POWER OF OMENS: Rooms of Anguish [Import]

Prog Metal-Salat. Rezept für 4 Personen. Zutaten: 1x Gesang und Atmosphäre der frühen QUEENSRŸCHE, 3 Pfund SPASTIC INK-Frickeleien, 1 Pfund frühe PAIN OF SALVATION, 1 Prise DREAM THEATER. Zubereitung: Alles in einen Topf werfen, kräftig umrühren und in unterschiedlich großen Portionen servieren. Tipp: Schmeckt besonders lecker bei hoher Lautstärke unterm Kopfhörer.

Vier lange Jahre habe ich auf Rooms of Anguish gewartet. Jetzt ist das Album endlich erhältlich, wenn auch nur als US-Import. Einen Monat lang habe ich die neuen Stücke immer und immer wieder angehört. Schon beim ersten Hördurchgang überraschte die CD (im Gegensatz zu den vorab im Internet veröffentlichten Stücken) mit einer druckvollen Produktion. Die ist bei der komplexen Musik von POWER OF OMENS allerdings auch dringend nötig. Denn auf Rooms of Anguish befinden sich vermutlich mehr Taktwechsel als Buchstaben in diesem Review.

Den Anfang macht das Intro Welcome To My World. Dramatische Chöre bestimmen hier das Bild. Dabei machen die Gäste Michelle Loose (BRAVE) und Chris Roy (READING ZERO) eine ausgezeichnete Figur, so dass man schnell verzeiht, dass das einleitende Türknarren mit 16 Sekunden doch etwas arg lang ausgefallen ist.

Direkt im Anschluss geht es mit With These Words weiter. Vom ersten Ton an gibt es abgestoppte Breaks, verschachtelte Riffs und waghalsige Griffbrettabenteuer. Chris Herring, der Neuzugang am Bass, fügt sich nahtlos ins Bandgefüge ein und harmoniert bestens mit Schlagzeugmonster Alex Arellano. Die wohl größte Veränderung im Vergleich zum Debüt Eyes of The Oracle hat im Gitarrenbereich stattgefunden. Dort wartet David Gallegos mit etlichen schweren Riffs auf, wie sie beispielsweise SYMPHONY X auf ihrer letzten CD (The Odyssey) vermehrt verwendeten. Im Gegensatz dazu ist im Gesangsbereich alles beim Alten geblieben. Chris Salinas klingt immer noch wie ein Geoff Tate-Klon, was dank der eigenständigen Gesangslinien aber nicht negativ ins Gewicht fällt. Die Grundstimmung des Albums ist trotzdem verhältnismäßig düster. Selbst die über weite Strecken vorhandenen Keyboards ändern daran wenig.

My Best To Be… schlägt in dieselbe Kerbe, wenn es auch nicht ganz so hektisch ausgefallen ist wie der Opener. Beim Soloteil kommt dabei zum ersten Mal die akustische Gitarre zum Einsatz, was der Dynamik des Stücks alles andere schadet. Allerdings deutet sich hier bereits an, was ich schon von Anfang an befürchtet habe. Dass nämlich Rooms of Anguish nicht ganz die kompositorische Klasse von Eyes of The Oracle besitzt. Doch mehr dazu später.

Denn mit A Toast To Mankind folgt wieder ein Direktangriff auf das Hörzentrum. Der Höhepunkt des Stücks ist zweifellos sein atemberaubender Refrain, bei dem deutlich wird, dass POWER OF OMENS nicht nur eine seelenlose Frickelmaschine sind.

Ein Blick auf die Liedlänge (7:33 Minuten) zeigt außerdem, dass das Quartett auf Rooms of Anguish um einiges zielstrebiger zu Werke geht als anno 1998.

Auch As Winter Falls ist ein verhältnismäßig geradliniges und von filigranen Gitarrenläufen durchsetztes Stück. Mich erinnert es ein bisschen an The Naked Mind vom Debüt, wobei es aber im direkten Vergleich wesentlich mehr Atmosphäre besitzt. Erwähnenswert ist zudem, dass die Keyboardsoli auf Rooms of Anguish von Ex-Keyboarder Andrew Sanchez eingespielt wurden, der diesem bisweilen recht leblosen Instrument zumindest etwas Leben eingehaucht hat.

Bis zu diesem Moment ist Rooms of Anguish seinem Vorgänger mindestens ebenbürtig, aufgrund der besseren Produktion wahrscheinlich sogar überlegen. Doch leider – und ich schreibe das mit großem Bedauern – will die folgende halbe Stunde einfach nicht zünden. Das instrumentale The Calm Before The Storm beginnt mit einem ausladenden Akustik-Gitarrensolo, das ziemlich orientierungslos vor sich hin dümpelt. Und auch im weiteren Verlauf passiert wenig um den Hörer bei Stange zu halten.

