Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, dass ANNA VON HAUSSWOLFF mit „Dead Magic“ ihr letztes reguläres Studioalbum veröffentlichte, lassen wir „All Thoughts Fly“ mal außen vor. Warum „Iconoclasts“ so lange auf sich warten ließ, wird nach dem ersten Hören sofort klar: Das 75-minütige Album ist so prallvoll mit Ideen, Facetten, großen Songs, dass es kaum gebändigt werden kann, geschweige denn kategorisiert. Und hier sind wir schon beim Titel, denn eine derartige Verweigerung in Schubladen gesteckt zu werden, ist nichts anderes als Ikonoklasmus. Traditionelles wird über den Haufen geworden, mal aus vollem Herzen, mal beinahe zärtlich. Dass diese Neuorientierung Zeit kostet, verwundert kaum.
Dabei hilft es ungemein, dass sich VON HAUSSWOLFF nicht als Einzelkämpferin, sondern viel mehr als Anführerin sieht. Zusammen mit einer Vielzahl an Musiker*innen liefert sie sich eine kreative Schlacht, wobei einige mehr am Songwriting beteiligt sind, als nur sie und Langzeit-Sidekick Filip Leyman. Das hätte selbstverständlich komplett schiefgehen können – tut es aber nicht. Stattdessen ist die überbordende Kreativität über weite Strecken punktgenau kanalisiert, der Fluss vom ungebremsten Progrock hin zu Ambient und Drone lebendig ausgestaltet und statt Verbissenheit ist da ein Statement zu lebender, atmender Kunst zu hören.
ANNA VON HAUSSWOLFF denkt groß: Mit einem gewaltigen Ensemble lässt sie sich auf „Iconoclasts“ von nichts und niemandem ausbremsen.
Dass „Iconoclasts“ ein wilder Ritt werden wird, macht schon das Intro „The Beast“ klar, auf dem sofort der heimliche Star des Albums parat steht: Über die Drones der VON HAUSSWOLFFschen Orgel spielt Saxophonist Otis Sandsjö eine wilde Harmonie, die hängen bleibt. Sandsjö prägt das Album durchgehend mit seinem Spiel und haucht Lebendigkeit und Leichtigkeit ein. Nach dem Intro sammelt sich das Album, fließt über in einen, nun ja, Stadionsong: „Facing Atlas“ hat etwas von einem großen Indiehit, mit leicht überbordendem Refrain, ist aber zweifellos brillant geschrieben und gespielt – und ins Herz gehend. Derlei Songs gibt es noch zweimal zu hören: „The Whole Woman“, bei dem sie ein herziges, minimal ironisches Duett mit Legende IGGY POP singt, dessen tiefe, von Leben und Alter gezeichnete Stimme den Raum für sich einnimmt, sowie „Aging Young Women“ als Duett mit ETHEL CAIN, das allerdings weit weniger charismatisch ist.
Das Album ist voluminös und dynamisch produziert, es will entfesselt und laut aufgedreht werden, komme was wolle. ANNA VON HAUSSWOLFF ist eine superbe Livemusikerin, und sie schafft es, diese Energie in das Album fließen zu lassen. Dabei profitiert sie natürlich davon, dass ihr sie und ihr Sparringspartner Filip Leyman sich ganz genau kennen und das Songwriting punktgenau einerseits, mit genügend Raum für Experiment andererseits ausstatten, und in ein wuchtiges, dynamisches, organisches Klangkonstrukt fließen zu lassen. ANNA VON HAUSWOLFFs Alben haben nie so gut und brachial geklungen. Dieses aufbäumende Momentum braucht natürlich einen Gegenpol. Der Titelsong macht das über elf Minuten völlig richtig, fährt sich nach einer gewaltigen Steigerung runter, wird leise und baut zugleich Spannung auf. VON HAUSSWOLFFs Stille ist hier auch entfesselt, sie dringt in Höhen vor, die ihr bisher nicht zugetraut wurde.
„Iconoclasts“ funktioniert vor allem in den wilden Momenten: ANNA VON HAUSSWOLFF lässt hier ihrer überbordenden Kreativität freien Lauf.
