SO HIDEOUS: Interview mit Brandon Cruz, dem Henry Purcell der Gegenwart

Neulich hat mich “None But A Pure Heart Can Sing”, das neue Album der US-Amerikaner SO HIDEOUS, richtig umgehauen. Der starke und nicht alltägliche Mix aus Post Black Metal, Hardcore, symphonischen Elementen und Afrobeats hat nicht nur Innovatives sondern auch Bewegendes an sich. Daher wollten wir bei Songwriter Brandon Cruz nachfragen, was es mit dem neuen Album so auf sich hat.

Vorab Gratulation zu eurem neuen Album. “None But A Pure Heart Can Sing” hat mich auf Anhieb abgeholt und auf eine spannende Reise mitgenommen – ganz egal, in welcher Stimmung ich mir das Album anhöre. Welchen Stellenwert räumst du der Emotion in der Musik ein – im Gegensatz oder in Verbindung mit (deinem) künstlerischen Anspruch?

Ich danke dir vielmals. Ich denke, die Emotionen sind für mich als Komponist der wichtigste Punkt, auf den ich Wert lege. Es kann darum gehen, verschiedene Schattierungen zu bekommen, aber es sollte immer eine Farbe haben. Ich versuche, es nicht zu sehr zu intellektualisieren. Vermittelt es mir ein starkes Gefühl? Drückt es das aus, was wir uns vorgenommen haben? Das ist genug…

Seit “Laurestine” sind sechs Jahre vergangen. Waren diese Jahre ganz dem neuen Album “None But A Pure Heart Can Sing” gewidmet oder habt ihr die Zeit für andere Projekte genutzt?

SO HIDEOUS kam zum Stillstand, aber ich bin dankbar für diese Zeit. Ich wurde Vater und mit dieser Verantwortung änderte sich auch mein Verhältnis zur Kunst und die Zeit, die mir zur Verfügung stand, um sie zu schaffen. Ich nutzte die Zeit, die mir zur Verfügung stand, um sicherzustellen, dass ich mit diesem Album die Geschichte erzähle, die ich erzählen wollte, ohne den ganzen überflüssigen Unsinn, der in einer funktionierenden Band anfällt, oder den ständigen Versuch, Inhalte zu schaffen. Es entwickelte sich zunächst in Schüben über mehrere Jahre hinweg und dann schließlich in 18 Monaten harter Arbeit.

Im Gegensatz zu “Laurestine” fühlt sich das neue Album kraftvoller und zwingender an. Welche Unterscheidungsmerkmale kannst du zwischen den beiden Alben feststellen?

Das sind meine beiden Lieblingsplatten in unserem Katalog, aber sie repräsentieren zwei völlig unterschiedliche Denkweisen und klangliche Ziele. “Laurestine” war als ein Album über innere Zustände gedacht. Es geht um den Tod und darum, wie wir die Zeit, die uns noch bleibt, bewältigen können. Ein Album der Stille und des Nachdenkens. “None But A Pure Heart Can Sing” war das totale Gegenteil, denn ich wollte ganz dringlich sein und mich ständig bewegen, in diesem Gefühl der Erregung, wenn man neue Ideen hat und sich völlig frei fühlt.

Ich wollte mit “None But A Pure Heart Can Sing” zur reinsten Form des Selbstausdrucks zurückkehren.

Was wolltet ihr mit dem Albumtitel “None But A Pure Heart Can Sing” ausdrücken?

Ich wollte wirklich zur reinsten Form des Selbstausdrucks zurückkehren. Ich wollte den Prozess wieder genießen. Als ich meine erste Gitarre bekam und damit im Haus meiner Eltern Krach machte … war es mir egal, ob ich gut war oder nicht. Ich liebte einfach das Gefühl. Keine Trends. Keine Szenen. Einfach ganz ehrlich sein und der Muse folgen.

Was steckt hinter der Auswahl des Cover-Artworks beziehungsweise, wen stellt es dar?

Ich hatte diese Vorstellung von jemandem, der in Gefangenschaft war und sein Lied frei und ohne Angst singen wollte.

Auf “Laurestine” hast du – dezent und von der Öffentlichkeit gerne überhört – Segmente von Vivaldi und Bach als Basis verwendet. Welche klassischen Musikstücke sind auf “None But A Pure Heart Can Sing” versteckt?

Ich glaube, Vivaldi, Max Richter und Arvo Part sind auf diesem Ding. Die mittelöstlich klingenden Skalen stammen definitiv von Rachmaninoff und Penderecki war die Grundlage für die Toncluster und Dissonanzen.

Wie bist du bei der Musiker-Auswahl der Streicher und Blechbläser vorgegangen?

Wir hatten eine Beziehung zu Earl vom SEVEN SUNS STRING ENSEMBLE, als er uns half, einige Shows für “Laurestine” live zu spielen. Die Bläser wurden ausgewählt, als ich herausfand, dass sie mit dem Grammy-gekrönten Afro-Beat-Kollektiv ANTIBALAS spielten. Ich bewunderte diese Alben sehr und wollte dieses Gefühl unbedingt auf der Platte haben.

