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RAZZIA: Am Rande von Berlin

1979.

41 Jahre ist das her.

Das ist verdammt lang.

Was war das für ein Jahr?
Wie anders war es damals?

1979 war ich noch im Kindergarten. Sehnsüchtig habe ich aus dem Fenster geschaut und die Grundschüler auf dem Pausenhof nebenan angehimmelt. Dort lag die große weite Welt vor mir, gespickt mit lauter Abenteuern.

1979 gründen sich RAZZIA und entwickeln darauf hin den Punk für Jahrzehnte mit

Karl Carstens wird zum fünften Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Bundeskanzler ist zu dieser Zeit Helmut Schmidt, auf den 1982 dann Helmut Kohl folgen sollte. Auch mein Vater hieß übrigens Helmut. In Gorleben gibt es massive Bauernproteste gegen Atomkraft. In Bremen ziehen erstmals Abgeordnete der Grünen in ein Landesparlament ein. Jimmy Carter ist Präsident der USA. Die eiserne Lady Margaret Thatcher wird erste Premierministerin in einem europäischen Land. Deutschland folgt erst 26 Jahre später mit dem Amtsantritt von Angela Merkel. Als erster Popstar des Westens tritt Elton John in der Sowjetunion auf. Deutschland ist ein gespaltenes Land. Mit einem selbstgebauten Heißluftballon fliehen 2 Familien aus der DDR nach Westdeutschland.

In diesem Jahr gründen sich RAZZIA in Hamburg, fast zeitgleich mit SLIME, welche ebenfalls aus Hamburg kommen, und EA80. Der Begriff Deutschpunk taucht nur 2 Jahre zuvor zum ersten Mal in der deutschen Musiklandschaft auf und wird in einem Leserbrief der Musikzeitschrift Sounds kreiert.

Ihre erste eigene Veröffentlichung in Form eines Tapes erfolgt 1982. Eine ellenlange Veröffentlichungsliste sollte folgen. 1986 erweitern RAZZIA mit Erscheinen von „Ausflug mit Franziska“ ihr Instrumentarium um ein Keyboard, völlig untypisch für die damalige Punkszene. 1986 wird übrigens TRUST als ein wegweisendes Fanzine für Punk und Hardcore in Deutschland gegründet. Moses Arndt, einer der Mitbegründer, veröffentlicht ab 1988 sein eigenes Fanzine „ZAP“. Ich fieberte Jahrelang jeder neuen Veröffentlichung entgegen.

RAZZIA werden für die nächsten Jahrzehnte eine der maßgeblichen Bands für die Entwicklung des Punks in Deutschland. Doch 2004 ist Schluss. Es gibt immer wieder Kontakte, Konzerte und Versuche. Aber die nächsten 15 Jahre folgt kein weiterer Tonträger.

Zum 40-jährigen Bandbestehen erscheint “Am Rande von Berlin”

Dann, 2019 zum 40-jährigen Bandbestehen, ist es soweit und „Am Rande von Berlin“ wird veröffentlicht, wieder mit Rajas Thiele, welcher bis zu seinem Austritt 1992 die Musik von RAZZIA mit seinem Gesang maßgeblich geprägt hatte.

Am Anfang steht ein Instrumental als Intro. Dann folgt mit „Nicht in meinem Namen“ das Wiederhören mit Rajas Thiele. Es folgen 12 weitere Songs, teilweise treibend, teilweise ruhig, fast schon balladesk. Die Stimmung ist meist düster. Rajas Gesang ist präsent und unglaublich eindringlich. Die Texte sind teilweise sehr hart und direkt.

Ich brauche Zeit, um mich der Platte zu nähern. Ich höre mir alte Stücke an, dann wieder „Am Rande von Berlin“. Und RAZZIA gelingt es, mich zu fangen. Mit jedem Hören finde ich die Platte besser und lasse mich in diesen intensiven Klangkosmos hineinziehen.

Mein Lieblingsstück der Platte ist „Wenn die Stadt erwacht“. Es fängt mit ganz ruhigen Gitarren an.
Dann kommen Bass, Schlagzeug und Gesang, vorgetragen in einem teilweise recht seltsamen Rhythmus. Es folgt der schnelle und geradlinige Refrain und ich bin gebannt.

RAZZIA entfalten ihren eigenen Zauber

Die Platte scheint bei jedem weiteren Durchlauf zu reifen wie ein guter schwerer Rotwein und RAZZIA entfalten ihren eigenen eigenartigen Zauber. Was soll ich noch sagen? Eine absolute Empfehlung für alle Punk-Interessierten. Aber gebt der Platte Zeit. Ihr werdet dafür belohnt.

VÖ: 22.03.2019

RAZZIA “Am Rande von Berlin” Tracklist:

– Nitro
– Nicht in meinem Namen
Am Rande von Berlin (Youtube)
– Berchtesgaden
– Wenn die Stadt erwacht
– Ein Hauch von Wandlitz
– Jedem Ende wohnt ein Zauber bei
– Lauf, Junge lauf
– Liebe Grüße aus dem Rotweingürtel
– Wer die Märchenstunde stört
– Straße der Krähen
– Der böse Frau
– Willst Du das wirklich
– Rezeptur der Angst