AFSKY: Om hundrede år

Wenn Black Metal zur positiv lebensverändernden Kraft wird: Das dritte Album von AFSKY ist das bisher kraftvollste, beste und, ja, schönste des Projekts. Und das, obwohl wir in hundert Jahren alle tot sind.

Ole Luks Projekt AFSKY ist sicherlich einer der Shooting-Stars im Black-Metal-Untergrund der letzten Jahre, trotz – oder gerade wegen? – seines primären Sujets: Tod und Depression. War “Sorg” noch eine nicht ganz kohärente, aber ungemein vielversprechende Geschichte, konnte “Ofte jeg drommer mig dod” mit knackigerem Songwriting schon auf ganzer Linie überzeugen. Mit seinen Kumpels von SUNKEN hat Luk daraufhin eine Live-Band zusammengestellt und ist seitdem gefühlt eigentlich immer auf Tour, was ihm, wie er sagt, unglaublich gut tut und ein großartiges Erlebnis nach dem anderen beschert.

Auch ich habe AFKSY im Herbst 2022 beim Vendetta-Fest live gesehen und war vollkommen begeistert von der Spielfreude, dem perfekten Sound, der sympathischen Attitüde und nicht zuletzt von den Songs, die live nochmal ihre ganze Pracht entfalten konnten. Man hat in jeder Sekunde gespürt, dass Black Metal hier geradezu therapeutische Wirkung für Künstler und Publikum gleichermaßen haben kann.

“Om hundrede år” ist eine Hymne an Leben und Tod gleichermaßen

Man hört diese neu gefundene Positivität auf “Om hundrede år deutlich. Das Album wirkt, als hätte Luk sämtlichen verkopften und vielleicht auch depressiven Ballast über Bord geworfen und sich beim Komponieren einfach mal vollständig aufs Gefühl verlassen. Waren es auf den früheren Werken noch einzelne große melodische Momente, die mich abgeholt haben, bestehen die Lieder nun fast ausschließlich aus diesen – jedes ist eine Hymne für sich, eine Hymne an das Leben und den Tod gleichermaßen.

Denn Leben ohne Tod ist keines, und jedes irdische Leben ist vergänglich – diese zugegebenermaßen nicht ganz neue Erkenntnis liegt “Om hundrede år” zugrunde und muss diesmal reichen, um neben all der Grandiosität in Arrangement und Melodieführung für den Stich in Richtung Verzweiflung zu sorgen (musikalisch selbstverständlich perfekt ausgedrückt in Luks herrlichem Gekrächze – das er übrigens ganz DIY-like über sein Laptop-Mikrofon aufnimmt – und seinem typisch sägenden Gitarrensound).

AFKSY erschaffen einen grandiosen Black-Metal-Moment nach dem anderen

Besonders grandios: der Einsatz der Akustik-Gitarre in “Stormfulde hav”; der Einsatz des Basses als Melodieinstrument; die hymische Melodie in “Tak for alt”; der Fluss des Albums als Ganzes – selten habe ich 43 Minuten kompakter und kohärenter erlebt als hier (vielleicht noch bei AARA, deren neuestes Werk ähnlich packend und zwingend arrangiert ist), und ich liebe es einfach, wenn Black Metal es schafft, mehr als nur eine Gefühlsregung zu kanalisieren. Ja, sicherlich ist hier die Melancholie vorherrschend, aber bei AFSKY scheint nun zwischendurch auch mal die Sonne – und rührt gerade dadurch erst so richtig zu Tränen. Wer’s nicht glaubt, höre nur mal den wundervollen Tremolo-Übergang zur Black-Metal-Raserei nach drei Minuten Doom-Gestapfe in “Frosne Vind”!

Musikalisch hörbar ist darüber hinaus ein gewisser Punk-Einfluss, der sich auch in der Attitüde AFSKYs auf und neben der Bühne bemerkbar macht: Als Ole Luk für Konzerte nach Polen fährt, macht er bunte AFSKY-Sticker mit einer Message gegen die dort geltenden LGBT-feindlichen Gesetze – und lacht hinterher über die Trottel, die darin einen Verrat am Black Metal sehen. Gibt es leider viel zu selten, sowas!

Wer also dieses Jahr das perfekte Black-Metal-Album für den Frühling sucht, ist bei AFSKY an der richtigen Adresse. Die optimistisch zwitschernden Vögel am Ende des Vorgänger-Albums haben nicht zuviel versprochen: “Om hundrede år” ist Black Metal als Kunstform des Lebens als Ganzes – und ein beeindruckendes Statement fürs Weitermachen.

Spielzeit: 43:07 Min.

Veröffentlichung am 15.3.2023 auf Vendetta Records

AFSKY – “Om hundrede år” – Tracklist

1. Stormfulde hav
2. Frosne vind
3. Tak for alt
4. Det der var
5. Tid
6. Fred være med støvet

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