DISENGAGE: Jeder Song muss eine Bedeutung haben

Kurzes Frage-Antwortspiel per E-Mail mit Sänger JASON BYERS

Nach der hervorragenden Platte Application for an Afterlife gibt es definitiv Redebedarf. Es bot sich aber leider keine Gelegenheit mehr, DISENGAGE zu einem Interview zu treffen, und da meine derzeitige Planung ausnahmsweise keinen spontanen Shopping-Besuch in den USA vorsieht, und mir am Rande der Oscar-Verleihung die Zeit immer etwas knapp wird und ich ausserdem nur sehr ungern lange in den hochhackigen Schuhen rumrenne, blieb leider nur die Möglichkeit eines E-Mail-Interviews.

Da bei dieser Art der indirekten Kommunikation keine Möglichkeit einer Nachfrage besteht, konnten viele Themen nur angerissen werden, aber trotzdem unterstreicht auch dieses kurze Frage-Antwort-Spiel mit Sänger JASON BYERS, dass es sich bei DISENGAGE um eine verdammt interessante Band handelt …

Application for an Afterlife ist jetzt schon eine Weile draussen. Seid ihr weiter mit dem Album zufrieden? Wie waren die Reaktionen?

Ich bin sehr zufrieden mit der Platte. Es ist unsere bisher beste Veröffentlichung.

Eure Musik ist, abgesehen davon, dass sie sehr gut ist, sehr emotional und intensiv. Es klingt sehr persönlich. Ist es manchmal schwer, solche Songs zu schreiben? Ich könnte mir vorstellen, dass es ein schwieriger kreativer Prozess ist, eher wie ein Kampf. Oder fällt es euch leicht?

Ich versuche zu vermeiden, persönliche Songs zu schreiben. Persönliche Songs haben sehr wenig Bedeutung, ausser für die Person, die sie geschrieben hat. Ich ziehe es vor, Themen anzusprechen, die die Leute zum Denken anregen. Man muss nicht viel denken, um einen Song über Schluss-machen zu verstehen. Wenn ich aber doch etwas persönliches schreibe, fällt es mir sehr leicht, denn ich habe die Situation oder Beziehung, über die ich schreibe, ja selbst durchlebt.

Es gibt nicht viele Bands, mit denen man DISENGAGE vergleichen kann. Allerdings, wenn man über Musik schreibt, braucht man Vergleiche. Ich habe für euch TOOL und HELMET gewählt. Könnt ihr damit leben? Haben diese Bands euch beeinflusst? Oder welche waren es?

Mit HELMET bin ich einverstanden. Das war eine großartige Band. TOOL höre ich nicht und besitze auch keine Platten von ihnen. Ich denke aber, dass man unsere Einflüsse leicht erkennen kann und wir sind stolz auf sie. Denn das waren die Bands, bei denen wird gesagt haben: Das ist das, was wir aus unserem Leben machen wollen!: BLACK FLAG, LED ZEPPELIN, BLACK SABBATH, FUGAZI, THE STOOGES, MINOR THREAT, CIRCLE JERKS, CRO MAGS und immer wieder LED ZEP.

Wie waren die Reaktionen auf eure Musik, als ihr noch nicht so bekannt wart, es noch keine Platte gab und das Publikum von euch noch nie gehört hatte?

Wir wussten, dass wir dabei waren, etwas Neues zu machen. Manche Leute waren verwirrt und einige mochte es. Aber wir haben uns noch nie darum gekümmert, was die Leute von uns dachten. Und wir tun es auch heute nicht.

Wie würdet ihr eure Musik beschreiben?

80´s Hardcore trifft Classic Rock!

Ist Musik machen ein essentielles Bedürfnis für euch, oder könntet ihr euch auch vorstellen aufzuhören und nur noch ein normales Leben zu führen?

Im Moment haben wir alle noch Jobs. Man muss ja essen. Independent Bands verdienen nicht viel in den USA. Wir würden aber jederzeit unsere Jobs aufgeben und nur noch Musik machen. Wer würde das nicht?

Die Texte wirken sehr durchdacht und bedeutungsvoll. Ist es euch wichtig eine Botschaft zu transportieren?

Jeder Song braucht eine Botschaft. Warum sollte ich etwas schreiben, wenn es nichts bedeutet? Das wäre für mich nur Zeitverschwendung. Mein Ziel ist es, die Leute zum Nachdenken anzuregen. Egal, ob die Leute meine Überzeugungen teilen, oder sich nur am Kopf kratzen, wenn sie die Texte lesen.

Die Botschaft wird in manchen Songs aber nicht besonders konkret ausgesprochen. Ist es Absicht, Raum für Interpretation zu lassen?

