OWL: Im Sog.

Heutzutage könnte man glatt vergessen, wie atmosphärisch und spirituell Death Metal eigentlich sein kann. Das dachte sich auch ZEITGEIST Christian Kolf, der fast im Alleingang ein neues Projekt aus der Traufe hob, um dieses Gefühl, das es in den Neunzigern nicht selten gab, wieder zum Leben zu erwecken. Der umtriebige Musiker hat mit OWL eine unheimliche, bizarre, aber wunderschöne Stunde Musik parat, die neben komplex-brutalen, düsteren Eruptionen wie von Zauberhand auch ruhige, fast poetische Ambient-Welten erschaffen können. Wir befragen Christian Kolf zum Debütalbum "Owl" und stoßen dabei auf eine Menge schöner Jungenderinnerungen.

Heutzutage könnte man glatt vergessen, wie atmosphärisch und spirituell Death Metal eigentlich sein kann. Das dachte sich auch ZEITGEIST Christian Kolf, der fast im Alleingang ein neues Projekt aus der Traufe hob, um dieses Gefühl, das es in den Neunzigern nicht selten gab, wieder zum Leben zu erwecken. Der umtriebige Musiker hat mit OWL eine unheimliche, bizarre, aber wunderschöne Stunde Musik parat, die neben komplex-brutalen, düsteren Eruptionen wie von Zauberhand auch ruhige, fast poetische Ambient-Welten erschaffen können. Wir befragen Christian Kolf zu dem Debütalbum Owl und stoßen dabei auf eine Menge schöner Jungenderinnerungen.

OWL kommt quasi aus dem Nichts. Ist das dein geheimes Baby, an dem du schon jahrelang im Verborgenen gearbeitet hast, und das nun endlich reif ist, es der Welt zu zeigen?

Ich habe ein halbes Jahr im Verborgenen daran gearbeitet. Im Januar 2010 wurde das erste Stück geschrieben und aufgenommen. Ich glaube, es war in einer Leerlaufphase von VALBORG. Von da an geschah alles in einem Rutsch und in einem Rausch.
Für mich fühlt es sich aber in der Tat so an, als wäre die gesamte Musik aus dem Nichts entstanden, wenn ich jetzt die CD in den Händen halte. Es ist noch alles sehr frisch, das gefällt mir.

Mit OWL verarbeitest du deine Death Metal-Wurzeln, zollst Bands wie MORBID ANGEL, GORGUTS und ANATHEMA Tribut. Wurde OWL ursprünglich als Heldenverehrung gegründet, oder wolltest Du schon von Anfang an den eine so bizarre Mischung erschaffen?

Die Idee, solchen Death Metal zu machen, besteht schon seit sieben Jahren. Das Ganze musste aber noch ein paar Jahre ruhen, bevor ich fähig war, solch eine Platte zu kreieren. Der Auslöser waren auf jeden Fall PORTAL. Ihre Musik inspirierte mich so sehr, dass ich anfing, an OWL zu arbeiten. Ich wollte verspielt an die Musik herangehen, mich in dem Kosmos des obskuren Death Metals herumtreiben. Der Spirit, den ich schon damals in meiner Jugend beim Hören solcher Musik verspürte, war allgegenwärtig und wurde immer wieder erneut heraufbeschworen. Zum Spirit von OWL haben folgende Platten beigetragen: PORTALs Swarth, Lost Paradise von PARADISE LOST, ANATHEMAs Serenades und Pentecost III, As The Flower Withers und Turn Loose The Swans von MY DYING BRIDE, From Wisdom To Hate von GORGUTS, PAVORs Furioso und Ordo Ad Chao von MAYHEM.

Der Name OWL ist gleichzeitig sehr eingängig und leicht zu merken, aber andererseits verbindet jeder etwas anderes mit der Eule, vor allem Twin Peaks-Fans. Was bedeuten Eulen für dich, und warum hast du dich für diesen Namen entschieden? Wegen der vielen Mythen, die sich um sie als Totenvogel ranken?

OWL klingt schön, sieht gut aus und passt sehr zur Stimmung der Musik. Zur Zeit der Namensfindung habe ich aber auch zufälligerweise Twin Peaks geschaut. Agent Cooper ist der Beste.
Auf dem Bauernhof, wo ich groß geworden bin, gab es außerdem Eulen, genau genommen ein Eulenpaar. Sie lebten viele Jahre zusammen. Ich beobachtete sie, sie beobachteten mich.

