GAMMA RAY: Zugekleisterte Ohren, richtige Entscheidungen und Umzugsstress

GAMMA RAY: Zugekleisterte Ohren, richtige Entscheidungen und Umzugsstress

Klar, man kann darüber diskutieren, ob HELLOWEEN den Verlust von Gitarrist/Songschreiber und Anfangstagen-Sänger Kai Hansen bis heute kompensiert haben oder nicht.
Es sind mit Sicherheit auch herrliche Streitgespräche über die Frage möglich, ob Kai jetzt ein guter oder doch nur ein charismatischer Sänger ist.
Keine Meinungsverschiedenheiten dürften allerdings aufkommen, wenn man sich über das aktuelle und mittlerweile achte Studioalbum „Majestic“ unterhält.
Zwar sind seit der Veröffentlichung des letzten Werkes „No World Order“ satte vier Jahre ins Land gegangen, aber es war ja wohl klar, dass sich die Band – die seit 1997 aus Kai Michael Hansen (Gesang, Gitarre), Dirk Schlächter (Bass), Henjo Oliver Richter (Gitarre) und Daniel Hans Erwin Zimmermann (Drums) besteht – stilistisch allerhöchstens in Nuancen verändert hat.
So setzt die Band auch weiterhin auf eine Mischung aus Doublebass-Attacken, fetten Chöre, SAVATAGE-igen Bombast, fröhliche Melodien, erstklassiger wie zweistimmiger Gitarrenarbeit, langen Epen und kurz-knackige Hymnen – es dürfte also kein Fan, und da bin ich mir ziemlich sicher, von „Majestic“ enttäuscht sein.

Ich sprach am 11.07.05 mit Bassist Dirk Schlächter, der 1990 kurz nach Veröffentlichung des ersten Albums (für das er als Gast-Basser den Song „Freetime“ einzupfte) bzw. kurz vor Beginn der ersten Tour zur Band stieß.

Dirk, erstmalig klafft in der GAMMA RAY – Diskographie eine Lücke von etwa vier Jahren zwischen zwei Studioalben. Doof gefragt: was habt ihr vier Jahre lang getrieben? Es dürfte ja wohl nicht am Release des Livealbums gelegen haben, dass es zu dieser für eure Verhältnisse langen Verzögerung kam, oder?

Nicht nur, aber wir waren auf jeden Fall nicht untätig. Nach dem Release des letzten Studioalbums „No World Order“ haben wir nicht nur intensive Promo-Aktivitäten unternommen, sondern auch eine ausgedehnte Tour gemacht. Danach hat Kai zusammen mit STORMWARRIOR an deren ersten Album gearbeitet und ich habe, einfach um mal etwas anderes zu machen, an einer Bar auf Teneriffa mitgebaut. Danach kam die Idee für die „Skeletons In The Closet“-Scheibe auf und es dauerte von der Idee bis zur Ausführung eine ganze Weile, da viele Gespräche geführt und Fanbögen ausgewertet werden mussten. Schließlich mussten die Stücke, die wir in dieser Bandbesetzung noch nie gespielt hatten, auch alle noch geprobt werden und unser Label kam dann noch auf die Idee, die Aufnahmen der „Skeletons“-Tour in Form eines Livealbums zu veröffentlichen – und natürlich war auch die Realisierung dieser Scheibe sehr zeitaufwändig, denn es mussten viele Bänder gehört und ausgewertet werden, was etwa ein halbes Jahr in Anspruch nahm. Erst danach haben wir uns langsam mit dem nun aktuellen Album beschäftigt. Du siehst also, dass wir recht viel zu tun hatten und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in dem Zeitraum mal so etwas wie Urlaub hatte, zumal ich auch noch mit meiner Knie-Geschichte zu tun hatte und in dem Zeitraum gleich dreimal umgezogen bin, was ebenfalls alles sehr zeitaufwändig war. Ich kann Dir also die vier Jahre erklären, kein Problem!