Genau. Interpretations-Spielraum ist das Schlüsselwort. Man muss etwas Verwirrung hier und da zulassen. Ich möchte den Leuten nicht nur in jedem Song meine Meinung vor den Kopf knallen. Das wäre nur langweilig.

Manche Texte, wie Thanks to the Hero, beziehen politische Stellung. Seht ihr euch selbst als politische Band? Kann oder sollte Rock politisch sein?

Ich sehe uns als politische Band. Es war aber nicht immer so. Wir haben uns immer für Politik interessiert, aber da die gegenwärtige Regierung nur Scheisse baut, beschlossen wir unsere politische Meinung in die Öffentlichkeit zu tragen. Rock kann und sollte politisch sein.

Der eben genannte Songs bezieht sich auf die Anschläge vom 11. September und die Reaktionen der Presse und der Öffentlichkeit darauf. Ich verstehe ihn so, dass ihr die Reaktionen kritisieren wollt, ohne den Opfern gegenüber respektlos zu sein oder den Terroristen gegenüber Sympathie zu zeigen. Ist das richtig?

Absolut. Ich hätte es nicht besser sagen können.

Der Song Los Angeles handelt von der Musik-Industrie und Fake- oder Plastic-Hype-Bands. Vom Songtitel her passt er hervorragend auf die 80er Hairspray-Metal-Bands, aber wenn dann die Jumpsuit-Band auftaucht, scheint er sehr aktuell. Welche Bedeutung steht hinter diesem Text?

Du hast sie genau erfasst.

Trotz aller Kritik an der Musik-Industrie seid ihr doch ein Teil davon. Wie schafft ihr es da die Kontrolle zu behalten?

Jon? (Ich gehe mal davon aus, er meint JONATHAN MORGAN, den Drummer der Band. Damit wäre wohl geklärt, wer in dieser Band die Geschäfte führt 😉 – der Verf. )

Denkst du, dass Künstler für ihre Meinungen und Statements in der Öffentlichkeit Verantwortung tragen, oder sind es trotz alledem private Gefühle und Meinungen, die auch so behandelt werden sollten?

DISENGAGE:
Das Application for an Afterlife – Cover

Es gibt in den Staaten kaum noch Redefreiheit heutzutage. Man muss vorsichtig sein, was man sagt. Ich habe in der Vergangenheit schon Texte deswegen geändert. Die Bush-Regierung attackiert im Moment noch Journalisten. Aber sind Künstler/Songwriter die nächsten? Das ist eine schwierige Frage. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich einige Dinge zurück gehalten und nicht gesagt habe. Manchmal fühle ich mich verantwortlich, für das, was ich in der Öffentlichkeit tue und sage, manchmal nicht. Es hängt von der Umgebung und meiner Stimmung ab.

Sänger JASON BYERS ist in einem sehr stark grafischen Black&White-Stil tättowiert. Wie kam es dazu, diesen sehr simplen, aber effektiven Stil zu wählen und auf Farbe zu verzichten? Mein persönlicher Geschmack ist da etwas anders…

Eigentlich ist es ganz einfach. Ich habe schlicht nichts übrig für Farben. Ich würde niemals in einem roten T-Shirt, gelben Hosen und grünen Schuhen auf der Strasse rumrennen. Also warum sollte ich mir dann solche Tattos machen lassen?

Da man ja bei E-Mail-Interviews nie so genau weiss, was zurück kommt und ein richtiges Gespräch ja leider ausgeschlossen ist, habe ich am Ende noch eine kleine Word-Attack angehangen, die zur Beantwortung freigestellt war. JASON hat sie aber alle brav beantwortet …

Die einsame-Insel-Fragen:

Was wäre die schlimmste Platte, um sie als einzige mit auf der einsamen Insel zu haben?

The Bravery

Welches eurer Bandmitglieder würdet ihr zuerst essen, wenn die Vorräte ausgehen?

Jacob

Weiter mit einigen Stichworten und möglichst spontanen Antworten:

Gangsta-Rap-Videos

Suck!

Rockstar in den 70ern sein

Awesome!

Drugs

Wer?

Groupies

Spass, wenn du Single bist

Boygroups

Bärte (?!? – der Verf.)

trashy TV-Talk-Shows (Jerry Springer, etc.)

Aus.

Bücher von Stephen King

The Shining rules!

5 Dinge, mit denen Amerikaner in Europa nicht fertig werden

24h Convenient Stores. Das war´s schon Ich liebe Europa.

Einge Zitate:

Wenn jeder Chinese einen Hummer (das Auto – der Verf.) bekommt, ist das das Ende der Welt. – unbekannter Geschäftsmann

Bestimmt. Das macht Sinn.

Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht – Friedrich Nietzsche, Philosoph

Kinky Nietzsche

Man bleibt sich selber immer fremd – Albert Camus

Albert müsste mal die Cosby-Show sehen