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FÅGELLE: Bränn min jord

Zwischen den Welten, zwischen Jahreszeiten: FÅGELLE liefert mit ihrem dritten Album „Bränn min jord“ atemberaubend schöne Musik zwischen Nordic Folk und Avant Pop, die im richtigen Moment aber auch die Zähne zeigt. Ein echter Geheimtipp!

Sie ist wieder zu hören, draußen, abseits des Lärms der Menschen. In den letzten Wochen wurden sie lauter, es schwillt langsam an. Die Vögel kehren zurück, werden wieder aktiver. Amseln, Zaunkönige und Rotkehlchen nehmen ihre Revierkämpfe wieder auf, und auch die Stare kehren bereits zurück. Und doch ist es zwischendurch kalt und unwirtlich da draußen. Da fragt man sich: Überleben die das überhaupt? Aber natürlich, sie sind an diesen Jahresrhythmus seit Jahrtausenden angepasst – ganz im Gegenteil zu den haarlosen Kaltnasenprimaten in ihren Häusern. Unter die frühen Sänger des Jahres mischt sich von FÅGELLE eine sehr ungewöhnliche Stimme. „Bränn min jord“, das dritte Album der schwedischen Solokünstlerin Klara Andersson ist dabei wie ein seltsames Tier, das sich in den Wäldern versteckt und mit auf die verschiedensten Arten sehnsüchtig ruft.

Dabei ist „Bränn min jord“ schwer zu greifen, obwohl es eigentlich gar nicht so schwierig zu kategorisieren ist. Als würde BJÖRK die SIGUR RÓS von „Kveikur“ fronten und in einen elektronischen Nordic Folk-Pop-Kontext packen, klingt FÅGELLE schon seit ihren beiden ersten Alben. So konsequent war Andersson allerdings bisher noch nie. Das Betörende und das Verstörende gehen teils nahtlos ineinander über. Pop trifft auf Noise, Folk trifft auf Elektronisches, bis hin zu Elementen, nah am Industrial. Und entgegen dem, was man hier erwarten könnte, ist FÅGELLE meilenweit von den seltsameren Auswüchsen des Neofolk entfernt. Tatsächlich passt das Album sehr gut in diese Jahreszeit, wenn sich die Natur noch nicht entscheiden kann, ob es noch Winter oder bereits Frühling ist, in die Wochen zwischen ersten wärmeren Brisen und kalten Blizzards.

FÅGELLEs nordischer Sound lebt von Gegensätzen, dennoch ist „Bränn min jord“ ein durch und durch organisches Album.

So muss man sich „Bränn min jord“ langsam annähern, um es Schritt für Schritt lieben zu lernen. Der Titel heißt „Verbrenne meine Erde“ – um Platz zu machen für Neues. FÅGELLE traut sich eine Menge in diesen 35 Minuten, aber es ist nicht zu viel, sofern man komplexem Pop gegenüber aufgeschlossen ist. Wenn man eine Ader für skandinavische Musik hat, spürt man schnell eine Verbindung zu dieser Musik, selbst wenn die Ratio diese nach dem ersten Hören noch nicht vollständig begreifen mag. Da ist es eine kluge Entscheidung FÅGELLEs, dass mit „Riv Mig“ das Album mit leisen Klavierklängen und sich steigerndem, leidenschaftlichen Gesang beginnt, mitreißend und catchy. Danach macht es Klara Andersson ihrem Publikum nicht mehr oft so leicht. Die weiteren Stücke sind häufig fragmentiert, oder als wären sie aus Fragmenten zusammengebaut.

Das mag etwas abschreckend klingen, aber FÅGELLE ist mittlerweile als Songwriterin so gewieft, dass sie selbst wilde Gegensätze unbeeindruckt nebeneinander stehen lässt, ohne dass es zerfahren klingt. Der Urschrei, der „Innan malen hittat in“ einleitet, mündet in einem von hypnotischen Drums angetriebenen, düsteren Stück mit brodelnder Atmosphäre, das etwas sehr unterschwellig Beunruhigendes mit sich bringt und an WOVENHAND denken lässt. Den größten Raum zur Entfaltung nimmt sich FÅGELLE allerdings in den ruhigen Momenten. „Alla mina namn“ startet leise und zart mit einem sanften Beat, zerfasert in der Mitte und stellt in einem instrumentalen Finale beherztes Drumming und flirrende Synthesizer zärtlich gegenüber. Dass „Bränn min jord“ in den verletzlichen Momenten besonders gut ist, zeigen auch tröstliche Stücke wie „Det blev våra liv“ und „Det djur som är du“, in denen sich Melancholie und Kraft gegenseitig bedingen und keinen Gegensatz darstellen. Die Steigerungen und Wendungen, die komplexen Arrangements und Klara Anderssons variable wie leidenschaftliche Stimme erzeugen Songs, die erarbeitet werden wollen, die Hörenden aber sanft umgarnen.

