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COLD NIGHT FOR ALLIGATORS: With All That’s Left

Kaum eine Progressive-Metal-Band verkörpert Emotionalität so konsequent wie die Dänen COLD NIGHT FOR ALLIGATORS. Auf „With All That’s Left“ präsentieren sie Songs, die sich anfühlen wie eine tröstende Umarmung: aufwühlend, sensibel, verletzlich. Hier werden Schmerz und Melancholie in raue, kantige Schönheit verwandelt.

Stellen wir uns mal folgende Situation vor. Auf einer überfüllten Straße laufen Menschen aneinander vorbei. Jeder trägt etwas mit sich herum: eine gescheiterte Beziehung, eine schlechte Nachricht vom Arzt, die Erschöpfung der letzten Monate. Die Blicke gehen zu Boden, jemand wird angerempelt, niemand bleibt stehen. Dann stockt der Strom für einen Moment. Zwei schauen sich an, halten den Blick – und erkennen sich wieder. Sie treten näher, fallen sich in die Arme, Fremde für alle anderen, aber nicht füreinander. Sie halten einander fest. Voila, welchen Soundtrack haben sie wohl auf den Ohren, während das passiert? Die Antwort ist schnell gegeben: COLD NIGHT FOR ALLIGATORS.

Spielen COLD NIGHT FOR ALLIGATORS „Sensitivity Metal“?

Seit die Dänen 2008 auf der Bildfläche erschienen sind, haben sie sich in den Kreis jener Bands eingereiht, die Progressive Metal nicht als Bühne für ausgestellte Virtuosität oder Themen wie überbordende Sci‑Fi‑Storys nutzen. Der Blick wird nach innen gerichtet – dorthin, wo die zwischenmenschlichen Katastrophen lauern. Und wo Missverstehen auf Selbstzweifel, Ängste und Überforderung trifft. CNFA sind Meister darin, Gefühle zu sezieren und mit dem Skalpell offenzulegen. Eine Operation am offenen Herzen – ganz ohne Narkose. Müsste man hierfür eine Genrebezeichnung etablieren, würde ich „Sensitivity Metal“ vorschlagen. Oder „Hug Metal“ – Ihr wisst schon, wegen der Umarmung.

Bereits der Vorgänger „The Hindsight Notes“, der im Jahr 2022 bei Arising Empire erschienen ist, war ein Geheimtipp für all jene, die es mit Bands wie LEPROUS oder DREDG halten. Doch offenbar hat das nicht ganz funktioniert – die Band hat das Label wieder verlassen und veröffentlicht nun auf Prime Collective. Sie spricht sie von einer Neuerfindung: „Wir haben uns durch Veränderung, Verlust, Vaterschaft und Burnout frontal aufgestellt. Diese Platte wurde zu einer Arche für Überleben und Erneuerung – unser bisher persönlichstes und filmischstes Werk“, heißt es im Promotext.

„With All That’s Left“ ist noch größer und eingängiger als sein Vorgänger

Tatsächlich klingt „With All That’s Left“ noch fokussierter, größer und eingängiger als der Vorgänger. Und ja: auch ein wenig cleaner. Das Album präsentiert Songs, die man nach kurzer Zeit mitsingen kann. Komplexität zeigt sich hier eher in den Details – schroffe, stotternde DJENT-Rhythmen, subtil verschobene Bassläufe und atmosphärische Gitarrenflächen, die sich den Songs unterordnen, statt das Zepter zu übernehmen. Manche Melodien sind fast poppig.

Gleichzeitig liegt in den Songs eine Fragilität, die fast zu bersten droht, besonders in den ruhigeren Passagen. Ihr glaubt, KATATONIA sei die traurigste Band der Welt? Hört Euch den Beginn von „.44 Lifeline“ an. Und sagt mir ehrlich: Was macht das mit Euch? Könnt Ihr die Tränen zurückhalten? Wie stark ist Euer Bedürfnis, auf der Straße wildfremde Menschen zu umarmen? FUCK!

Und dann ist da diese Stimme von Frontmann Johan Jack Pedersen, die das Album prägt und weit in den Vordergrund gemischt ist. Mal kraftvoll und direkt, oft in hohem Falsett zerbrechlich und einfühlsam. Pedersen kann seine Stimme langsam aufbauen, bis sie fast bricht, und dann wieder sanft abfallen lassen. Er spielt gekonnt mit Nuancen: sanftes Legato, punktiertes Staccato, dezentes Vibrato, subtile Rauheit. Oh mein Gott, wie schön kann dieser Mann leiden! Selbst in den aggressiven, lauten Momenten schimmert eine ungewohnte Sensibilität durch, die man aushalten können muss.

