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SPIDERGAWD, HÅNDGEMENG – Konzertbericht – Im Wizemann, Stuttgart, 18. März 2026

SPIDERGAWD zelebrieren Classic Rock ohne Staubschicht, Progressive Rock mit Herz statt nur Hirn und große Gefühle ohne Kitsch bei ihrem Konzert in Stuttgart. Und über allem dröhnt ein Saxofon.

HÅNDGEMENG

Apocalyptic Rock und Doom ’n‘ Roll versprechen HÅNDGEMENG, die – wie sie selber sagen – aus den „dunklen Ecken von Oslo“ kommen. Musikalische Einordnung und Bandname führen allerdings in die Irre, statt endzeitlicher Randale bringt das Quintett soliden Heavyrock mit Stonerschlagseite auf die Bühne, ziemlich breitbeinig dargeboten versteht sich.

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Die wollen nur spielen: Handgemeng sehen viel wilder aus als ihre Songs klingen.

Mit dem aktuellen Album „Satanic Panic Attack“ schielen HÅNDGEMENG  auch in Richtung KVELERTAK, sind aber wesentlich zugänglicher im Songaufbau und lange nicht so durchgeknallt wie ihre Landsmänner. Dafür ist das Coverartwork mit viel nackter Haut ziemlich lustig. Auf der Bühne haben die Jungs auch vergleichsweise wenig an, eine speckige Lederweste reicht HÅNDGEMENG als Oberbekleidung. Sänger „Hellvis Presley“ entschied sich für die schlichte Variante in Schwarz, wahrscheinlich, um nicht unnötig von seinem volltätowierten Bauch abzulenken. Gitarrist Magnus Halvorsen setzt auf einen Seventies-Style mit bestickter Weste und Boots mit Spitze und Absatz.

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Handgemeng-Sänger Hellvis Presley weiß, wie man den Bauchnabel in Szene setzt.

Musikalisch mäanderte die Band hauptsächlich um Songs der aktuellen Platte, auf der Setlist standen unter anderem der Titelsong „Satanic Panic Attack“, „Medieval Knievel“ und „The Cauldron Born“.  Und dabei zeigten HÅNDGEMENG dermaßen viel Verve, dass auch das Publikum schnell kollektiv mitwogte und mitnickte. Wer die schwäbische Mentalität kennt, weiß, dass ein anerkennendes Nicken schon als ein richtig großes Kompliment gemeint ist. Wer so viel Vertrauen in seine Songs hat, dass er sie so schnörkellos und pur präsentiert wie HÅNDGEMENG an diesem Abend in Stuttgart, hat Anerkennung verdient.

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Beengte Verhältnisse auf der Bühne bei Handgemeng.

Trotz ausufernder Jams fanden HÅNDGEMENG immer wieder zusammen, da saß jeder Ton, jede Silbe. Nur Bassist Kim musste eingezwängt zwischen dem eigenen und dem Angeber-Schlagzeug von SPIDERGAWD stehen, was seine Bewegungsfreiheit ziemlich einschränkte. Seine Bandkollegen hingegen fanden genau das richtige Maß aus Pose und relaxtem Muckergehabe. Kleine Details wie das superaltmodische Spiralkabel an der Flying V von Gitarrist „Abuse Springsteen“ oder die vollgestopften Hosentaschen des Sängers passten da ganz wunderbar ins Bild: HÅNDGEMENG setzen nicht auf optische Effekte oder gar eine „Produktion“. Die fürchterlich abgegriffene Floskel der ehrlichen und handgemachten Rockmusik umschreibt die halbe Stunde Openeing-Programm am besten.

HANDGEMENG – Fotogalerie

SPIDERGAWD

Auf Substanz statt Show setzen auch SPIDERGAWD. Backdrop? War da, aber im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Hintergrundelement. Lightshow? Ein bisschen buntes Gefunzel reicht. Special Effects? Braucht man nicht, wenn man einen Saxofon-Spieler im Line-up hat. Es hat sich herumgesprochen, dass SPIDERGAWD eine herausragend gute Liveband sein sollen, die Qualitäten der Norweger waren auch im Publikum vor und nach der Show das wichtigste Thema. Geschätzt 300 Leute fanden an diesem Mittwochabend den Weg in den Stuttgart Club „Im Wizemann“, übrigens eine der gepflegtesten Stuttgart Konzertlocations mit fairen Preisen und wahnsinnig nettem Personal. Sie wurden belohnt mit etwas mehr als 90 Minuten Musik von einer Band, die vor Spielfreude und positiven Vibes förmlich sprühte.

