SADISTIC RITUAL: The Enigma, Boundless

Ambitioniert, aber leider langweilig. Thrash Metal zum Ausruhen und Abschweifen….

Trotz des martialischen Namens haben wir es bei dem Vierer aus Atlanta, Georgia nicht mit Black Thrash oder etwas ähnlich wüstem Geballer zu tun, sondern mit technisch ambitioniertem Thrash Metal, der auch Ende der 80er oder Anfang der Neunziger hätte entstehen können, als alle Granden des Genres ihre Hörner abgestoßen hatten und „anspruchsvoll“ wurden. Was zunächst mal “langsamer” bedeutete oder dass man sich hier und da anderen Einflüssen öffnete. Das empfand mein jüngeres Ich damals als ausgewimpt und enttäuschend, aber zwischenzeitlich haben viele der Platten, die ich damals so empfunden habe, doch noch ihre Qualitäten bewiesen. Ausser natürlich die von METALLICA nach der “…and Justice for all“. Die auf keinen Fall.

Im Falle von SADISTIC RITUAL haben wir es auch mit einer Band zu tun, die zwar trotz gelegentlichem Einsatz von Blastbeats ihre Erfüllung oft im Midtempo sucht und Genre-fremde Einflüsse verarbeitet. Laut Info soll es sich dabei um „Psychedelic Thrash“ handeln. Nun ja, wer jetzt angsterfüllte Augen bekommt und Hippies in Batik-Hosen im Reigen tanzen sieht, kann sich entspannen, ausser einer leisen Andeutung hier und da ist davon nicht viel zu spüren.

Für “The Enigma, Boundless” sind keine Psycheldelika notwendig

Wovon es allerdings eine Menge gibt, sind Riffs, ambitioniertes Songwriting, Tempo-Wechsel und gute Musiker. Was jetzt erstmal klingt wie ein Loblied, ist aber leider keines, denn so ambitioniert die Musik erschaffen wurde, so sehr die technischen Fähigkeiten  vorhanden sind und so sehr man sich auch um interessante Song-Strukturen bemüht – es will den Hörer einfach nicht wirklich mitreißen. Zu unterkühlt, zu rational und auf Dauer leider auch zu spannungsarm kommt die Platte daher und eine Stunde nachdem man sie gehört hat, kann man sich nicht mehr wirklich erinnern, wie sie eigentlich geklungen hat.

Thrash Metal zum Abschweifen

Mir ging es beim Hören von „The Enigma , Boundless“ mehrfach so, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass der eine Song aufgehört und bereits ein neuer angefangen hatte, und zwar nicht, weil sie sie geschickt miteinander verwoben waren oder weil man so gefesselt war, sondern weil sie so gleichartig klangen und es keine wirklichen Höhepunkte gab. Oder man war schlicht abgelenkt vom Muster der Tapete oder der Frage, ob man den Müll noch rausstellen muss. Eigentlich wollte ich die Platte mögen, aber die Songs geben dazu einfach zu wenig her.

„Raving Voyeurism“ mit seinen starken Blastbeats am Anfang, die zu dem heiser gebellten Gesang dann auch endlich mal eine Prise Aggression hinzufügen, ist noch am ehesten geeignet, hängen zu bleiben, bis dann in der Mitte des Songs plötzlich und ohne erfindlichen Grund die Spannung rausgenommen wird und es in eine Mid-Tempo-Beliebigkeit übergeht, die dann mit Tempo-Wechseln auch nicht mehr gerettet werden kann und plötzlich ist der Song vorbei. Einfach so. Den Stecker gezogen. “Maelstrom of Consciousness” hat diesen guten Moment in der Mitte des Songs, bevor die Band anfängt, noch satte zwei Minuten auf einem belanglosen, zähen Riff rumzukauen, das dann zu allem Überfluss noch aus- und wieder eingeblendet wird.

SADISTIC RITUAL haben den Stecker zu früh gezogen

Im Prinzip gilt “den Stecker gezogen” für die ganze Platte. Man hat ambitioniert angefangen, eine wirklich anspruchsvolle und energiegeladene Thrash-Platte zu machen, aber dann bei 50% des Songwritings einfach aufgehört und dann hier noch ein paar offene Akkorde, da noch ein nichtssagenden Gitarren-Solo drangehangen und das reicht dann schon irgendwie.

Eigentlich schade, aber das reicht eben nicht. Zumindestens wenn man diese Mängel dann nicht mit Gefühl und Leidenschaft wettmachen kann, aber auch das gelingt der Band leider nicht. 

Tatsächlich ist das, was die Platte am stärksten bei mir ausgelöst hat, der Wunsch, eine Platte aus der mittleren Phase von TESTAMENT oder 90er KREATOR zu hören. 

Release Date: 20.05.2022
Label: Prosthetic Records

Line-Up:
Charlie Southern – Guitar/Vocals
Alex Parra – Guitar
LaMar George – Bass
Joe Sweat – Drums

SADISTIC RITUAL “The Enigma, Boundless” Tracklist

1. End of All Roads (Video bei YouTube)
2. And You
3. Dire Avidity
4. Murmur (Video bei YouTube)
5. Maelstrom of Consciousness (Audio bei YouTube)
6. Area Denial
7. The Blood of Memory
8. Raving Voyeurism
9. Enigma, Boundless

https://sadisticritualatl.bandcamp.com