Diese Chuzpe, in Verbindung mit dem stimmungsvollen Cover und der Aussicht auf ein Werk, das mit einer echten Kirchenorgel gespielte Melodien biete, war es wohl, die mich dazu gebracht hat, dem lieben „E.“ ohne Umschweife mein Geld in den Rachen zu werfen. Es ist schließlich gerade Winter, um mich herum sieht es genau so aus wie auf dem Cover von „Oblivion Hymns“, und überhaupt, ich habe sowas mal gebraucht.
Sowas? Sowas: Funeral Doom. Und zwar wirklich Funeral. Das hier ist kein Death Doom, kein Doom mit Growls, das hier ist Funeral Doom. Mehr Funeral geht nicht: Nicht nur bestehen die ersten ca. 17 Minuten aus einer fantastischen Interpretation des berühmten Beerdigungsmarsches „Marche Funebre“, nein, E. verzichtet auch fast vollständig auf sowas wie Gitarrenflächen oder konventionelle Songstrukturen. Stattdessen: Atmosphäre. Langsames, schleppendes Schlagzeug im Hintergrund. Finsterste Growls. Und Melodie.
Harmonien, die ins Mark gehen
Ja, Melodie, denn darauf verzichtet er keineswegs, und es handelt sich gar um Melodien, die ohne Umschweife ins Blut gehen und da auch bleiben – etwas, was mir bei so mancher Funeral-Doom-Band leider fehlt. Und nicht nur sind diese Melodien wunderschön, sie werden auch noch häufig mit dieser Kirchenorgel gespielt und gewinnen dadurch trotz ihrer Simplizität nochmal deutlich an Magie. Der Konterpart zur Orgel bietet dann die E-Gitarre und ein clever eingesetzter Bass, der den ins Mark gehenden Harmonien den letzten Schliff verleiht.
Sowieso, die Orgel: Sie ist das bestimmende Instrument dieses Albums, gibt ihm Tiefe, sakrale Atmosphäre und vielleicht sogar heilsamen Charakter. Die Passagen z.B., in denen sie nach einer der wunderbaren Melodiebögen wieder auf dem Grundton zum Ruhen kommt, sind schlicht und einfach magisch und zutiefst ergreifend – ein echtes Erlebnis.
Funeral Doom voller Abwechslung und Trost
Und dann schafft es E., seiner zutiefst traurigen und sich langsam aufbauenden Musik noch eine ganze Menge Abwechslung zu verleihen. Wie macht er das? Nun, schon im Beedigungsmarsch gibt es eine nette Keyboard-Überraschung, die zudem den Charakter des Spaßprojekts nochmal unterstreicht, „Putrefaction Psalm“ bietet eine leichte Tempo-Anhebung und ein regelrecht grooviges Riff, aber vor allem trumpfen die OBLIVION HYMNS am Ende des Albums mit dem (gesamplten, aber immerhin) Einsatz eines Chores und mit (echtem) weiblichem Gesang auf, so dass man als Hörer zurück gelassen wird mit einem Gefühl des Trosts angesichts einer trostlosen Welt, mithin damit, was Funeral Doom kann und will: die Ausweglosigkeit menschlicher Existenz musikalisch erlebbar zu machen und ihr doch etwas von ihrem Schrecken zu nehmen.
Spielzeit: 58:42 Min.
Veröffentlichungsdatum: 03.01.2026
Label: Eigenproduktion
https://oblivionhymns.bandcamp.com/album/oblivion-hymns
Tracklist – OBLIVION HYMNS – „Oblivion Hymns“
1. Postmortem Reverie – Marche funebre I (Intro)
2. Beloved Death – Marche Funebre II
3. Oblivion Hymns
4. Putrefaction Psalm
5. Catatonic Veins
6. Euthanasy