CALLEJON: Metropolis

CALLEJON: Metropolis

„Nur eine Geschichte.“, versichert uns eine tiefe Stimme nach etwa 50 Minuten Höllenritt. Sachlich, nüchtern, teilnahmslos bringt der Off-Erzähler im Outro von „Gestade der Vergessenheit“ das auf den Punkt, was wir die ganze Zeit über nicht wahrhaben wollten: „Metropolis“ ist kein Ort der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern Endstation – die Stadt, die wie ein Moloch ganze Existenzen verschlingt; wo das Leben des Einzelnen keinerlei Rolle spielt. Es ist ein unwirtlicher Ort, an den uns CALLEJON entführen, und daher sind wir mehr als überrascht, wie viel Leben die Metalcore-Band in diese Häuserschluchten zu bringen vermag.

Es ist nicht so, dass die zwölf Tracks musikalisch gänzlich neue Wege beschreiten würden. Metalcore mit einem guten Einschlag Melodeath steht im Zentrum der Kompositionen, die aber neben diversen Einflüssen vor allem mit ihrer dichten Atmosphäre punkten können. CALLEJON zeichnen ein düsteres, oft bedrückendes Bild, das sie bei aller emotionaler Kälte, die von der namengebenden Großstadt ausgeht, dennoch mit Farbklecksen frisch halten.

„Metropolis“ überzeugt nicht zuletzt atmosphärisch

Zum ersten Mal bekommen wir das im flotten „Gottficker“ zu spüren, wo Deutschrock-Anleihen für einen belebenden Drive sorgen. Dass die Single für uns sogar zu den uninteressanteren Beiträgen zählt, spricht für die atmosphärische Dichte von „Metropolis“. Wenn CALLEJON etwa in „Blut“ erst Thrash-Riffing auspacken, um dann nach der stampfenden Bridge im Refrain der Aussichtslosigkeit eine Stimme geben, halten wir kurz den Atem an.

Zum Luftholen kommen wir zum Glück trotzdem regelmäßig. CALLEJON wechseln gerne das Tempo, lassen in „Die Krähe mit dem Schädelbauch“ zwischendurch Melodic Hardcore in einem melancholischen Refrain samt Pop-Appeal verklingen, nur um anschließend mit „Fürchtet euch!“ die Deutschrock-Klänge ein weiteres Mal aus der Kiste zu holen. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Frontmann Bastian Sobtzick eine durchaus radiotaugliche Singstimme besitzt.

CALLEJON beenden kaum einen Song ohne Wendung

Am stärksten sind CALLEJON dennoch, wenn sie die Daumenschrauben anziehen und wie im Titeltrack oder dem Melodic Death Metal-Brecher „Die Fabrik“ direkt nach vorne preschen. Vor treibendem Schlagzeug brennen die Gitarren in Letzterem ein skandinavisches Feuerwerk ab, während Sobtzick eine besonders leidenschaftliche Leistung abruft. Ganz ohne Wendung schafft es das Quintett auch durch diesen Song nicht – diesmal sind es die Synthesizer, die uns plötzlich aus der Spur werfen.

Egal, wohin uns die verwinkelten Gassen und Straßenzüge der Großstadt führen, „Metropolis“ bleibt unverwüstlich. Hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung und sei es nur ein Riffbollwerk wie in „Der Wald“ oder ein Wiedersehen mit der Thrash-Keule in „Herr der Fliegen“.

Mit „Metropolis“ haben CALLEJON den Finger am Puls der Zeit

Je länger wir uns durch „Metropolis“ bewegen, desto aussichtsloser erscheint die Umgebung. Lyrisch hatten wir bis hierhin ohnehin wenig zu lachen, auch weil CALLEJON hier den Finger am Puls der Zeit haben: Kapitalismuskritik in „Die Fabrik“, moralische Ohnmacht in „Blut“ und ein gesellschaftlich-politischer Rundumschlag in „Fürchtet euch!“ lassen ein flaues Gefühl zurück, dem wir uns im fatalistischen „Katakomben“ gänzlich hingeben möchten.

Es braucht einen Weckruf wie das fantastische „Gestade der Vergessenheit“, das sich ein letztes Mal aufbäumt, nur um schließlich doch der Stadt zum Opfer zu fallen, wie es zumindest den Anschein hat. „[…] [A]m Ende einer Existenz, die alles gesehen hatte, offenbarte sich das Nichts.“, fasst die tiefe Stimme aus dem Off geradezu gleichgültig zusammen. Es sei ja „nur eine Geschichte“, versichert der Erzähler. Eine Geschichte, die wohl nicht untypisch ist für diesen Ort aus Beton und Stahl. Seine letzten Worte: „Willkommen in Metropolis.“

Veröffentlichungstermin: 28.08.2020

Spielzeit: 49:51

Line-Up

Bastian Sobtzick – Vocals
Bernhard Horn – Gitarre
Christoph Koterzina – Gitarre
Thorsten Becker – Bass
Maximilian Kotzmann – Drums

Label: Warner Music International

Homepage: http://www.callejon.de/
Facebook: https://www.facebook.com/callejon

CALLEJON “Metropolis” Tracklist

01. Metropolis (Video bei YouTube)
02. Gottficker (Video bei YouTube)
03. Blut
04. Die Krähe mit dem Schädelbruch
05. Fürchtet euch! (Lyric-Video bei YouTube)
06. Die Fabrik
07. Der Wald
08. Herr der Fliegen
09. Misraim
10. Katakomben
11. Dies Irae
12. Gestade der Vergessenheit

Florian Schaffer
Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.