Der Einfluss der Gast-Musiker war eine wirklich demütigende und schöne Erfahrung

Haben die Gastmusiker dann noch Einfluss auf die Kompositionen genommen?

Ja. Normalerweise ist das nicht der Fall, aber die Art des Albums erlaubte uns mehr Flexibilität. Die Bläser hatten einige wirklich wunderbare Ideen, die nicht auf dem Notenblatt standen, und wir haben diese Takes schließlich behalten. Das war eine wirklich demütigende und schöne Erfahrung.

Was waren generell die Überlegungen, gerade diese Streich- und Blechblasinstrumente für das Album zu verwenden?

Eigentlich nichts Besonderes, ich liebe Streicher und wollte Bläser à la JAMES BROWN, OTIS REDDING und FELA KUTI.

Welchen Einfluss hatte der Einstieg von Mike Kadnar auf die Kompositionen?

Seine Mitwirkung gab mir die Freiheit, bei der Percussion höher zu gehen. Wenn jemand so “verrückt” ist wie man selbst, weil er die Herausforderung liebt und keine Idee als zu schwierig ansieht, ist das extrem spannend. Das hat mich beim Schreiben inspiriert.

Wie kam generell der Kontakt zu ihm zustande – war zuerst der Einstieg oder der Labeldeal bei seinem Label Silent Pendulum Records?

Wir sind schon seit zehn Jahren befreundet und hatten schon mit seinen anderen Bands gespielt. Es fühlte sich wie eine natürliche Passung an und war eine wunderbare Entscheidung für uns.

Mitunter könnte man sich Passagen eurer Musik auch gut als Filmmusik vorstellen. Für welche Art von Filmen könntest du dir vorstellen, die Filmmusik zu machen?

Ich würde gerne Musik für Film und Fernsehen machen. Ich würde versuchen, meine Beteiligung nicht auf ein bestimmtes Genre zu beschränken, denn ich kann immer etwas aus dem Prozess lernen. Du denkst wahrscheinlich nicht an “Kinderkomödien”, wenn du unsere Musik hörst, aber sagt niemals nie!

“Es erscheint mir bizarr, dass jemand seine gesamte Existenz auf eine bestimmte Sache ausrichtet”

Warst du schon immer offen für andere Musikrichtungen beziehungsweise wann und wie hat sich dein musikalisches Interesse derart breit geöffnet?

Ich wusste nie, dass es “kontrovers” oder “anders” war, sich für viele Arten von Musik zu interessieren, bis die Band von der Metal-Gemeinde angenommen wurde. Es erscheint mir bizarr, dass jemand seine gesamte Existenz auf eine bestimmte Sache ausrichtet. Ich würde sicher nicht jeden Tag nur Erdnussbutter- und Gelee-Sandwiches essen.

Wärst du vor 200 oder 400 Jahren Komponist gewesen – welche realen klassischen Werke könnten dann von dir stammen?

Eindeutig Henry Purcell. Er hatte diese absteigende Moll-Basslinie, die einen total umhaut. “Dido’s Lament” ist genau meine kompositorische Richtung.

Was empfindest du, wenn Bands, die weniger Zeit und Geld in Kompositionen, Vorbereitung und Aufnahme stecken, dennoch kommerziell erfolgreicher sind? Oder anders gefragt, in wie weit stehen kommerzieller Erfolg und künstlerische Selbstverwirklichung in Konkurrenz?

Früher war ich sehr, sehr, sehr, sehr frustriert darüber, aber das ist eine Sache, welche die sechs Jahre Auszeit gut für mich gemacht haben. Ich kann mich besser abgrenzen. In dem Moment, in dem man so denkt, hat man verloren. Ich verstehe, dass diese Musik nicht für alle ist. Ich mache Lieder, in denen ein Mann über einem Streichquartett mit Afrobeats und Saxophon schreit. Natürlich haben die klassischen Leute vielleicht Probleme mit dem Geschrei. Natürlich wird der eingefleischte Metaller, der keinen Afrobeat hört und noch nie in seinem Leben getanzt hat, Probleme mit diesem Gefühl haben. Solange die Leute respektieren können, dass das alles von einem Ort der Ehrlichkeit und Freiheit kommt, können wir alle unseren eigenen Weg gehen. Kein Schaden, kein Foul.

Wer ist dein größter Kritiker beziehungsweise auf wen hörst du am ehesten, wenn er deine musikalischen Ideen hinterfragt oder kritisiert?

Keiner wirklich. Wenn wir eine Filmmusik oder einen Auftrag machen würden, würde ich natürlich die Regie übernehmen, aber wir nehmen nicht oft genug auf, als dass ich etwas Anderes tun könnte, als meinem Bauchgefühl zu vertrauen und zu sagen, was ich sagen will.

Welche Interessen verfolgst du abseits der Musik?

Die Arbeit an dieser Platte hat mich wieder ins Fitnessstudio gebracht. Unser Bassist DJ ist ein Läufer, und es war inspirierend, seine Geschichten über Rennen und Laufleistung zu hören. Das Thema des nächsten Album ist dem Bodybuilding gewidmet.