Zwischenbilanz eines aus den Fugen geratenen Lebens

Mit sanften, fast tippelnden Orchesterklängen werden wir behutsam in das Album und den Titelsong hineingeführt. Ich höre vielleicht ein Fagott, gezupte Streicher und eine Harfe – das Booklet der eingesetzten Instrumente liegt mir leider nicht vor. Dann übernehmen schwere, groovende Gitarren, der Rhythmus ist synkopiert, bis sich schließlich Pedersens Stimme sanft einschaltet. Schon wechseln wir in den Krisenmodus: Ein sprechendes Ich zieht Zwischenbilanz seines bisherigen Lebens. Selbstreflexion mischt sich mit der Einsicht in begangene Fehler – und dem Wunsch nach Neuanfang:

Ich bewahre meine Lieder für den Fluss auf –
Was ist ein Leben wert, um darüber nachzudenken?
Es ist der Mord an meiner Jugend, und ich habe gelernt:
Zeit ist kein einfaches Spiel.
So viel Wut in mir verschlungen.
Mit dem, was heute noch von mir übrig ist,
Krieche ich, um meinen Fehlern zu begegnen.

Die Krise ist oft die einer mittleren Lebensphase: Erste Träume sind geplatzt, Lebenswege mussten korrigiert werden, erste Beziehungen und Freundschaften sind gescheitert, Verluste wurden erlitten. Wenn der Songtitel „.44 Lifeline“ biografisch gemeint ist, dürfen wir davon ausgehen, dass sich die Band in ihren 40er-Jahren befindet.

COLD NIGHT FOR ALLIGATORS packen diese Motive in eingängige Songs zwischen Prog, Modern Metal und Alternative, die sich nicht scheuen, auch mal die großen Gesten zu versuchen: ausholende Melodien, elegische Schwere. Und doch immer wieder aufgebrochen werden – fragmentierte Emotionen, die sich in nervös kreisenden Mustern, spannungsvollen Motiven und feinen rhythmischen Verschiebungen spiegeln.

Die Hörer werden emotional nicht geschont

Schon die beiden folgenden Titel zeigen die hymnischen Qualitäten der Band: bittersüßestes Ohrenfutter, mitunter sogar dezente Stadionrockqualitäten. „Dance For You“ ist totale Hingabe an eine geliebte Person, intim bis zum Zerbrechen.

Über ein quirlig kreisendes Gitarrenmuster tastet sich Pedersen in den Song hinein, spricht ein „Du“ an, bis der Song in einem eingängigen Refrain explodiert, den jeder nach kurzer Einübung mitsingen und mitleiden kann. Eine Beziehung steht kurz vor dem Scheitern, sie entgleitet, sie verrutscht ins Ungefähre – und so wird das Gegenüber verzweifelt angefleht, obwohl der Bruch bereits offensichtlich ist:

Willst du, dass ich für dich tanze?
Für dich lache?
Für dich schreie?
Alles durchstehe?
Stopp – es ist verloren.

Wiederkehrend gibt es auf der Platte dialogische Momente, in denen ein „Du“ angesprochen wird. Es sind Passagen irgendwo zwischen Beichte und Bitte, zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Furcht vor ihr, oft mit offenen Fragen, auf die das sprechende Ich selbst keine Antwort weiß. Genau das erhöht die Eindringlichkeit, es ist ein altbewährter Trick: Auch wir als Hörer fühlen uns direkt angesprochen und werden hineingezogen in das emotionale Zentrum der Songs. Wir werden nicht verschont – das Mitleiden und Mitfühlen ist ausdrücklich erbeten.

Im Mittelteil passiert das Unfassbare: Alle Instrumente verstummen – die stotternden Gitarren, das rhythmisch versetzte Schlagzeug. Ein einsames Piano übernimmt. Die Melodie perlt, und Pedersen singt so eindringlich, dass es mich komplett aufzureißen droht. Es ist eines der schönsten Breaks, das ich kenne. Einsamkeit, Resignation, ein kurzer Moment des Innehaltens – bis sich das furiose Finale aufbaut, die Stimme immer flehender klingt, fast wütend.

Ich verliere dich in diesem Wahnsinn.
Nur in Klang bin ich sicher, im Klang bin ich gerettet.
Ich verliere dich, überwältigt und ertrunken,
während du dich gefunden fühlst, renne ich blind.
Ich verliere dich.
Ich verliere dich.

Das Spiel der Band besitzt eine sinnliche Qualität

Wer glaubt, wir befänden uns hier durchgehend im Schmerz- und Trauerkloßmodus, den muss ich enttäuschen. Das Spiel der Band ist variabel und detailreich, voller Dynamik und Raffinesse. Schwere Riffs treffen auf akustische Passagen, das Schlagzeug agiert nuanciert und wuchtig zugleich. Immer wieder brechen wohl dosierte Aggressionen auf: Die Rhythmen grooven schwer, die Stimme schreit. Dazu gesellen sich geschmackvolle, virtuose Pianopassagen. Und weitere Überraschungen: ein Trompetensolo in „I Am Only Fear“, tranceartige Flächen im Abschlusstrack „Melancholy Waves“.

Die Pointe: Verinnerlichung entsteht gerade durch jene Elemente, die man im Prog gern als „Gegniedel“ abtut. Synkopen, verschobene Akzente und rhythmische Reibung wirken hier nicht demonstrativ, sondern nach innen – als hörbar gemachter Denk- und Gefühlsprozess. Deshalb dominieren Muster, die variiert und verschoben werden, um den Spannungszustand zwischen Bewegung, emotionaler Eskalation und gedanklichem Kreisen einzufangen. Schmerz wird in schroffe Schönheit übersetzt – ein kathartisches Erlebnis.

