DISMEMBER: Wir spielen halt Death Metal!

DISMEMBER: Wir spielen halt Death Metal!

Matti Kärki, Sänger bei DISMEMBER, ist im Stress. Das Interesse an der Band war seiner Meinung nach kaum jemals so groß wie zur Zeit – sieht man vom Debüt Album „Like An Everflowing Stream“ einmal ab. Man hätte allerdings auch kaum zu hoffen gewagt, dass sich die Veteranen noch einmal aufraffen und ein Album wie Where Ironcrosses Grow abliefern. Kein Wunder, dass der Schwede Interviews im Akkord geben musste – Spaß schien er trotzdem daran zu haben. Lest hier, warum es vier Jahre dauerte, bis das neue Album in den Läden stand, warum wir auf die DVD noch eine Weile warten müssen und warum DISMEMBER nicht als einflussreiche Band gesehen werden wollen.

Wie findest du es eigentlich, wenn viele von der Rückkehr DISMEMBERs sprechen? Ihr habt zwar eine sehr lange Pause gemacht, aber richtig weg wart ihr auch nie, zumal ihr immer mal wieder Festivalgigs gespielt habt.

Och, es macht mir nichts aus, wenn alle von der Rückkehr DISMEMBERs reden. In gewisser Weise sind wir ja auch zurück. Das heißt, wir haben wenigstens endlich mal wieder ein Album veröffentlicht, haha.

Where Ironcrosses Grow ist für mich das vielseitigste DISMEMBER Album. Innerhalb des Rahmens, in den sich DISMEMBER bewegen, finden sich sehr viele Variationen.

Ja, es ist das DISMEMBER Album, bei dem wir am meisten überlegt haben. Aus einem einfachen Grund: Wir hatten Zeit, es gab keinen Druck. Wir sind ziemlich entspannt rangegangen. Für mich ist Where Ironcrosses Grow das beste aller DISMEMBER Album – und es ist das einzige mit dem ich zufrieden bin, nach dem ich es als fertiges Produkt gehört habe.

Where Ironcrosses Grow ist wie eine Zeitreise – wenn ich mir das Album anhöre, fühle ich mich ähnlich wie Anfang der Neunziger. Wie schafft ihr es, eine Atmosphäre, ein Gefühl über zehn, fünfzehn Jahre zu konservieren?

DISMEMBER(lacht) Nun, ich denke, das hängt damit zusammen, dass wir genau die Musik spielen, die wir spielen wollen. Für Where Ironcrosses Grow haben wir das Beste der bisherigen DISMEMBER Alben zusammengesucht. Der Sound klingt zum Beispiel sehr nach „Like An Everflowing Stream“ – wir wollten aus dem Besten etwas Neues machen. Vielleicht erinnert er deshalb so an die älteren Sachen. Wir waren ein paar Jahre weg vom Fenster und hatten deshalb das Gefühl, ein wirklich starkes Album abliefern zu müssen. Ein Album, bei dem es eindeutig ist, dass es von DISMEMBER ist.

Sind mit Where Ironcrosses Grow eigentlich viele eurer persönlichen Erinnerungen an die Zeit Anfang der Neunziger verbunden?

Nein, eigentlich nicht. Natürlich sind wir von den alten Sachen beeinflusst. Aber wir haben versucht, ein neues, starkes Album zu machen – das man aber mit der Band DISMEMBER verbinden kann. Wir wollten den Fans eine Freude machen und ihnen einen Gefallen tun!

Warum hat´s eigentlich vier Jahre gedauert, bis das Album erschienen ist? Ihr habt zwar Familie und Jobs, da ist es klar, dass man sich nicht hundertprozentig auf ein neues Album konzentrieren kann. Dennoch sind vier Jahre eine sehr lange Zeit, zumal der Album-Release ein paar mal nach hinten verschoben wurde.

Wir waren mit dem Album schon vor einem Jahr fertig. Aus irgendwelchen dummen Gründen wurde der Albumrelease aber ständig verschoben. Wir haben anfangs noch nachgefragt. Im Juni hieß es, das Album kommt im September, im Juli war es dann schon Oktober und so weiter. Irgendwann haben wir selbst nur noch Späße darüber gemacht.

Aber es gibt auch andere Gründe, die erklären, warum es so lange gedauert hat, bis man wieder etwas neues von uns gehört hat: 2000 waren wir nach der Veröffentlichung von „Hate Campagn“ auf Tour. Wir haben unser altes Label verlassen und mussten ein neues Label suchen, was auch Zeit in Anspruch nimmt. Besetzungswechsel, unser Leben neben der Musik – es kamen viele Dinge zusammen. Wir wussten, dass unser neues Label Karmageddon schnell ein Album von uns haben wollte, doch davon haben wir uns nicht beeindrucken lassen. Wir haben uns die Zeit genommen, die wir brauchten. Es wäre niemanden gedient, wenn wir ein halbgares Album veröffentlicht hätten.