Das Halten von Spannung gelingt ANNA VON HAUSSWOLFF allerdings nicht immer. „The Mouth“ hat Längen, das Instrumental „Consensual Neglect“ ist verzichtbar, „An Ocean Of Time“ hätte locker um die Hälfte gekürzt werden können. Und doch sind es die Interludes, die leisen Kompositionen, die ruhigen Momente, die bewirken, dass beispielsweise „Stardust“ mit seinem pumpenden Bass und dem coolen Groove so richtig zur Geltung kommt. Auch in leisen Momenten verstecken sich Highlights: „Unconditional Love“ als Duett mit ihrer Schwester Maria, ist ein betörendes Post Rock-Stück, das die Schwelle zum Kitsch überspringt und durch diesen Mut erst so richtig zu Tränen rührt. Und doch ist es die wilde Seite, durch die bei den Rezipienten das Blut in Wallung gerät: „Struggle With The Beast“ nimmt das Thema des Intros auf und baut es zu einem Epos aus, das THE MARS VOLTA ebenbürtig wird.
„Iconoclasts“ bietet unglaublich viel zu entdecken und ist reich an so vielen Facetten. ANNA VON HAUSSWOLFF geht voll ins Risiko: Sie nimmt den nächsten Schritt in ihrer künstlerischen Entwicklung, lässt ihren Indie-Background bis zu einem gewissen Grad hinter sich, ohne in Pop zu tauchen, ohne zu einer verkopften Progrock-Musikerin zu werden. „Iconoclasts“ ist das Zeugnis einer Individuation, und dazu braucht es andere Mittel, als die Musikerin sie bisher hatte. Das fast 75-minütige Album ist eine bombastische Produktion, doch ANNA VON HAUSSWOLFF und Filip Leyman verlieren nicht die Bodenhaftung. Und wenn sie es tun, dann fast immer nur, weil es der Musik dient. Dass sie bei den oben genannten Songs das zupackende Momentum verlieren, ist dabei verschmerzbar. Im großen Kontext macht es diese Heldinnenreise sogar noch etwas nahbarer. „Iconoclasts“ eines der ganz spannenden, reichhaltigen Alben des Jahres 2025 und gehört in die Sammlung von abenteuerlustigen Hörer*innen, die keine Genregrenzen brauchen.
Wertung: 9 von 11 Exuvien
VÖ: 31. Oktober 2025
Spielzeit: 72:55
Line-Up:
ANNA VON HAUSSWOLFF – Songwriting, Vocals, Church Organ, Guitar, Woodwinds
Filip Leyman – Songwriting, Guitar, Drums, Percussion, Synthesizer
Otis Sandsjö – Songwrinting, Saxophone, Clarinet, Woodwinds
Joel Fabiansson – Guitar
Karl Vento – Acoustic Guitar
David Sabel – Songwriting, Bass
Love Meyerson – Drums
Samuel Runsteen – Strings
Jenny Jonsson – Violin
Alexander Chojecki – Violin
Annie Svedund – Violin
Charlotta Grahn-Wetter – Violin
Märta Eriksson – Viola
Lisa Reuter – Cello
Viktor Reuter – Double Bass
Martin Schaub – String Arrangements
Abul Mogard – Songwriting, Electronics
IGGY POP – Vocals
ETHEL CAIN – Vocals
Maria von Hausswolff – Vocals
Produced by ANNA VON HAUSSWOLFF & Filip Leyman
Label: Year 0001
ANNA VON HAUSSWOLFF „Iconoclasts“ Tracklist:
1. The Beast
2. Facing Atlas
3. The Iconoclast
4. The Whole Woman (ft. IGGY POP) (Official Video bei Youtube)
5. The Mouth
6. Stardust (Official Video bei Youtube)
7. Aging Young Women (ft. ETHEL CAIN)
8. Consensual Neglect
9. Struggle With The Beast
10. An Ocean Of Time (ft. ABUL MOGARD)
11. Unconditional Love (ft. MARIA VON HAUSSWOLFF)
12. Rising Legends
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