DIE ÄRZTE: Geräusch

Ein Album, das wie immer gut ist, einige wenige durchschnittliche, aber viele gute und noch bessere Songs enthält, von denen ich mir einige aber länger schön hören musste, als das in der Vergangenheit der Fall war.

Ich glaube, ich bin einer der wenigen, der dazu steht, daß er ein großer Fan von den HOSEN, den ONKELZ und den ÄRZTEN (aus Berlin…) ist. Jede Band ist/hat für sich Klasse und ich verstehe die Sticheleien auf Kindergarten-Niveau schon lange nicht mehr. Da verlange ich von Leuten von Weidner, Felsenheimer, Urlaub, Meurer und Frege (die um die 40 Jahre alt sind) etwas mehr Souveränität, Abgeklärtheit und Alters-Gelassenheit.
Aber das ist ein anderes Thema. Kommen wir zur aktuellen und gleichzeitig zehnten Studioscheibe von DIE ÄRZTE (aus Berlin…). Geräusch heißt sie, enthält 27 Songs, wurde erneut von Uwe Hoffmann produziert/gemischt und bietet – wie immer eigentlich – den ganz normalen ÄRZTE-Wahnsinn, was für einen vielleicht Stagnation, für mich aber Stil bedeutet. Dass es sich bei einer dermaßen großen Anzahl an Songs und knapp 100-minütigem Songmaterial nicht ausschließlich um Golden Hits handelt, dürfte klar sein, aber die deutliche Mehrheit der Songs kann – wie immer eigentlich Pt.II – überzeugen, auch wenn die Herren Urlaub, Felsenheimer und Gonzales oft und gerne bei sich selbst klauen (was ich aber absolut nicht verwerflich finde…).
Die Super-Drei haben immer noch das Gespür für eingängige Melodien bzw. Songs mit Ohrwurmcharakter und kein Problem damit, straighten Metal, Violinen, Asi-Punk, Jazz, Akkordeons, Latino- und Calypso-Klänge, Trompeten, Swing, Celli und (oft selbstironische) Texte über Politiker, Penis-Piercings, Klugscheißer, Zombies, Zivilcourage und gescheiterte Beziehungen auf EINEM Album unterzubringen und damit Abwechslungsreichtum zu garantieren.
Die Texte sind – wie immer eigentlich Pt.III – nicht immer nur lustig, auch wenn man das bei oberflächlichem Hören meinen könnte. Aber Nichtwissen (ein Song an alle Menschen mit einer Ist mir doch scheißegal-Einstellung!), das rockige Deine Schuld (ein Pro-Eigeninitiative-Song), Besserwisserboy (mit einem Gastauftritt von Gunter Gabriel, im Stile der Musik von SADE gehalten, was die Band nicht daran hinderte, ein kurzes DEEP PURPLE-Zitat einzubauen und ein Lied für Dich ist mein Freund, der Du jeden Tag den Finger hebst und uns sagst, wo es langgeht.), Die Klügsten Männer Der Welt (Bela´s Liebeslied an die Politiker dieser Welt mit Textpassagen wie Sie entscheiden für uns. Ja, sie leiden für uns. Unser Dunkel wird durch sie erhellt – das sind die klügsten Männer der Welt), Nicht Allein (ein Song für alle mutlosen, von Selbstzweifeln geplagten Menschen, die Angst vor Veränderungen in ihrem Leben haben!) oder System (ein Urlaub-Songs mit Calypso-Klängen – Nur dass System setzt noch immer auf Unterdrückung und Gewissenlosigkeit – es wird Zeit, es wird Zeit, das wir was dagegen tun) haben durchaus eine zwischen den Zeilen versteckte ernsthafte Note.
Natürlich spielen bei einigen Urlaub-Songs auch wieder Beziehungen eine Rolle, wobei ich jedoch nicht weiß, ob Songs/Texte wie Der Tag (mit Bläsereinsatz eine Art Abschiedslied an eine Verflossene), Nichts In Der Welt (ein Liebeslied an die Verflossene mit Textzeilen wie Es ist vorbei, ich weiß nicht, warum – sag mir, was hab ich falsch gemacht. Es ist vorbei, Du hast mein Herz zerfetzt und Dir gar nichts dabei gedacht) oder Anders Als Beim Letzten Mal’ (darüber, das man merkt, daß in einer Beziehung der Wurm drin ist…) autobiografischen Charakter haben.
Wie aber auch schon bei Ein Schwein namens Männer fällt Herr Urlaub den echten Männern dieser Welt in den Rücken und preist bei (dem von Pianoklängen unterstützten) WAMMW die (vermeintlichen) Vorzüge, die es gäbe Wenn Alle Männer Mädchen Wären (Da gäb´s keinen Stammtisch und keinen Ku-Klux-Klan und kein Gedränge auf der Autobahn. Der generelle Umgangston wär´ sanft und kultiviert.) oder rechnet in Der Mann und Textzeilen wie So subtil wie ein Panzer, so einfühlsam wie die Autobahn mit allen Macho-Schweinen dieses Planeten ab.