Am Schlagzeug wirst du unterstützt von Patrick Schroeder. Hatte er auch Anteil am Songwriting, oder hat er nur Drumcomputer-Demos nachgespielt?

Patrick hat den Songs durch sein freies und brutales Spiel den letzten Schliff gegeben. Es war unglaublich, er hat sich einfach in die Musik fallen lassen und drauflos gespielt. Mir persönlich war es wichtig, dass das Drumming halbwegs frei ist, da es die Musik bestialischer macht.

Wie lange dauerte es, Owl zu schreiben? Ich kann mir vorstellen, dass du an einem Song wie Conquering The Kingdom Of Rain (Enter Her Holy Halls) eine ganze Weile gesessen bist, um alles so zu arrangieren und anzuordnen, dass es passte. Oder ging alles ganz schnell und du bist nur einem Gefühl gefolgt?

Ich habe ungefähr 6 Monate an der Platte gearbeitet, so unbewusst, dass ich mich gar nicht mehr erinnere, wie die Songs eigentlich entstanden sind. Das ist für mich das magische an OWL.

Teilweise erinnert OWL auch an die frühere Ausrichtung von ISLAND, wenn auch deutlich extremer. Verfolgst du hiermit diese Linie, die ISLAND verloren haben? Bedeutet das etwa, du bist enttäuscht von dem aktuellen Weg von ISLAND?

Nein, ISLAND ist ja auch mein Steckenpferd und ich liebe die Musik, gerade das neue Material. Der Stilwandel hat sich durch den Ausstieg von Patrick und einer längeren Pause ergeben. Außerdem wechselte Florian vom Bass an die Gitarre. Wir hatten sogar kurz drüber nachgedacht, OWL als ISLAND zu veröffentlichen, aber das hätte einfach nicht gepasst. ISLAND sind nur ISLAND, wenn Florian dabei ist.

 OWL
Ein Bild, welches ich in meiner Jugend entdeckt habe. Es kam mir immer wieder in den Kopf, wenn ich an OWL dachte. Christian Kolf folgt seiner Intuition – auch bei der Auswahl des Covers.

Lost in Vaults Undernearth The Melting Mountain Of The Saints ist das genaue Gengenteil des schleppenden, sich windenden Openers. Es zeigt eine rasende Seite, die gleichzeitig brutal wie atmosphärisch ist. Etwas, das heutzutage ansonsten nur PORTAL beherrschen, und sie haben auch dich inspiriert. Und hast du etwa versagt, noch mehr Kakophonie zu erschaffen, als PORTAL?

PORTAL waren der Auslöser und eine Inspirationsquelle, aber nichts, was ich toppen wollte. So gehe ich auch nicht an Musik heran, da es nur einschränkt und den Flow behindert.

Das abschließende Stück ist ein über 30minütiges Ambient-Stück, das mit seiner Ruhe und Sanftheit das genaue Gegenteil des ersten Teils des Albums ist. Soll das etwa bedeuten, dass OWL zwei gleichberechtigte Seiten haben?

Der Death Metal steht schon im Vordergrund, aber ich betrachte ihn aus einer Ambient-Sichtweise. Die Atmosphäre und der Gesamtsound zählen, nicht die Riffs, das Geblaste, die Geschwindigkeit, die Technik, die Growls. Alles soll wie ein riesiger Sog klingen.

Laut dem Bandinfo ist dies ein Tribut an die ganz alten ANATHEMA. Was hat dich an Serenades beziehungsweise Dreaming: The Romance so fasziniert? Normalerweise sehen die Leute solche Outros eher negativ, als würde eine Band versuchen, die Spielzeit voll zu kriegen.