Zwischen Wave-Noir-Ballade und zupackendem Prog-Metal

So nehmen uns CNFA mit in die dunkle Wave-Noir-Ballade „In the Dark“: ein Song, der fast wie ein Wiegenlied wirkt — geflüstert, zart, beruhigend. Und doch stimmt etwas nicht.
Eine Person weint sich in den Schlaf und wendet sich an eine abwesende Person, bangend, ob es ihr gut geht. Über allem liegt eine leise Bedrohung:

Ein neuer Jäger beobachtet jede deiner Bewegungen,
er nimmt dir deine Leidenschaft.
Ich hoffe, irgendjemand sagt mir, dass es dir gut geht.
Diese Wunden dürfen niemals deine sein.
Kämpf nicht für mich – kämpf nicht dafür, dass sie bleiben.

Der synthetische Rhythmus wirkt fast wie ein langsamer Herzschlag, manchmal dringt ein hallendes Klopfen durch. Gespenstige Geräusche wie aus einem nächtlichen Wald.

Andere Songs sind zupackender und näher an der „klassischen“ Prog-Metal-Idee. Im chaotischen „These Blind Spots“ hüpft die Leadgitarre wie ein Ping-Pong-Ball über treibende und ruckelnde Akkorde. Der Song, eine Art innerer Monolog, beschreibt den Moment, in dem ein „Ich“ sich von seiner Vergangenheit verabschieden will, gar alles bis auf die Wurzeln niederbrennen – entsprechend entfesselt musiziert die Band. Doch da mischen sich Selbstzweifel ein und Ängste, Zorn trifft auf Zurückschrecken und Unsicherheit. Das sprechende Ich gesteht, nicht gut im Abschiednehmen zu sein:

Ich bin nicht gut im Abschiednehmen
Aber ich blicke nicht zurück
Meine Augen flackern hell

„Astonishing“ eröffnet mit betörendem, kunstvollem arabischen Frauengesang à la Ofra Haza und weiträumigen Orchesterklängen, während die Gitarren ornamenthafte Verzierungen streuen. Orientalische Skalen treffen auf die punktierten Rhythmen des Progcore und erzeugen eine entrückte, fast mystische Atmosphäre. Die Stimme übernimmt hier fast eine perkussive Rolle: punktiert, stotternd, in kleinen Impulsen, die die rhythmischen Akzente der Gitarren und Schlagzeugmuster spiegeln. Das erzeugt eine nervöse, drängende Spannung. Transzendenz kontrastiert mit der verletzlichen, zerrissenen Innenwelt des Ichs.

Prog der zwischenmenschlichen Sollbruchstellen

Im Video zu „Am I Only Fear“ rennen zwei Männer mit freiem Oberkörper durch den Wald. Äste schneiden in ihre Haut, sie stolpern, fallen, stehen wieder auf und hetzen weiter durch das Dickicht. Zwei Reiter sind ihnen auf den Fersen. Die Haut ist aufgerissen, blutig. Sie fallen einander weinend in die Arme. Sie prügeln sich. Stoßen die Köpfe aneinander – mal konfrontativ, mal fast zärtlich.

So fühlt sich die Musik von COLD NIGHT FOR ALLIGATORS an: kein Prog der großen Weltentwürfe und Konzeptalben, sondern einer der Schnitte und Narben. Ein Prog der emotionalen Verletzungen und zwischenmenschlichen Bruchlinien. Fragmentierte Blicke, stotternde Rhythmen – Fragilität. Eine fantastische Platte! Und ebenso eine tröstende Umarmung.

Veröffentlichungsdatum: 16.01.2026

Spielzeit: 41:00

Label: Prime Collective

Webseite: https://coldnightforalligators.com/
Bandcamp: https://coldnightforalligators.bandcamp.com/

Line-Up (unter Vorbehalt):

Johan Pedersen – Gesang
Nikolaj Lauszus – Schlagzeug
Eskil Rask – Bass
Max Uldahl – Keys & Orchestrierung
Lui Broch Larsen – Gitarre
Frederik Møller – Gitarre auf „In The Dark“ und „Bittersüße Echos“
Simon Laulund – Leadgitarre auf „These Blind Spots“
Randy Slaugh – Synthesizer auf „Changeling“
Ryan Svendsen – Trompete auf „I Am Only Fear“
Simon Dobson – Trompete auf „Changeling“

COLD NIGHT FOR ALLIGATORS „With All That’s Left“ TRACKLIST

1. With All That’s Left (Video bei Youtube)
2. Dance For You
3. I Am Only Fear (Video bei Youtube)
4. Changeling
5. In The Dark
6. These Blind Spots
7. .44 Lifeline (Video bei Youtube)
8. Bittersweet Echoes
9. Astonishing
10. Melancholy Waves