Die eigentliche Enttäuschung nennt sich allerdings In The End, dauert über 20 Minuten und muss sich nicht zuletzt deshalb mit dem Göttersong Test of Wills von Eyes of The Oracle messen lassen. Schlüssige Melodien habe ich mit der Lupe suchen müssen. Dabei bietet das Stück eigentlich alles, was man von POWER OF OMENS erwartet: Alex Arellano trommelt um sein Leben, Chris Herring darf in einem atemberaubenden Basssolo zeigen, dass er alle sieben Saiten seines Instruments innerhalb einer Sekunde in jeder erdenklichen Reihenfolge anschlagen kann, und Michelle Loose gibt im Mittelteil einige orientalische Melodien zum Besten.

An manchen Stellen wirken die Keyboards etwas zerfahren und um Verlauf des Stücks gibt es nur wenige wiederkehrende Stellen. Doch ungeachtet dessen ist es die Komposition an sich, zu der ich einfach keinen Zugang bekomme. Ein ähnliches Gefühl hatte ich seinerzeit, als ich Snow von SPOCK`S BEARD auch beim zwanzigsten Anhören nichts abgewinnen konnte.

Auch mit Only A Dream habe ich so meine Probleme. Das Lied ist mit Abstand das ruhigste auf Rooms of Anguish. Im schlichten 4/4-Takt fließt es dahin, ohne dass es großen Wiedererkennungswert besitzt. Das Schlagzeug untermalt das Geschehen dezent, während ansonsten Gesang und Akustik-Gitarren das Bild bestimmen. Lediglich im Soloteil drängen sich E-Gitarre und Bass in den Vordergrund, was allerdings wenig daran ändert, dass Only A Dream wie ein langsam verhallendes Echo von In The End auf mich wirkt.

Auch hier drängt sich der Vergleich zum Vorgängeralbum und Tears of The Wind im Speziellen auf, bei dem es POWER OF OMENS auch ohne Gesang gelang eine Gänsehautatmosphäre zu erzeugen. Nicht so hier.

Nach mehr als einer Stunde Spielzeit gibt es zum Schluss glücklicherweise noch den Titeltrack des Albums, der mit dem wohl coolsten Bass-Tapping-Teil aller Zeiten beginnt. Das eigentliche Stück kommt dann zwar nur langsam in die Gänge, besitzt aber einen gelungenen, eindringlichen Refrain, sowie nach neun Minuten ein tolles Solo.

Mit dem gleichnamigen Lied vom The Unanswered Question-Demo hat Rooms of Anguish übrigens nur noch wenig zu tun. Zwischendurch haben sich so zwar auch ein paar kleine Längen eingeschlichen, doch alles in allem vermag es dennoch zu überzeugen, nicht zuletzt weil POWER OF OMENS trotz fehlender Tour-Erfahrung musikalisch mit Sicherheit ganz oben in der Prog Metal-Liga mitspielen.

Die Texte sind meist religiös angehaucht, wobei es ungemein angenehm ist, dass Chris Salinas sich nicht als bedingungsloser Missionar verstanden wissen will. Die darin enthaltene Verzweiflung, die Hoffnung und die Leidenschaft spiegeln sich zudem auch in seinem Gesang und in der ganzen Musik wider.

Alles in allem ist Room of Anguish also immer noch ein absolut empfehlenswertes Album, besonders für Leute, die wissen wollen, wie ein Hybrid aus alten QUEENSRŸCHE und SPASTIC INK klingt.

Im Vergleich zu Eyes of The Oracle ist es homogener und um einiges heavier. Außerdem sind Stücke wie With These Words und A Toast To Mankind sicherlich zugänglicher als beispielsweise The Fall. Persönlich bevorzuge ich offensichtlich trotzdem das Debüt mit seinen beiden Überstücken The Quest und Test of Wills, obwohl ich Rooms of Anguish auf jeden Fall für einen würdigen Nachfolger halte.

Hörproben sowie eine Liste mit Händlern, die Rooms of Anguish anbieten, gibt es auf der Homepage der Band.

Veröffentlichungstermin: 18.02.2003

Spielzeit: 75:36 Min.

Line-Up:
Chris Salinas: Gesang

David Gallego: Gitarre, Keyboards

Chris Herring: Bass

Alex Arellano: Schlagzeug

Produziert von POWER OF OMENS
Label: MetalAges Records

Homepage: http://www.powerofomens.com

Tracklist:
1. Welcome To My World

2. With These Words

3. My Best To Be…

4. A Toast To Mankind

5. As Winter Falls

6. The Calm Before The Storm

7. In The End

8. Only A Dream

9. Rooms of Anguish