sein dürften.
An der Wall of Death in “Lore” beteiligen sich die Münchner:innen dennoch gerne und bereitwillig, nicht nur weil Gitarrist Christoph Schultz die Stimmung mit einem kleinen SLAYER-Zitat zusätzlich anheizt. So stürmisch das Set begonnen hat, so kompromisslos endet es nach einer knapp Dreiviertelstunde mit „Terrestrial“. Viel zu kurz? So könnte man durchaus argumentieren, hätten wir doch gegen ein spontanes Headline-Set zu diesem Zeitpunkt rein gar nichts einzuwenden gehabt.

UNPROCESSED Setlist – ca. 45 Min.
1. 111
2. Sleeping With Ghosts
3. Beyond Heaven’s Gate
4. Thrash
5. Glass
6. Sacrifice Me
7. Snowlover
8. Lore
9. Solara
10. Terrestrial
Fotogalerie: UNPROCESSED



















JINJER

Die Alternative wiederum heißen wir selbstverständlich ebenfalls mit offenen Armen willkommen: JINJER haben wir über die Jahre zwar in aller Regelmäßigkeit erleben dürfen, zuletzt jedoch vorwiegend in Kurzform auf Festivals oder als Tour-Support für Bands wie SEPULTURA oder BULLET FOR MY VALENTINE. Folglich war ein Headline-Set mit voller Produktion längst überfällig, wie uns die rund 2000 Fans in der TonHalle lauthals bestätigen, als nach dem Changeover endlich die Lichter erlöschen und das Bandlogo über den massiven LED-Screen im Hintergrund flimmert.
Dort sollen sich im weiteren Verlauf noch allerlei Szenen abspielen, von animierten Schlangen über abstrakte Klassenzimmer bis hin zu begleitenden Textfragmenten. Die Qualität der Visuals ist dabei nicht immer einheitlich: Liebevoll gezeichnete Cartoon-Optik wechselt sich mit qualitativ in die Jahre gekommenen CGI-Clips ab. Stören soll das freilich nicht, denn im Endeffekt konzentriert sich ohnehin alles auf eine Person.
JINJER-Sängerin Tatiana Shmayluk ist über die Jahre in ihrer Rolle als Frontfrau gereift

Sängerin Tatiana Shmayluk stolziert heute im weißen Kleid samt pinkem Korsett über die Bühne. Dazu kecke Strümpfe und schwarze High Heels: In der Mode versiertere Personen nennen das vermutlich Stil-Ikone, wir konzentrieren uns hingegen lieber auf die Performance. Wie sehr die Frontfrau über die Jahre in ihrer Rolle gereift ist, zeigt sich früh in „The Green Serpent“, wo Shmayluk nicht nur stimmlich die hohen Regionen sicher erreicht, sondern nebenbei mit laszivem Hüftschwung den Takt mitnimmt.
Für selbigen sind selbstverständlich ihre drei Mitstreiter verantwortlich, die sich wie gehabt bewusst in die äußeren Regionen der breiten Bühne zurückziehen, um von da aus wie ein Uhrwerk Riffs und Bass-Lines auf den Punkt zu setzen. Ausnahme ist natürlich Drummer Ivan, der mit seinem Drumkit nicht aus kann und folglich in der zweiten Reihe zentral Platz nimmt. Das instrumentale Fundament ist jedoch ganz entscheidend für den prägnanten Bandsound, der in „Fast Draw“ unnachgiebig und kompromisslos den Pit anheizt, nur um in „Vortex“ anschließend wieder verspielt um Tatianas Melodiebögen zu tänzeln.
Was JINJER live hervorragend gelingt, ist die Balance aus Härte und Exzentrik

Aus welcher Schaffensperiode das Material nun kommt, scheint den Münchner Fans dabei herzlich egal, wobei mit „Teacher, Teacher!“ der erste Evergreen des Abends nicht nur umjubelt aufgenommen, sondern auch mit stimmlicher Unterstützung quittiert wird. Was JINJER grundsätzlich hervorragend gelingt, ist jedoch die Balance aus Härte und Exzentrik, die nicht nur das im Zentrum stehende Album „Duél“ (2025) prägt, sondern auch während des Sets für klug gesetzte Zäsuren sorgt.
„Tantrum“ etwa mischt mit Blastbeats und markanten Bass-Spitzen das Set nach dem ersten Drittel gehörig auf, während die progressiven Strukturen und kraftvollen Gesangslinien im Finale von „I Speak Astronomy“ Ähnliches für den zweiten Abschnitt erreicht. Fast vergessen haben wir zu diesem Zeitpunkt, dass am heutigen Tag eigentlich die Romantik im Vordergrund stehen sollte, als uns plötzlich ein besonders hingebungsvoller Fan an das eigentliche Datum erinnert: Mit Rose in der Hand segelt selbiger während „Perennial“ über die Hände der Zuschauer:innen nach vorne, um die rote Blüte der überraschten Sängerin zu überreichen.
Eine Valentinstags-Rose für JINJER-Sängerin Tatiana Shmayluk

Ganz Showfrau nimmt Tatiana Shmayluk das unerwartete Präsent nicht nur dankbar an, sondern platziert die Blume für den restlichen Song und den nächsten fest in der Mikrofonhand – immerhin ist sie offenbar keine Allergikerin. Nach so viel Valentinstagsflair muss man selbstverständlich etwas entgegensteuern, weshalb JINJER mit dem groovenden „Rogue“ schließlich noch ein wenig MESHUGGAH-Vibes nachlegen, bevor der virale Bandhit „Pisces“ das reguläre Set beschließt.
Nachschlag haben sich die Münchner:innen selbstverständlich verdient und so darf es zur Feier des Tages in der TonHalle noch einmal laut werden: „Sit Stay Roll Over“ zeigt JINJER nochmals von ihrer verbissenen Seite. Als klassisches Dessert wohl gänzlich ungeeignet passt der explosive Schlusstrack allerdings hervorragend zum heutigen Abend, wo wir uns doch ganz bewusst gegen Candlelight Dinner und für den Moshpit entschieden haben. Dass es am Ende in Form einer einzelnen Rose sogar eine winzige Spur Romantik gab, ist schließlich die kuriose wie passende Krönung dieses rundum gelungenen Valentinstagskonzerts.

JINJER Setlist – ca. 77 Min.
1. Duél
2. The Green Serpent
3. Fast Draw
4. Vortex
5. Disclosure!
6. Tantrum
7. Teacher, Teacher!
8. Kafka
9. Judgement (& Punishment)
10. Hedonist
11. I Speak Astronomy
12. Perennial
13. Someone’s Daughter
14. Rogue
15. Pisces
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16. Sit Stay Roll Over
Fotogalerie: JINJER

























Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)