Nun habt ihr ja auf der „Skeletons“-Tour ausschließlich Songs gespielt, die Ihr zuvor nie oder nur äußerst selten live gespielt habt. Habt Ihr vielleicht im Laufe der Tour auch die eine oder andere unbekannte Perle so lieb gewonnen, dass sie ab sofort auch in der Setlist eines regulären „Best of GAMMA RAY“-Konzertes auftauchen wird?

Gamma Ray Interview 2005 - Dirk Schlächter live auf dem Bang Your Head 2005
Gönnte sich nach der Geburt seines zweiten Kindes eine kreative Auszeit – Dirk Schlächter

Kann sein, aber darüber haben wir uns jetzt noch keine echten Gedanken gemacht. Wir sind im Moment eher so drauf, dass wir uns vielleicht sogar Songs rauspicken, die zwar geil sind, aber die wir auch auf der „Skeletons“-Tour nicht gespielt haben. Ich kann dir aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, welche Songs das sein werden, denn gerade was die Live-Situation angeht, musst Du als Band einfach eine runde und stimmige Sache abliefern. Bei der Anzahl an Studioalben kann man einfach nicht jeden Song, den man persönlich vielleicht mal geil findet, spielen. Ein Konzert müsste dann etwa drei Stunden dauern, und ich finde, das überfordert bei der Art von Musik, wie wir sie spielen, Band und Zuschauer gleichermaßen. Ich bin allerdings sicher, dass es uns nach vielen Gesprächen und heißesten Diskussionen gelingen wird, eine interessante Setlist zusammen zu stellen, die jeden GAMMA RAY-Fan, egal zu welcher Phase er Fan der Band geworden ist, zufrieden stellen dürfte.

„Majestic“ ist ein Album geworden, das mit Sicherheit keinen einzigen Fan enttäuschen dürfte, enthält es doch alle Trademarks, die man als Fan in den letzten fünfzehn Jahren lieb gewonnen haben dürfte. Es gibt Doublebass-Attacken, fette Chöre, SAVATAGE-igen Bombast, fröhliche Melodien, eine erstklassige wie zweistimmige Gitarrenarbeit, lange Epen und kurz-knackige Hymnen. Aber wessen Idee war denn diese – anders kann man das ja wohl kaum nennen – kurze Liebeserklärung an BLACK SABBATH bzw. deren Klassiker „Sabbath Bloody Sabbath“ im Opener „My Temple“?

Das war einer der Songs, mit denen Kai in den Proberaum kam, um sie dem Rest der Band vorzuspielen. Er spielte uns den Song vor und als dann der Part kam, schauten wir erst uns und dann Kai an und fragten ihn, was er da gemacht hat. Er verstand unsere Frage erst nicht, da er diesen Teil wirklich nicht mit Absicht eingebaut hatte. Und er ist halt jemand, der oft aus dem Bauch heraus komponiert. Wir führten dann auch einige Diskussionen und probierten verschiedene Sachen diesen Part betreffend aus. Wir veränderten die Melodie oder verfremdeten diese Passage, mussten aber letztendlich einsehen, dass man ihn nicht anders bzw. besser machen kann. Wir sind aber eh eine Band, die noch nie ein Problem damit gehabt hat, kleine Parts von anderen Bands – quasi als Hommage – zu verwenden. Wie gesagt, es war nicht beabsichtigt, dass der Teil in dem Song auftaucht – er ist aber mit Absicht so gelassen worden, weil er einfach nicht besser zu machen war.

Gamma Ray Interview 2005 - Das Coverartwork zu Majestic
Das neue Album ist textlich eine Mischung aus persönlichen und allgemeinen Texten.

Leider liegt mir zum jetzigen Zeitpunkt „nur“ die Promoversion des neuen Albums vor, d.h. es fehlen mir nicht nur das endgültige Artwork der Scheibe, sondern auch – und das ist eigentlich schade, wenn man ein Interview führt – die Texte zu den Songs. Aber vielleicht kannst Du mir ja ganz grob erzählen, worum es in den Stücken geht. Gibt es einen textlichen „roten Faden“, der sich durch das Album zieht oder kann man sogar von einem Konzeptalbum sprechen?

