TALVIHORROS: Eaten Alive

Ein grimmiges Ambient-Album: "Eaten Alive" ist der ganz reale, subtile Horror in musikalischer Form.

Eaten Alive: Ein Albumtitel, der das Grauen schon in sich trägt. Egal ob man sich das direkt ausmalt, oder schlimmer noch, dass aus heiterem Himmel das Privatfernsehen um die Ecke kommt und dich zum neuen Bachelor oder zu einer der Kandidatinnen macht, diese Vorstellung ist düster. Der instrumental agierende Ambient-Künstler TALVIHORROS alias Ben Chatwin hingegen sieht den Titel seines mittlerweile fünften Albums als eine Art Backflash: London hat einen seiner Freunde wieder. Chatwin und sein Weggefährte Daniel Crossley durchstreiften wichtige Ecken der Metropole, suchten Stellen auf, die für Crossley wichtig waren, um seine Drogensucht zu bezwingen. Vermutlich gibt es keine grausamere Art, lebendig gefressen zu werden.

Eaten Alive ist nun naturgemäß kein fröhliches Tralalala-Schlagerdings. Es ist ein dunkles, teils verstörendes, teils hoffnungsloses Album, das TALVIHORROS da aus den Tiefen der Drogenhölle entstehen lässt. Verglichen mit dem eher spacigen And It Was So ist Eaten Alive direkter, fast schon dreckig, hat dennoch eine Fülle von schroff-schönen Momenten parat, wie in Objectum und The Secrets Of The Sky, wo ein paar Parallelen zur retro-futuristischen Welt von ZOMBI und den Soundtracks von JOHN CARPENTER entstehen. Ansonsten ist Eaten Alive ziemlich kalt und abweisend, wie bei gewissen Filmscores von CLINT MANSELL. Little Pieces Of Discarded Life ist beispielsweise ein Ungetüm, das schwarzen, giftigen Dampf ausschnaubt und sich aus den tiefen Lüftungsschächten schiebt, die in die dunklen Gassen führen, und Becoming Mechanical ist ein mit traurigen Samples unterlegter surrealer Maschinenalbtraum. Mit einer großen, dichten Instrumentierung, einer Menge analoger Synthesizer, mit bizarren Rhythmen, die nicht aus Beats bestehen sondern eher auf seltsame Art pulsieren, mit entrückt wirkenden gezupften, unverzerrten Gitarren, die verzweifelt einen Weg aus der Hölle suchen, entsteht ein unnahbares Werk, das bleischwer im Magen liegt.

Für Daniel gab es ein Happy End, entsprechend endet das Album auch etwas versöhnlicher, als es beginnt. Und dennoch ist Eaten Alive ein Ambient-Monolith, der einen bitteren Eindruck hinterlässt und den Hörer nachhaltig runterziehen kann. Immer wieder finden sich in der Musik kleine Hoffnungsschimmer, die vermutlich den Momenten in Crossleys Leben entsprechen, als er spürte, dass er den Absprung schaffen würde. Eaten Alive ist somit auch ein reinigendes Album, eines das zumindest nicht völlig pessimistisch geartet ist. In künstlerischer Sicht ist TALVIHORROS jedenfalls ein beeindruckender Schritt gelungen, Ben Chatwin hat sich musikalisch deutlich weiterentwickelt, pendelt zwischen modernen und altmodischen Sounds, hat schier zahllose Ebenen parat und fräst sich sehr langsam, aber beständig ins Unterbewusstsein. Eaten Alive wartet geduldig wie ein Raubtier, das irgendwann zum Sprung ansetzt. Womit wir wieder beim gefressen werden sind. Eaten Alive ist der wahre, subtile Horror in musikalischer Form. Beeindruckend.

Veröffentlichungstermin: 31. Januar 2014

Spielzeit: 42:34 Min.

Line-Up:
Ben Chatwin
Label: Denovali Records

Homepage: http://www.talvihorros.com

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/talvihorros

Tracklist:
1. Little Pieces Of Discarded Life
2. Four Walls
3. In The Belly Of The Beast
4. Objectum
5. Dyspnea
6. The Secrets Of The Sky
7. Becoming Mechanical
8. Today I Am Reborn