Aber über die Texte etlicher Songs kann man auch gut lachen, z.B. über Piercing, in dem Herr Urlaub über Penis-Piercing und die Folgen (Das Ding ist rot – sieht aus wie tot. Entzündet und schmerzt, als Du merkst: Du trägst ´nen Gott zwischen Deinen Schenkeln. Leg ihm bitte keine Ringe an!) berichtet! Auch die Schweden-Hommage Jag Älskar Sverige („Wie gerne würd´ ich jetzt in Schweden sein, weil jeder Schwede lacht und singt, und pausenlos das Tanzbein schwingt, bei 40 Grad und Sonnenschein) ist deshalb lustig, weil weder Text noch Musik irgendwas schwedisches an sich haben! Auch Bela´s Schneller Leben über die Vorteile des frühen Sterbens (Ob Sänger oder Saitenquäler: Tote machen keine Fehler oder Kurt Cobain hat es gewusst: Im Alter droht Gesichtsverlust.) zauberte ein breites Grinsen in mein Gesicht, das mir auch beim jazz-punkigen Als Ich Den Punk Erfand (hier erzählt Bela mit einem kräftigen Augenzwinkern, was die Punk-Szene ihm alles zu verdanken hat!) nicht vergehen wollte und sich bei Richtig Schön Evil (Haushaltsgegenstände oder Gitarrensaiten, eingeführt in Körperöffnungen, können Dir Lust bereiten. Exkremente, sind nicht allzu sehr beliebt, doch geben sie ´ne prima Mahlzeit ab, wenn man ihnen eine Chance gibt.), und da ganz besonders beim gesprochenen Part am Ende des Songs, nochmal deutlich verbreiterte.
Zwar finde ich die Rod-Stücke (z.B. Geisterhaus) erneut nicht wirklich überragend, aber mit Dinge Von Denen (über Leute, die einen mit Dingen zulabern, die einen gar nicht interessieren), Lovepower (ein Liebeslied an sich selbst!) oder dem DANZIG-lastigen Anti-Zombie kann er mich dieses Mal überzeugen.
Klar, auch Bela und Farin haben nicht nur Kracher für diese Scheibe geschrieben, aber auch wenn Die Nacht (hat ein bißchen was von Mysteryland), das rockige Pro-Zombie (Wenn ich ein Zombie wär´, dann bräuchte ich keinen Kombi mehr. Denn machen wir uns mal nichts vor: Wer nimmt schon ´nen Zombie als Spediteur? – wer bei solchen Textzeilen nicht bald mal den Grimme-Preis kriegt, hat irgendwas falsch gemacht), oder Ruhig Angehn ein wenig zu typisch und 08/15-ÄRZTE-Song-mässig sind, sind sie weit davon entfernt, als schwach bezeichnet zu werden!
Ich liebe diese Band auch und besonders für ihren Humor und ihre skurilen Ideen. Eine davon sind die schwarz gefärbten CD, die mit ihrer Rillenprägung aussehen wie eine Vinyl-Schallplatte. Eine andere ist das sehr coole, auf ÄRZTE-typische Art und Weise erweiterte Kopierschutz-Logo und natürlich der sehr selbstironische Hiddentrack Hände In Den Taschen, der deshalb hidden ist, weil man den vermeintlich ersten Track Als ich den Punk erfand… auf den Zählerstand MINUS 3:50 Min. zurückspulen muss um in den Genuß dieses Songs zu kommen.
Ein Album, das wie immer gut ist, einige wenige durchschnittliche, aber viele gute und noch bessere Songs enthält, von denen ich mir einige aber länger schön hören musste, als das in der Vergangenheit der Fall war.
Anspieltipps : Besserwisserboy, Die Klügsten Männer Der Welt, Richtig Schön Evil

Spielzeit: 97:09 Min. (ohne Hiddentrack)

Line-Up:
Farin Urlaub (Gesang, Gitarre)
Rod Gonzales (Gesang, Bass)
Bela B. (Gesang, Drums)

Produziert von Uwe Hoffmann und Die Ärzte
Label: Hot Action Records (Universal)

Homepage: http://www.bademeister.com

Tracklist:
CD 1 :
1.Als ich den Punk erfand
2.System
3.T-Error
4.Nicht allein
5.Dinge von denen
6.Der Grund
7.Geisterhaus
8.Ein Mann
9.Anders als beim letzten Mal
10.Ruhig angehn
11.Jag älskar Sverige!
12.Richtig schön evil
13.Schneller leben

CD 2 .
1.Unrockbar
2.Deine Schuld
3.Lovepower
4.Der Tag
5.Die Nacht
6.Nichts in der Welt
7.Die klügsten Männer der Welt
8.Piercing
9.Besserwisserboy
10.Anti-Zombie
11.Pro-Zombie
12.WAMMW
13.NichtWissen