Von der musikalischen Warte aus lässt sich The Lord of the Rings längst nicht mehr als Gebiet festmachen, welches nur von BLIND GUARDIAN bewohnt wird. Spätestens mit der Filmtrilogie von Peter Jackson rückte ein anderer Musiker in den Vordergrund der entsprechend mächtigen Sounduntermalung: HOWARD SHORE. Dieser hat nun die The Lord of the Rings Symphony komponiert, welche die neun Stunden grandiose Filmmusik auf zwei Stunden minimiert, komprimiert in sechs Sätzen, welche numerisch die sechs Bücher des J.R.R. Tolkien Meisterwerkes repräsentieren. Nun folgt also statt Abbey Road-Studio-Aufnahme die Live-Umsetzung des zweistündigen Extrakts, welche als Möglichkeit mit verschiedenen Musikern weltweit zusammenzuarbeiten, angepriesen wird. Diese globale Kreativisierung machte am 12. April auch in der Münchner Olympiahalle Halt.
Und genau die Wahl der Location stellte den geneigten Klassikfan vor ein Dilemma. Denn seien wir ehrlich: Klassische Musiker sind wohl die einzigen Musiker, die mit Fug und Recht in 90% der Fälle das Etikett Elite tragen dürfen – in den anderen 10% finden sich kommerzialisierte Schaumschläger wie ANDRE RIEU ein, nur damit diese Frage gleich geklärt ist. Nun verhält es sich mit klassischen Konzerten auch in anderen Belangen anders: Abgehalten werden sie meist in edlen Tonhallen (Zürich), kleinen Opernhaus-Sälen oder sonstigen Etablissements, in welche sich Mainstream-Anhänger nicht reintrauen. Und nun das erwähnte Dilemma: Der – vielleicht ganz ein kleines bisschen versnobte – Klassikanhänger will sich zwar dazu niederlassen, mal statt Beethoven ein bisschen modernere Filmmusik zu lauschen. Doch dazu muss er in die Olympiahalle, welche ja für die Masse gebaut wurde. Nach einigem Hin- und Her sind die Zweifel über Bord geworfen und der Weg nach München wird unter die Reifen genommen. Immerhin kann man dieses Mal die ganz teure Kleidung zuhause lassen.
Bereits vor Konzertbeginn tauchen die Zweifel jedoch wieder auf und stürzen sich über die Bordkante ins Gewissensschiff. Die esstechnische Situation beschränkt sich auf fettige Fleischkost, außer Pommes ist für Vegetarier nichts zu haben und man fragt sich, was denn die Sportler essen, die hier mal an der Olympiade teilgenommen hatten. Auch die Preise sind happig: 0,5 Liter Cola kosten 3 Euro 20, die Portion Pommes ist mit 3 Euro geradezu billig – vorausgesetzt, man zieht für letzteres die teurere Stadt Zürich zum Vergleich heran. Nun ja, gestärkt wagt man sich kurz nach 19 Uhr in die Halle, wo man ohne Taschenkontrolle den Platz im Parkett einnimmt. Der Stuhl ist halbwegs bequem und wohl etwas weicher fürs Gesäß als die Klappstühle auf der Tribüne. Schließlich sitzt man auch weicher, wenn die Geldbörse um 48 Euro Ticketpreis dünner geworden ist.