SPIDERGAWD graben tief im Classic Rock, in der New Wave of British Heavy Metal, im Prog- wie im Standionrock  – alles nicht meine Baustellen. Überzeugt haben mich die Norweger trotzdem, weil sie so unfassbar sympathisch rüberkamen, weil sie ihre Gitarrensoli mit einer Hingabe zelebrieren, die man nicht mehr so oft findet. Weil sie ihrem Publikum in die Augen schauen, statt sich hinter einem Image oder einer Maske zu verstecken. SPIDERGAWD unterscheiden sich wegen Rolf Martin Snustad und seinem imposanten Bariton-Saxofon von anderen Bands: Wenn er in sein Instrument bläst, schwellen die Adern in seinem Gesicht, die Töne sind eher zu spüren als zu hören. Er gibt den SPIDERGAWD-Songs ein unvergleichliches Röhren, Dröhnen und Grummeln.

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Rolf Martin Snustad und sein Saxofon – das angeblich aus den 1930er Jahren stammt.

Als Blickfang positionierte Snustad sich oben auf dem Drumraiser, wo sich Schlagzeuger und Bandgründer Kenneth Kapstad (übrigens studierter Jazz-Drummer) hinter mindestens drölf Hängetoms versteckt. Der Rest der Band ist immer in Bewegung und man weiß nie so genau, wohin man blicken soll: Bassist (und Sänger) Hallvard Gaardløs erinnert mit High Top Sneakern, Stretchjeans und schwarzer Jeansjacke extrem an den jungen Lemmy. Die Cowboyboots hat sich Gitarrist (und Sänger) Per Borten angezogen, mit dick umrandeter Brille bedient er das Klischee vom Musik-Nerd. Und Gitarrist (und Sänger) Brynjar Takle Ohr gibt den ehrlichen, fleißigen Metal-Musiker, der zwar inzwischen keine Haare mehr auf dem Kopf, aber dafür umso mehr Gefühl in den Händen hat.

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SPIDEGAWD-Bassist Hallvard Gaardløs oder der junge Lemmy?

Zum Intro setzen SPIDERGAWD auf das Saxofon. Schon mit dem ersten Atemzug, den Snustad durch sein Instrument schickt, sägt und pumpt sich dieser tiefe Sound durch die Ohren und den gesamten Körper. Der Sound war über die ganzen 90 Minuten brillant, druckvoll, kräftig und trotzdem nicht sinnlos laut. Per Borten zauberte mit seinen Ansagen in gebrochenem Deutsch vielen ein Lächeln auf das Gesicht, denn er ließ es sich nicht nehmen, frei zu sprechen – da war nichts auswendig gelernt, nichts abgelesen.

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Das ist guter Stil: SPIDERGAWD-Gitarrist Per Borten trägt ein Shirt des Support-Acts Handgemeng

Improvisieren kann nur, wer sein Handwerk beherrscht – wenn man danach geht, haben SPIDERGAWD gleich mehrere Meistertitel. Vier von fünf Bandmitgliedern können singen. Die Band führt mit einer bewundernswerten Leichtigkeit durch ihr komplexes Songmaterial, statt verkopftem Proggie-Nerdtum gibt’s auf der Bühne ganz viel positive Energie (und auch mal ein Küsschen von Musiker zu Musiker). SPIDERGAWD vollführten ein Kunststückchen nach dem anderen und präsentierten Classic Rock ohne Staubschicht, Progressive Rock mit Herz statt nur Hirn, Gefühle ohne Kitsch. 14 Songs, ein Querschnitt durch die durchnummerierte Diskografie von Album I bis VIII und als Zugabe das von vielen offenbar sehnlichst erwartete „All And Everything“.  Ein Bombenabend mit einer Bombenband. Und das sage ich, die eigentlich weder Saxofone noch Classic Rock mag.

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Hallo, ich bin Kenneth Kapstad, Drummer und SPIDERGAWD-Gründer

SPIDERGAWD – Bildergallerie

Setlist SPIDERGAWD Stuttgart 17.3. 2026

The Grand Slam
Revolution
Is This Love..?
Narcissus‘ Eye
Afterburner
Heaven Comes Tomorrow
200 Miles High
The Hunter
Stranglhold
Ritual Supernatural
Yours Truly
Your heritage
All And Everything

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