„Bränn min jord“ fasziniert sofort und will dann erarbeitet werden: FÅGELLEs drittes Album balanciert auf der Schwelle zwischen betörend und verstörend.

Es gibt nur schwer einen Ausweg aus diesem Irrgarten, hat man sich erstmal darin verlaufen. Hinter jede Ecke lauern Wunder, wuchern die seltsamsten Gewächse, singen die betörendsten Vögel. Bei FÅGELLE liegen Epos und Kargheit dicht nebeneinander, der feierliche Titelsong, in dem sich viel Anspannung entlädt, steht neben dem trocken und beinah grungig rockenden „Satans jävla fan“. Das Outro „Avslutning“ ist ein feierlich-tragisches Trompetenstück und wird im Laufe seiner zwei Minuten von Drones und Distortion überlagert – und wieder wirkt es nicht gegensätzlich, sondern erweitert das Feld. Dennoch: Melancholie kann FÅGELLE unvergleichlich gut, die Momente, in denen ihre Musik heavier wird, kann hier nicht mithalten. Außerdem ist „Brann min jord“ ein Verwirrspiel: mit vier kurzen Interludes verstört das Album hier und da, dann täuscht es wieder etwas vor, das in der Folge doch anders kommt.

Das Artwork könnte hier nicht stimmiger sein. Der Rabenmensch als Reiter einer Katze, das ist ein mythisches Bild für Transformation, Kreativität, Klugheit. Die Musikerin aus Hallands Iän ist ein musikalischer Trickster, nicht um des Verwirrens willen, sondern um bewusst mit Erwartungen zu brechen, Ungewohntes zu versuchen und das Feld der Hörenden zu erweitern. Und um auf verbrannter Erde Neues entstehen zu lassen. „Bränn min jord“ ist in allen Belangen konsequent: in seiner Schönheit wie in seiner Schroffheit. FÅGELLE ist wie ihre Schwester im Geiste ZOLA JESUS eine mutige Künstlerin, die chimärengleiche, schwer zu kategorisierende und originelle Musik schreibt und performt, die Freunde von elektronisch angehauchtem Nordic Folk und Avant Pop süchtig werden lässt. „Brann min jord“ ist ein faszinierendes, selten schönes Album, magisch wie die Schwelle zum Frühjahr, wenn man Flora und Fauna endlich wieder neu entdecken darf.

Wertung: 11 von 13 Frühjahrszüge

VÖ: 27. Februar 2026

Spielzeit: 35:38

Line-Up:
Klara Andersson – Vocals, Electronics, Synthesizers, Guitar, Bass, Choir, Piano, Field recordings

Sessionmusiker*innen:
Liam Amner – Drums and percussion
Lars Bylund – Vocals and scream („Alla mina namn“, „Sång till ventilation“, „Skogsskrik 1“
John Borglund – EPA driver („Det blev våra liv“)
Petter Eriksson – Bass, Guitar
Stefan Isebring – Hurdy-gurdy („Innan malen hittat in“)
Erik Natanael Gustafsson – Brass and Woodwind orchestration
Samuel Reitmaier aka DAYDREAMER – Remix („Det blev våra liv“)
Nathalie Ruiz – Movement and Body percussion („Innan malen hittat in“, „Bränn min jord“)
Jimi Vall Peterson – Body percussion („Det blev våra liv“)
Amanda Zoric Wikholm – Voice („Stigen“)
Våxtorp-Båstad blåsarensemble – Wind orchestra („Riv mig“, „Det djur som är du“)
Sennan Brass – Brass orchestra (Hymne 414 „Led milda ljus“ auf „Avslutning“)

Label: Eigenproduktion

FÅGELLE „Brann Minn Jord“ Tracklist

1. Riv mig (Demolish Me)
2. Skogsskrik 1 (Forest Scream 1)
3. Innan malen hittat in (Before the Moths Get in)
4. Lars tröstesång (Lars’ Song of Solace)
5. Stigen (The Path)
6. Alla mina namn (All My Names)
7. Det blev våra liv (That Became Our Lives)
8. Raset (The Collapse)
9. Bränn min jord (Burn My Soil)
10. Satans jävla fan (Satan’s damned fools)
11. Sång till ventilation (Song to Ventilation)
12. Det djur som är du (The Animal That Is You)
13. Avslutning (Finale)

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