Ein geplantes Konzeptalbum im eigentlichen Sinne des Wortes ist „Majestic“ nicht geworden. Es hat sich halt so ergeben, dass einige Songtitel etwas düsterer und negativer klingen, wenn ich z.B. an „Hell Is Thy Home“, „Blood Religion“ oder „Comdemned To Hell“ denke. Das ist aber auch kein Wunder wenn man mitbekommt, was gerade um einen herum auf der Welt passiert und was einen natürlich nicht kalt lässt. Wir haben erneut eine Mischung aus persönlichen Texten auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch Songs am Start, deren Lyrics eher „allgemein“ gehalten und mit einem gewissen Spielraum ausgestattet wurden, wo jeder Fan seine eigene Interpretation zu dem jeweiligen Song abgeben kann. Mit einigen Texten sollte man sich auch etwas eingehender beschäftigen, da sie – obwohl es Metal ist (lacht) – etwas philosophischer ausgefallen sind. Natürlich könnte ich dir jetzt stundenlang etwas zu jedem einzelnen Text erzählen, aber da du die Texte noch nicht lesen konntest, macht das wenig Sinn, da es für mich interessant zu wissen wäre, wie Deine Interpretation zu dem jeweiligen Text aussieht.

Inwieweit warst Du denn am Songwriting zum neuen Album beteiligt?

Von mir hat es dieses Mal leider kein Song auf das Album geschafft. Ich hatte zwar im Vorfeld einige Ideen, aber aus privaten und von mir selbstverschuldeten Gründen in den letzten zwei Jahren relativ wenig Zeit, um diese Ideen auch vernünftig ausarbeiten zu können. Und gerade in der Zeit, als die ersten Proben anfingen, bin ich zum zweiten Mal Vater geworden und wollte mich deshalb nicht wieder so in Arbeit stürzen, wie ich das der nach der Geburt meines ersten Sohnes getan habe. Denn dadurch habe ich in der ersten Zeit nicht wirklich viel von seiner Entwicklung mitbekommen. Doch auch wenn ich nichts zum Songwriting beisteuern konnte, so habe ich doch wie immer am Album mitgearbeitet, denn ich hatte wieder mal eine Menge mit den eigentlichen Aufnahmen zu tun, habe natürlich auch die Songs mit der Band geprobt und schließlich auch im Studio eingespielt. Kurz nach der Produktion mussten wir uns übrigens ein neues Zuhause für unser Studio suchen, da der Mietvertrag für das Gebäude, in dem sich unser altes Studio befand, nicht verlängert wurde. Wir konnten unseren Vertrag zwar netterweise noch mal um zwei Monate verlängern, sonst hätten wir echte Probleme mit der Fertigstellung des Albums bekommen. Mittlerweile haben wir was Neues gefunden, was natürlich ist die Einrichtung und Fertigstellung des neuen Studios auch mit einer Menge Arbeit verbunden ist, denn wir wollten natürlich nicht nur vom alten Studio-Equipment so viel wie möglich mitnehmen, sondern auch Dämm- und Baumaterialien wieder verwenden. Aber im Moment benutzen wir die neuen Räumlichkeiten eh nur zum Proben.

Henjo spielt bei EASY LIVIN‘, Dan noch bei FREEDOM CALL und auch Kai arbeitet viel mit anderen Bands und Musikern zusammen. Bist du denn auch noch in irgendwelche Sideprojects involviert?

Gamma Ray Interview 2005 - Promobild von Kai Hansen aus dem Jahr 2005
Kai Hansen betätigt sich in der zwischenzeit auch gerne mal als Produzent

Nein, denn wenn dafür noch Zeit wäre, hätte ich auch ein paar Songs für GAMMA RAY schreiben können. Anfangs habe ich ja noch so etwas wie die Aufsicht in Kais Studio geführt und war zu Beginn noch voll in die Aufnahmen bzw. die Produktion des ersten STORMWARRIOR-Albums involviert. Dort hatte ich mich aber ganz schnell ausgeklinkt, weil ich mich mit dem Thema nicht in Kais Sinne identifizieren konnte und mir das Ganze dann doch zu einseitig und eindimensional war.