Ich hörte Dreaming: The Romance zum ersten mal im Sommer 1996. Es war ein Abend auf dem Land. Etwas Licht drang in mein Zimmer, der Geruch von Gräsern, der Wind in den Blätter. Ich dachte an die Birnenbäume auf einer Wiese, nicht weit entfernt von einer Stelle, die bekannt dafür war, dass dort oft Blitze einschlagen. Ein bestimmter magischer Ort auf dieser Welt. Ein Bild meiner Jugend. Der ewige Sommer. Frieden.
Menschen haben meistens etwas zu nörgeln, das liegt wohl in ihrer Natur. Als Musiker merkt man das nach und nach. Die gut gemeinten Ratschläge häufen sich. Natürlich höre ich mir auch gerne Kritik an, aber sie muss konstruktiv sein. Mich interessiert es nicht, was sich ein einzelner Mensch wünscht.
Und müssen wir wirklich über die Spielzeit sprechen? Eine gutes Death Metal-Album braucht nicht länger als 35 Minuten zu sein. Wenn die Leute nicht mit dem Ambient-Stück klarkommen, dann lassen sie sich auch nicht wirklich drauf ein. Kein Problem. Man sagte mir auch schon, dass das Gesamtkunstwerk gestört würde, da es dann keine reine Death Metal-Platte mehr ist und es überflüssig ist. Aber ich wollte auch gar keine reine Death Metal-Platte machen. Hier geht es um bestialische Stürme und die Ruhe und den Frieden danach.
Weißt du, es ist ja nicht so, als würde mein Album 50 Euro kosten und man hätte voll das miese Geschäft gemacht. Und sowieso, wenn jemand keine Kohle hat, dann lädt er oder sie sich das Album eh herunter.

Das letzte Stück hätte allerdings auch nicht darunter gelitten, wenn es nur halb so lang wäre. Wie kommt es, dass es sich auf über dreißig Minuten ausdehnt? Reine Intuition, der spontane Gedanke beim Einspielen: Jetzt muss Schluss sein.?

Reine Intuition. Ambient ist für mich wie Regen und Wind. Hintergrund- oder Meditationsmusik. Bevor ich schlafe, komme ich so auf gute Gedanken und in eine schöne Stimmung. Ich bin dann ganz bei mir selbst. Oft denke ich mir am Ende eines Tages, dass es das beste Stück Musik ist, das ich je gemacht habe.
Ich wollte genau so eine Platte immer machen, ohne die Idee von Threnodical Ritual At The Spectral Shores Of The Eternal Sunset würde es dieses Album gar nicht geben. Ich lebe, um meine Träume zu erfüllen, und diese Platte war ein Jugendtraum.

Die Platte klingt sehr authentisch, hat einen kratzigen Sound, ist massiv und schwer durchdringlich. War es eine harte Arbeit, die Produktion so klingen zu lassen? Welchen Anteil hat das Mastering von Armin Rave daran?

 OWL
Ein bestimmter magischer Ort auf dieser Welt. Ein Bild meiner Jugend. Der ewige Sommer. Frieden. Eine Zeit, in der Death Metal noch visionär war: Christian Kolfs Jugend.

Meine Arbeit war nicht hart, ganz im Gegenteil, es war das pure Vergnügen. Ich habe mir einfach einen passenden Gitarrensound gesucht. Sumpfig und düster sollte er sein. Ich dachte mir außerdem die ganze Zeit, dass der Sound zweitrangig ist, eben weil ich den OWL-Death Metal aus der Ambient-Richtung betrachte und auch, weil so viele gute Platten von Früher nicht den besten Sound haben, aber den schönsten. Wer zum Teufel steht eigentlich auf diese perfekte Welt?

Wie sieht es mit den Texten aus? Sie wirken auf mich so, als würdest du mit der Atmosphäre der Musik d´accord gehen wollen – zumindest liest sich das alles sehr okkult und rituell. Was hat dich dazu inspiriert?

PORTAL. ANATHEMA. MY DYING BRIDE. Ich weiß allerdings auch nicht mehr so richtig, wie die Texte entstanden sind. Ich beschreibe die Dunkelheit, blicke aus alten Fenstern, Spinnweben, Motten, karge Landschaften, Berge, Katakomben. Die Bedeutung ergibt sich bei mir oft erst im Nachhinein, und jeder soll sich ruhig seinen Teil dazu denken. Ich bin kein Geschichtenerzähler, viel mehr geht es darum, Wörter der Dunkelheit ins Universum zu brüllen und zur Bestie werden.
Demnach hat es schon etwas Rituelles, denn man braucht die richtigen Wörter mit der richtigen Aussage, um in solch eine Stimmung zu gelangen.