Offenbar haben sich einige Musikliebhaber ebenfalls Gedanken zum Ticketpreis gemacht, so ist die Halle nicht ausverkauft und primär Tribünensitze bleiben leer. Das Publikum entpuppt sich als anders als erwartet. So besteht es primär aus normalen Leuten. Die Metaller kann man an einer Hand abzählen und nicht nur der TROLLKOTZE-Fan wird angeschaut, als käme er von einem anderen Stern – einige haben im Film wohl versäumt, dass ein Cave Troll vorkommt, und dem wird ja wohl mal schlecht sein. Elfen und edel Gewandete gibt es praktisch nicht; wenn doch, werden sie vom geneigten cK-Träger mit der billigen Digitalkamera abgeblitzt, weil irgendwo hat man ja mal gelesen, dass das ganz merkwürdige Leutchen seien, die so als Elfen herumlaufen und sogar das Buch gelesen haben sollen…
Doch bereits ist es acht, die Gedanken zum Publikum werden erfolgreich durch die Vorfreude auf das folgende Konzert verdrängt. Angeführt von Dirigent Andrew Grams betritt die nordböhmische Philharmonie Teplice das Publikum und der Berliner Karl Foster Chor marschiert ebenfalls auf. Zur Linken findet sich der kleine Knabenchor Berlin ein, die Spannung auf das zu erwartende Bombastspektakel scheint berechtigt. Oder auch nicht. Denn mit spitzen Elfen… ähm, Musikerohren ist schnell auszumachen, was hier wohl zur wahren Prüfung wird: das Abmischen dieser Darbietung. Eigentlich ist man es von klassischen Konzerten gewohnt, dass nichts abgemischt wird. Keine PA, keine Mikrophone. Zu gut klingen die Stradivaris und anderen Instrumente für sich allein, zu akustisch angemessen sind die Räume, in denen klassische Orchester gemeinhin auftreten. Und bald nehmen die Zweifel an der Gleichung Olympiahalle + Sinfonie überhand. Denn trotz teurem Yamaha-Mischpult, für das so manche Metalband töten würde, wird schon im ersten Satz klar, dass hier wohl der Soundcheck nicht eingehend genug war. Klar ist es die höchste Prüfung für einen Tontechniker, ein klassisches Orchester inklusive Chor passend abzumischen und zu mikrophonieren – umso mehr sollten die akustischen Begebenheiten im Vorfeld genau ausgelotet werden. Leider schien dies an diesem Abend nicht der Fall zu sein. So befanden sich die Mikrophone zu nahe am Chor, was dazu führte, dass man das Seitenumblättern über die PA verstärkt zu hören bekam, nebst den anderen Geräuschen, welche Musiker halt so machen – ein knarrender Stuhl da, ein winziger Gesprächsfetzen dort. Doch damit nicht genug. Allgemein fehlte es dem Mix schlicht an Ausgewogenheit, selbst wenn sich das Soundgewand ab dem dritten Satz etwas besserte. Nichtsdestotrotz: Für ein derart professionell aufgezogenes Konzert eher ein peinlicher Makel.
Doch selbst wenn man die tontechnischen Schwächen zu ignorieren versuchte, schienen die Musiker ihrer Sache im ersten Teil dieses Abends nicht sicher zu sein. So fehlte es dem Orchester und dem Chor in den ersten zwei Sätzen schlicht an Dynamik, obschon diese bei diesem Genre einfach Pflicht ist. Natürlich ist Shores Musik kein Walkürenritt – aber derart zähflüssig sülzende Streicher braucht es nun wirklich nicht. Der Dirigent schien seine Mannschaft geradezu bremsen zu wollen, noch langsamer, noch einschmeichelnder und glatter sollte die Chose sein. Wer nun jedoch in Gedanken die Peitsche rausholte, um dem Geplätscher Herr zu werden, wurde hierfür vor allem im zweiten Satz musikalisch bestraft. Zum einen durch die Timing-Schwierigkeiten der Musiker, sobald Perkussionsinstrumente die Klangbühne betraten. Die eingesetzten Pauken und Becken schienen bisweilen derart weit weg vom richtigen Einsatz, dass man sich am Konzert einer rhythmusresistenten Schrummelband wähnte. Doch der wahre Paukenschlag – im übertragenen Sinne – waren die Knabenchoreinsätze im Rahmen von Gandalfs Fall bei Khazad-Dûm und The Breaking of the Fellowship. Jeder kennt die Melodien des Originals, glockenklar, hell, verzaubernd. Die Umsetzung dieser Parts an diesem Abend klangen sehr wohl hell. Aber leider auch höllisch neben den richtigen Tönen. Zu oft schienen die Jungs unsicher. Diese Unsicherheit entblößte sich beim jungen Solisten auf schlicht grauenhafte Art und Weise. So schien er zum einen des englischen Textes nicht wirklich mächtig: mit einem deutschen Akzent stolperte er von Linie zu Linie, haderte mit der Melodie, strauchelte neben die Töne und verlor dann noch den Faden beim Ablesen des Textes. Offensichtlich bemerkte er seinen Fehltritt, verstummte, fing wieder an – eine einzige Tortur. Sogleich war man hin- und hergerissen: Welche Emotion sollte man wählen? Schadenfreude? Mitleid für das eigene Gehör, das diese schiefen Töne ertragen musste? Mitleid für den jungen Sänger, der wohl den Albtraum eines jeden jungen Musikers vor der Vortragsübung am eigenen Leib und vor so vielen Leuten durchlebte? Oder schlicht und einfach Ärger über ein Musikerteam, das offensichtlich nicht genügend geübt hatte mit dem Solisten?