Vor einiger Zeit gab es ja Gerüchte über ein Wechselangebot für Euren Gitarristen Henjo von Kais Ex-Band HELLOWEEN. Erzähl doch bitte mal etwas darüber, wie ernst die Sache war?

Das waren keine Gerüchte. Henjo hat halt von Weiki, der ein alter Freund von ihm ist, das Angebot bekommen, die zweite Gitarre bei HELLOWEEN zu übernehmen. Ich möchte jetzt nicht soweit gehen, dass ihn dieses Angebot verwirrt hat, aber er hat sich sicherlich darüber seine Gedanken gemacht, was auch völlig normal ist. Wir haben auch überhaupt keinen Druck auf ihn ausgeübt, denn Henjo ist wirklich alt genug, um seine Entscheidungen selbst zu treffen. Er hat sich dann für GAMMA RAY entschieden, was natürlich für uns – obwohl wir wirklich vier unterschiedliche Charaktere in der Band haben und sind – eine gute Sache war, denn auch wenn wir uns manchmal streiten lieben wir uns dennoch. Es gibt auch von meiner Seite aus keinen Grund, auf Weiki wegen des Angebotes sauer zu sein. Er und Henjo sind halt alte Freunde, und ich finde es deshalb durchaus legitim, wenn man bei solchen Entscheidungen zuerst seine Freunde fragt.

Wäre auch schade gewesen, wenn sich die GAMMA RAY-Besetzung schon wieder verändert hätte. Ihr spielt zwar in der jetzigen Formation seit 1997 zusammen, hattet aber in den letzten fünfzehn Jahren doch schon einige Musikerwechsel zu überstehen. Ich denke da nur an Sänger Ralf Scheepers (PRIMAL FEAR) oder die Rhythmusfraktion Nack/Rubach. Du selbst bist zwar auf dem ersten Album „Heading For Tomorrow“ nur als Gastmusiker (und das auch nur beim Song „Free Time“) zu hören, gehörtest aber schon zur Band, als die allererste Tour anstand. Würdest Du aus heutiger Sicht noch mal jeden einzelnen Musikerwechsel genau so vornehmen oder hätte man einige Dinge doch vermeiden oder eleganter lösen können?

Es ist müßig darüber jetzt noch zu diskutieren, ob jede einzelne in der Vergangenheit getroffene Entscheidung richtig oder falsch war. Sicherlich kann man aus heutiger Sicht sagen, dass einige Dinge vielleicht anders hätten ablaufen können oder müssen. Aber in den Situationen und Momenten, in denen diese Entscheidungen getroffen wurden, waren sie richtig, wichtig und gut für die Band.

„Majestic“ ist ja das erste GAMMA RAY-Album überhaupt, dessen Mastering in Finnland vorgenommen wurde. Wieso der Schritt ins von Hamburg ja gar nicht so weit entfernte Skandinavien?

Weil erstens unsere Ohren durch die ja doch recht lange Produktionsphase doch ziemlich zugekleistert waren, so dass wir uns das zweitens aus Zeitgründen nicht auch noch antun wollten.

Aber was bleibt denn für einen Master-Meister eigentlich noch tun, wenn die eigentliche Produktion und der Mix eines Album bereits abgeschlossen ist?

Er hat eigentlich nur dafür zu sorgen, dass jeder Song den für ihn besten Sound hat. Natürlich achten wir bei den Aufnahmen bzw. beim Mix darauf, dass der Sound songdienlich ausfällt und natürlich klingen die Songs vom Sound her sehr ähnlich. Aber wir haben uns gerade beim Mischen sehr viel Zeit gelassen und hier und da mal was am Drum- und Gitarrensound verändert. Es geht also viel um die Dynamik eines Songs, die eben unterschiedlich ausfallen kann. Und ein Master-Engineer hört sich die Songs dann an und sorgt dafür, dass der Sound der Scheibe wie aus einem Guss klingt und der Hörer nicht durch ein akustisches Wechselbad der Gefühle gehen muss.

Gamma Ray Interview 2005 - Kai und Dirk live auf dem Bang Your Head 2005
„Gerade was die Live-Situation angeht, musst Du als Band einfach eine runde und stimmige Sache abliefern“ – GAMMA RAY