Dann gibt es für den immer wieder verschobenen Release der geplanten DVD ähnliche Gründe?

Oh, über die DVD weiß ich nicht viel. Ich bin daran nicht beteiligt, ich kümmere mich um andere Sachen. Es ist nicht unsere Schuld. Nun, ich weiß nicht genau, was die Leute, die an der DVD arbeiten, genau machen… Aber sie soll dieses Jahr veröffentlicht werden (lacht).

Das hieß es letztes Jahr schon….

Ich verstehe auch gar nicht, warum der Presse immer wieder VÖ-Daten mitgeteilt werden. Die Liveshow, die darauf enthalten sein wird, ist gefilmt und bearbeitet. Das war´s dann aber auch schon. Der ganze Rest, die Interviews, das Bonus-Material – das ist alles noch gar nicht gemacht, ich weiß davon zumindest nichts. Es kann also noch dauern. Es ist ziemlich dämlich, jetzt schon einen VÖ-Termin bekannt zu geben. Es wird diese DVD aber definitiv geben. Irgendwann, haha.

DISMEMBER

Als ihr letztes Jahr beim Wacken gespielt habe, hatte ich den Eindruck, dass ihr ziemlich überrascht wart, da sehr, sehr viele Fans vor der Bühne standen

Ja, das kann man so sagen! Es war erstaunlich. Als wir die Bühne betraten, haben wir uns wirklich gefragt, warum so viele Leute da waren. Wir haben die Show sehr genossen und natürlich wächst jede Band mit dem Publikum – je mehr Leute da sind und je mehr sie dich feiern, umso besser wird der Auftritt.

Habt ihr nach diesem Erfolg in Wacken eigentlich mehr Druck als zuvor verspürt? Schließlich habt ihr da vor Augen gehabt, dass sich noch immer viele Fans für DISMEMBER interessieren

Nein, wir haben keinen Druck verspürt. Wir waren einfach nur glücklich. Wir haben Karmageddon gebeten, so viele Shows wie möglich zu buchen, da wir wussten, dass es eine Weile dauern wird, bis das Album erscheint. Wir waren beim With Full Force, bei Grasspop und viele mehr – wir wollten einfach zeigen, dass wir noch da sind. Nun, der ultimative „Hallo-uns -gibt-es-noch-Gig war eben Wacken. Wir haben auch mit Absicht immer bei allen diesen Auftritten einen neuen Song gespielt – einfach damit alle mitbekommen, dass wir noch da sind.

Hast du manchmal das Gefühl, durch DISMEMBER und die Erwartung der Fans eingeschränkt zu sein? Jeder, der DISMEMBER kennt, hat ganz bestimmte Erwartungen an die Band – aus einem einfachen Grund: Ihr habt immer euer Ding durchgezogen und seid, wenn überhaupt, nur wenig vom Kurs abgewichen.

Ich fühle mich überhaupt nicht eingeschränkt, denn wir haben vor einer sehr langen Zeit entschieden, welche Musik wir spielen wollen. Natürlich gibt es Limitierungen, aber die sind innerhalb eines Rahmens, den wir uns selbst gesetzt haben. Diese Grenzen stören uns nicht. Wir lieben diese Musik. Wenn jetzt ein Bandmitglied etwas anderes machen will, dann kann er das gerne tun. In einer anderen Band oder einem Side-project. DISMEMBER muss so bleiben, wie es die Fans und wir gewohnt sind. Bis zum Ende.

Und wann wird das Ende kommen?

Oh, keine Ahnung. (lacht) Wir machen weiter, solange Interesse da ist. Und solange wir körperlich in der Lage sind, unsere Songs zu spielen. Wir sind schließlich auch nicht mehr die Jüngsten.

DISMEMBER

Für dieses Jahr habt ihr ja noch was geplant. Jetzt kommt erstmal der Albumrelease und dann werdet ihr beim Party.San Festival und Summer Breeze Festival spielen – und ich hoffe ja auch noch auf eine Clubtour

Nun, wir werden sehen, wie das Album läuft – vielleicht gibt es später im Jahr eine Tour. Ansonsten werden wir halt hier und da mal spielen.

Lass uns noch mal zurück in die Vergangenheit gehen. DISMEMBER war eine der Bands, die einen ganzen Musikstil (mit)kreiert haben, ihr werdet als Einfluss genannt. Wie gehst du damit um?