Die Pause darauf war eine Erlösung. Nachdem alle wieder ihre Plätze gefunden hatten, schien das Orchester endlich warm gespielt und erwacht. Die nächsten vier Sätze wurden zügig durchgespielt und wiesen endlich etwas mehr Pfeffer auf. Auffallend hier war insbesondere, dass HOWARD SHORE in seiner Sinfonieadaption die Passagen aus The Two Towers weniger berücksichtigt, zumal diese ja auf mehrere Erzählstränge verteilt sind und ohne filmische Ergänzung fast schon fragmentarisch wirken würden. Diesen Vorwurf kann man allerdings dem gesamten Machwerk machen, zumal es Shore nie schafft, eine atmosphärische Dichte à la Beethoven oder vergleichbaren Sinfonie-Göttern zu kreieren – denn SHOREs Werk bleibt eben Filmmusik, die ohne Film nicht so standhaft ist wie eine Sinfonie, deren einziger Sinn es war, allein zu stehen. Mehr Raum als den düsteren Two Tower-Parts wurde den verträumten Parts gegen Ende gewährt, und auch der Sopranistin Ann de Renais, welche in silbernem Kleid dem Titel Solistin einen glamuröseren Anstrich verlieh, als dies der erste Teil dieses Abends getan hatte. Zwar interpretierte de Renais die Lieder manchmal mit einem etwas gar Musical-haften Touch, doch zur Rettung der Musikerehre in den letzten vier Sätzen trug sie wesentlich bei. Wie im ersten Teil wurde das Musikalische mit Projektionen auf einer Leinwand hinter dem Orchester ergänzt, wobei leider zu bemängeln war, dass diese teilweise nicht richtig fokussiert waren. Nichtsdestotrotz verfehlten die stilvollen Bildern von Alan Lee und John Howe ihre Wirkung nicht und die schlichte Lichtshow hüllte das Orchester bisweilen in infernalisch anmutende rot-orange Töne. Dies ergab einen interessanten Kontrast zur Solistin, da sie sich in ihrem hell schimmernden Kleid davon abhob.
Leider blieben dieser Kontrast und die Stimmigkeit nicht unerkannt. Doch anstelle sie still zu genießen und sich in diesen Klangteppich fallen zu lassen, gebärdete sich ein Teil des Publikums wie primitives Bierzelt-Popkonzert-Klientel. Durch das ganze Konzert hindurch, in jedem Satz, hörte man Gepiepse von Handies und Aufzeichnungsgeräten. Was bei einem richtigen klassischen Konzert zur verbalen und gestikulären Steinigung führt, blieb hier ungeahndet und wurde noch mit Geplapper, Geschnatter und Geraschel– schließlich wollen Otto und Ottilie Taubenichts ja was essen, das Konzert dauerte ganze zwei Stunden – noch ergänzt. Dazu gesellten sich unzählige Nimmermüde, die mit ebenfalls piependen Digitalkameras und reichlich Blitz schlechte Fotos machten. Im Ernst: Eine billige Kamera plus Blitz aus der 31. Sitzreihe liefert kein gutes Foto. Und ja, diese Weisheit gilt ebenfalls für Mobiltelefone mit integrierter Zeusschleuder. Egal, ob man das jetzt fünf oder fünfzig Mal versucht während dem gesamten Konzert. Faszinierend auch, dass sich dieser Lerneffekt selbst beim sogleich darauf erfolgenden Bilderanschauen bei vielen Leuten nicht einstellte. Aber alles kann das digitale Zeitalter eben nicht richten.
Fazit: (Neo)klassisches Konzert in der Münchner Olympiahalle – nie wieder, schon alleine wegen dem Publikum. Die Lord of the Rings-Sinfonie dürfte bei der Aufführung im Luzerner KKL Anfang Mai wesentlich besser zur Geltung kommen. Vorausgesetzt, die Musiker beheben die Schwächen in den ersten zwei Sätzen und verzichten auf die PA. Dies dürfte im KKL als elitärem Klassiktempel mit exzellenter Akustik durchaus möglich sein. Die saftigen Ticketpreise – von 40 bis 120 Euro ist alles dabei – und die dort beherzigten Klassik-Gepflogenheiten dürften das Übrige dazu beitragen, dass der Genuss dieser wunderbaren Musik nicht mehr durch lustfeindliche Störfaktoren beeinträchtigt wird. Und da ist sie wieder – diese Spannung, gepaart mit Vorfreude.