Die Aufmachung des Albums ist sehr schlicht, so dass die Musik komplett im Vordergrund stehen kann. Das Titelbild sieht aber irgendwie seltsam aus, wie eine verfallene Ruine, wo mal ein Industriegelände stand, alles ein wenig farblich bearbeitet. Wie passt das zur Musik?

Das Covermotiv ist ein Bild, welches ich in meiner Jugend entdeckt habe. Es kam mir immer wieder in den Kopf, wenn ich an OWL dachte. Wir wollten zuerst ein traditionelles Artwork machen, haben uns aber dann doch für das Foto entschieden.

Ich nehme an, OWL werden nicht live auftreten, aber neue Musik aufnehmen. Bei den ZEITGEISTERN geht sowas ja recht schnell. Ist schon etwas Neues im Busch?

Nein, zur Zeit noch nicht. Ich warte erstmal ab, was so passiert. Ich werde in nächster Zeit ein paar Merchandise Artikel herausbringen. Die positive Resonanz, die ich bisher erhalten habe, hat mich sehr erfreut und positiv beeinflusst. Vieles von dem, was ich gelesen habe, inspiriert mich wieder aufs Neue.

Hilft es dir beim komponieren, keinen Gedanken an eine Liveumsetzung zu verschwenden, sondern einfach das zu schreiben, was Dir vorschwebt?

Ja, auf jeden Fall. Aber das mache ich mal so, mal so. Bei OWL hatte ich keine Live-Hintergedanken. Zur Zeit arbeite ich jedoch an einem Projekt, bei dem der Live-Gedanke sehr präsent ist. Das hat schon einen großen Einfluss aufs Komponieren.

Schaffst du es zeitlich noch, deine ganzen Projekte zu verfolgen, oder gibt es ein Kommen und Gehen mit den Tätigkeitsfeldern? Oder ist die Grenze der Belastbarkeit etwa noch gar nicht erreicht und du hättest noch Ressourcen für weitere Bands?

Mittlerweile ist es schon recht viel. Mein Hauptaugenmerk liegt bei VALBORG, den Rest mache ich drumherum, so wie es zeitlich passt. Ich habe noch viele Ideen, die ich verwirklichen will. Momentan schwirren in meinem Kopf an die 4-5 Platten herum, die es noch gar nicht gibt, die ich aber unbedingt machen möchte.

Was steht sonst in nächster Zeit im Hause Kolf/ZEITGEISTER MUSIC an? VALBORG spielen eine kleine Tour, richtig? Sonst noch was am Horizont?

Wir spielen ein paar ausgwählte Konzerte in Deutschland, Frankreich und Belgien. Genaue Termine finden sich hier: www.valborg.de
Ansonsten gibt es so einiges am Horizont. Am 30. April erscheint das neue VALBORG-Album Barbarian. Danach werden wir uns um den Mix der neuen WOBURN HOUSE-Platte Sleep Summer Storm kümmern. Auch da wird wieder Armin Rave die Regler bedienen. Die Platte wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2011 veröffentlicht werden. KLABAUTAMANN nehmen zur Zeit ihr neues räudiges Album Old Chamber auf. Dann werde ich noch Vocals für ein neues Projekt mit Tim Steffens namens SKARAB einsingen, darauf kann man ebenfalls sehr gespannt sein. Eine Art Avantgarde Prog Grunge. VIRUS treffen auf MAYHEM treffen auf SCREAMING TREES. Wir featuren dort einen guten Freund an den Drums, Richard Nagel. Er feiert damit sozusagen seinen Einstand im ZEITGEISTER-Camp. Er wird auch die neue ISLAND-Platte einspielen, an der wir seit zwei Jahren arbeiten. Dort planen wir die Drums im Herbst aufzunehmen, aber vielleicht wird es auch 2012. Mit VALBORG geht es direkt nach der Tour weiter. Ende Juni werden wir unsere vierte Platte Nekrodepression einspielen, damit wir sie im Frühjahr/Sommer 2012 veröffentlichen können. Die zwei darauffolgenden VALBORG-Alben sind auch schon in Planung. Wir drehen völlig ab. Es hört nicht mehr auf. Wir sind so hungrig wie noch nie zuvor. Wir erleben den zweiten Frühling.

Fotos: (c) Zeitgeister Music