Es begann als Kollaboration: Das Duo GRIS und Annatar, der Kopf hinter SOMBRES FORÊTS taten sich 2009 zusammen, um MISERERE LUMINIS als einmaliges Projekt aufzuziehen. Das Ergebnis: Ein spannendes Black Metal-Album, das sich über die Jahre nicht so ganz bewähren, und Kollegin Arlette so rein gar nicht überzeugen konnte. 2023 starteten die Kanadier einen neuen Versuch, und siehe da: „Ordalie“ war ein ganz anderes Kaliber. MISERERE LUMINIS etablieren sich nun vollends mit „Sidera“, einem stellaren Album, dessen emotionale Wucht nur schwer wegdiskutiert werden kann.
Doch es ist nicht nur die Emotionalität, die MISERERE LUMINIS auszeichnet: „Sidera“ ist kompositorisch und spielerisch schlicht atemberaubend. Zu dritt fährt die Band aus Montreal ein gewaltiges Panorama auf; Songs die Geschichten erzählen, die nicht selten von leisen, introvertierten Momenten, in einer großen, überbordenden Conclusio münden. Songs, in denen die Ratio der Leidenschaft nicht im Weg steht. „Les fleurs de l’exil“ klingt als Opener bereits gewaltig, mit seinem dissonanten Mainriff und dem hypnotischen Midtempo-Groove als Basis und einer chaotischen Eruption als Finale. Den Boden ziehen MISERERE LUMINIS dann aber mit „De cris & de cendres“ weg: Zwölf Minuten dauert das Stück, mit neoklassisch geprägten Intro, das aus groß angelegten Streicher- und Piano-Arrangements besteht, dann schier explodiert. Blast Beats, Riffs, Vocals mit der Wut der Verzweiflung, und schließlich ein Outro mit Klavier, Streichern, Kontrabass und angejazztem Drumming. Kurz: Atem-be-fucking-raubend.
Die Leidenschaft auf „Sidera“ ist atemberaubend: MISERERE LUMINIS legen in jede Waagschale Herz und Verstand zu gleichen Anteilen hinein.
Wenig überraschend dabei ist, dass MISERERE LUMINIS nicht nur die einzelnen Kompositionen, sondern auch das ganze Album an sich im Blick haben. Die Dramaturgie von „Sidera“ ist absolut stimmig. So nimmt „Aux bras des vagues & des vomissures“ erstmal Druck raus, setzt auf Harmonien und Melancholie, zunächst wieder mit Piano und Streichern, dann mit erhabenen Leadgitarren. Es dauert fast vier Minuten, bis der Furor wieder durchscheint, tritt aber bald wieder einen Schritt zurück. Die Band nimmt sich nicht nur hier Zeit, über das gesamte Album hinweg lässt sie immer wieder Luft zum Atmen. Diese bewusst leisen und bewusst brachialen Momente sind kontraststark und das ist letztendlich einer der Hauptgründe, warum MISERERE LUMINIS in beinahe jedem Moment des Albums so mitreißend klingen.
„Sidera“ besteht aus langen Songs, hat aber praktisch keine Längen, selbst wenn zwischen den eruptiven Ausbrüchen viel Raum ist, der mit neoklassischen Arrangements gefüllt wird: Streicher und Klavier setzen so starke Akzente, dass man sich zwischendurch fragen mag, ob nicht eher Black Metal die ergänzende Kraft ist. Dass MISERERE LUMINIS in ihren Post Rock-Momenten dabei die Kraft von MONO in ihre Musik bringen, und nicht nur die typischen Tremolo-Gitarren spielen, hebt sie von vielen anderen Bands des Genres ab. Das wirkt sich auch auf die Ästhetik aus: Statt in Misanthropie und Depression zu baden, ist da eine Stärke und Erhabenheit zu hören, die diejenigen haben, die trotz einer lebenslangen dunklen Wolke über dem Haupt trotzdem unbeirrbar weitermachen. Das sagt schon der Titel von „À la douleur de l’aube“ aus, und im getragenen Mittelteil wird es zusätzlich deutlich.
Ein großes musikalisches Panorama: MISERERE LUMINIS lassen auf „Sidera“ offen, ob Black Metal oder Neoklassik die Basis der Musik darstellt.
Ihre emotionale Wucht und Leidenschaft erzeugen MISERERE LUMINIS also nicht nur durch plumpe Build-and-Release-Dynamik, es ist die Weitsicht und die Konsequenz, die diese Musik so intensiv werden lässt. Sogar das abschließende „Dans la voie de nos lumières“ hat nach einem vergleichsweise unscheinbaren Start einen Moment, der Tränen in die Augen treibt, und endet mit einer Klimax, die es in dieser Qualität selten zu hören gibt. Nicht nur kompositorisch, auch spielerisch mangelt es „Sidera“ an nahezu nichts, gerade das Drumming hat einige impulsive Einsätze, die der Musik eine besondere Lebendigkeit verleihen. Wenn die Vocals hier noch mithalten und etwas mehr Variation bringen könnten, es gäbe nichts zu meckern.
Mit „Sidera“ reihen sich MISERERE LUMINIS aber auch so bei einigen ihrer stärksten Labelkollegen ein: Die dissonante Kühle, die in den Riffs von ULCERATE enthalten ist findet sich hier ebenso wie die Heißblütigkeit von SELBST und der Schmerz von WHITE WARD. Dieser Stern tanzt im besten „Also sprach Zarathustra“-Sinne und erzeugt ein Gefühl, das Adam Burkes betörendem Albumcover absolut würdig ist, es ist niederschmetternd und belebend zugleich; beinahe die Quadratur des Kreises. Man kann es nicht anders sagen: „Sidera“ ist ein brillantes Post Black Metal-Album mit Seltenheitswert.
Wertung: 4,5 von 5 Supernovae
VÖ: 6. März 2026
Spielzeit: 51:29
Line-Up:
Annatar: Guitar, vocals
Neptune: Guitar, bass, piano, texts
Icare: Drums, vocals, strings
Sessionmusikerin:
Sylvaine Arnaud: Upright bass
MISERERE LUMINIS „Sidera“ Tracklist:
1. Les fleurs de l’exil
2. De cris & de cendres (Official Audio bei Youtube)
3. Aux bras des vagues & des vomissures (Official Audio bei Youtube)
4. À la douleur de l’aube
5. Dans la voie de nos lumières
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