Es ist immer schön, zu hören, dass man jemanden beeinflusst haben soll. Es ist aber schwierig, einen richtigen persönlichen Bezug dazu herzustellen. Wir haben uns nie als einflussreiche Band gesehen. Wir spielen halt Death Metal. Wenn heute Leute zu mir kommen, und mir sagen, dass DISMEMBER eine Rolle für sie gespielt hat, dann weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe uns nie in der Position gesehen. Es ist toll, wenn man etwas Konstruktives und Kreatives geschaffen hat. Aber es ist schwer für mich zu verstehen, dass wir anderen Leute Ideen gegeben haben. Aber… Wir sind doch einfach nur Death Metal Freaks!

DISMEMBER Songs und der DISMEMBER Sound war und ist durchaus etwas besonderes. Es war damals neu und ihr habt immer daran festgehalten. DISMEMBER sind in dieser Beziehung ausgesprochen konsequent

Nun, wir haben nie das Bedürfnis verspürt, etwas am Sound zu verändern. Wir sind glücklich, mit dem was wir haben. Der Gitarrensound war vom ersten Tag an da. Wir wollen da nichts „verbessern“. Er ist perfekt , denn er ist brutal. In unseren Augen gibt es keinerlei Veranlassung, den Sound zu „entwickeln“. Wir können mit unserem Sound sehr viel erreichen – selbst wenn ein Riff nicht übermäßig brutal ist, wird es durch diesen speziellen Sound aggressiver.

DISMEMBER

Ihr habt trotz aller Konsequenz auch kleine Experimente unternommen – die „Pieces“ EP von 1992 war viel brutaler als das Material des Debüts „Like an everflowing Stream“. Mitte der Neunziger habt ihr mit „Massive Killing Capacity“ auch ein wenig den gewohnten Pfand verlassen.

Wir sind mit „Massive Killing Capacity“ nicht allzu glücklich. Aber im Nachhinein betrachtet, war das Album ein wichtiger Schritt für uns. Wir haben gelernt, was wir besser nicht tun sollten. Damals lastete viel Druck von unserem damaligen Label Nuclear Blast auf uns, und wir selbst haben uns zusätzlich unter Druck gesetzt. Das Album wurde anders als alles bisherige, wir haben anders gearbeitet. Viele der Songs sind recht persönlich, sie wurden von einzelnen Bandmitgliedern geschrieben. Damals dachten wir, dass wir die Songs von anderen nicht verändern können. Wir hatten Hemmungen, dem anderen zu sagen, was er besser machen könne oder wo ein Song gar nicht zusammenpasst. Aus Fehlern lernt man. Wir haben ein Album veröffentlicht, mit dem wir selbst nicht ganz zufrieden waren. Man lebt, um zu lernen!

Danach kam 1995 das Album „Death Metal“, das für mich eine Art Statement ist: musikalisch sehr konsequent und mit einem grandiosen Titel – ganz besonders, wenn man überlegt, in welcher Zeit das Album veröffentlicht wurde.

Als wir angefangen haben, das Album aufzunehmen, hatten wir gar keinen Titel. Während der Aufnahmen machte das Label eine Menge blöder Vorschläge. Sie sagten uns, dass wir unseren Stil verändern müssten, weil sich das Album nicht verkaufen würde. Wir sollten kommerzieller werden. Death Metal sei tot – all das mussten wir uns anhören. Wir trauten unseren Ohren nicht und konnten kaum glauben, was wir zu hören bekamen. Deshalb haben wir beschlossen, das Album einfach „Death Metal“ zu nennen. Death Metal war damals nicht tot, er war nie tot – er war nur nicht mehr trendy!

Es war ein guter Zeitpunkt, denn allzu viele Death Metal Bands der ersten Stunde waren nicht mehr da oder hatten ihren Sound verändert.

Viele Bands haben sich verändert. Wir hatten plötzlich mehr Freiheiten, da es weniger Konkurrenz gab und wir wollten immer zu unserer Musik stehen. Es war eine gute Entscheidung und gleichzeitig eine schlechte. Die Tatsache, dass viele Bands nicht mehr da waren oder Veränderungen unternommen hatten , öffnete den Markt für uns. Wir wollten nur Death Metal spielen – perfekt für uns. Auf der anderen Seite wurden Dinge für uns nicht einfacher, im Gegenteil. Keiner hat an uns geglaubt und viele wollten uns weismachen, dass wir keine Zukunft hätten. Nun, wenn es keinen interessiert hätte, hätten wir uns aufgelöst – aber das ist nie passiert!

Ihr habt damals in den Neunzigern erlebt, wie durch Hype ein ganzes Genre zerstört wurde…

Ja, die Szene hat sich damals selbst umgebracht. Es gab zu viele Bands, zu viele schlechte Alben. Plötzlich wollte jeder in einer Death Metal Band spielen, die Labels wollten plötzlich alle Death Metal Bands signen – in dieser Flut ist viel untergegangen. Kein Wunder, dass viele ganz schnell die Schnauze voll hatten. Und nicht alles, was damals das Tageslicht erblickte, war Qualitätsarbeit, was dem Death Metal einen schlechten Ruf eingebracht hat. Es gab genug Bands, die wissen, wie man spielt und gute Songs schreibt, aber die sind zusammen mit den schlechten Bands untergegangen.

Session-Bassist

Siehst du die Gefahr, dass sich so etwas wiederholt? Wir hatten viel zu viele Black Metal Bands, viel zu viele „Power“ Metal Bands – wann ist Death Metal wieder an der Reihe?

Alles dreht sich im Kreis. Aber zur Zeit gibt es zumindest hier in Schweden keine abgegrenzten Szenen mehr – es gibt eine große Metal Szene, jeder hört irgendwie alles. In Schweden haben wir sehr gemischtes Publikum. Zu den Konzerten kommen mit Leute mit Black Metal Shirts, manche sogar mit Corpsepaint (lacht). Es gibt keine definierten Szenen – was sich aber ändern könnte. Sobald die Medien wieder einen Stil hypen… aber die Möglichkeit ist in meinen Augen recht klein.

Du bist lange genug dabei und hast genug mitgemacht – welchen Ratschlag würdest du einer jungen Band mitgeben?

Nun, das wichtigste ist, an sich zu glauben. Sie sollte das machen, was ihnen gefällt. Sie sollen Musik machen,. die sie selbst mögen. Wenn auch andere diese Musik mögen, ist das ein großer Bonus. Wir haben es immer so gemacht. Wir spielen das, was uns gefällt. Wir spielen Death Metal so, wie wir ihn von anderen hören wollen. Tja, und dann braucht es eben Geduld. Dinge passieren nicht einfach so – vielleicht muss man Ewigkeiten auf einen Vertrag warten. Vielleicht kommt auch nie ein Angebot. Man muss an eigenen Vorstellungen festhalten, auch wenn man vielleicht nie damit berühmt wird. Wir sind seit 15 Jahren dabei und jetzt im Moment ist das Interesse an der Band sehr, sehr groß – vergleichbar mit dem ersten Album. Aber wir haben auch dazwischen immer weitergemacht. Wir wollten nie groß werden, wir konnten nie von der Band leben, aber wir lieben das, was wir machen.

Ich nehme an, dass die Reaktionen auf Where Ironcrosses Grow bislang sehr gut sind.

Ja, ich habe jetzt seit zwei Tagen Interviews gegeben und viele haben mir gesagt, dass sie überrascht sind. Viele wussten nicht, was sie nach einer so langen Pause erwarten sollten. Tja, und einige sind wohl überrascht, dass die alten Männer von DISMEMBER noch Songs schreiben können. Das ist natürlich schön zu hören.

Es gab ja im Vorfeld schon ein paar Infos. Das Album sollte dunkler und weniger melodisch und aggressiver als alles bisherige sein. Für mich ist es eine Art „Best Of DISMEMBER“: Ein bisschen Melodie in „Tragedy of the Faithful“, ein toller Rhythmuspart in „Chasing the Serpent“, „Where Angers Fear to Tread“ hat ein SLAYER-inspiriertes Gitarrensolo. All das kennt man irgendwie von DISMEMBER.

Ja, wir brauchten ein starkes Album, aber wir wussten auch, dass uns nicht wiederholen können – es gibt natürlich eine bestimmte Formel, nach der man schnelle, aggressive Musik spielt, die können wir nicht verändern. Aber bestimmte Einzelteile wie die Melodien oder Tempiwechsel sind auf diesem Album viel stärker betont.

Auch das Cover ist sehr traditionell, ihr habt wieder mit Dan Seagrave gearbeitet.

Wir haben Dan nur einige kleine Richtlinien gegeben – und er hat genau verstanden, was wir wollten. Er hat sich über all die Jahre seinen Stil entwickelt, in seinen alten Covers findest du viel mehr naturbezogenes wie Äste, Steine und Wasser. Später hat er eher mit Maschinen, High Tech Zeug gearbeitet – er hat für unser Cover beides verbunden. Es sieht alt aus und gleichzeitig neu.



Layout und Live-Fotos: boxhamster

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...