„DON’T PANIC! SIXTY SECONDS FOR PIANO”
Guy Livingston im Neuen Museum Nürnberg,
15. Dezember 2002
Alles ist erlaubt, es gibt nur eine einzige Voraussetzung: Nach 60 Sekunden muss der Spuk vorüber sein. Die Zeit läuft, wenn Guy Livingston in die Tasten greift. Seit 1996 macht der US-Pianist mit Wahlheimat Paris kurzen Prozess. Mit einer gepflegten Sonntagsmatinee im „Neuen Museum“ gab es sein ungewöhnliches Projekt nun auch in Nürnberg zu erleben: 60 Klavierstücke, von denen keines länger als eine Minute dauert. Von verspielt-scherzhaften Läufen über atonale Experimente, bei denen die Saiten im geöffneten Steinway bearbeitet werden, hin zu entspannt-jazzigen Barnummern reicht der kurzweilige Reigen. „Piece For Paw“ ist der mitprotokollierte Weg einer New Yorker Katze über die Tasten, „Nakano-ku“ eine schnelle Nummer in einem japanischen Rotlichtviertel, für „Theft“ existiert sogar ein Text, der in Windeseile heruntergelesen werden muss. „DD (Double D)“ steht in den USA für die größtmögliche Körbchengröße und kann von einer Frau, die mit einer derartigen Oberweite gesegnet ist, gar nicht gespielt werden, wie Moderator Moritz Eggert dem schwer amüsierten Publikum lächelnd verrät. Ein Spaß!
60 Stücke aus 18 Ländern spielt Guy Livingston an diesem Vormittag im gutbesuchten Auditorium des „NMN“, darunter zwei Uraufführungen der Nürnberger Komponisten Stefan Poetzsch und Stefan Hippe. Die Idee stammt von einem Kumpel, der eine komplette Oper geschrieben hatte, die eine halbe Minute dauert. Über das Internet fand Livingston daraufhin Komponisten, die bereit waren, ihm ein Klavier-Solo für seine schräge Projektreihe zu schreiben. Inzwischen hat der hagere Pianist weit über hundert Quickies aus aller Herren Länder zusammengetragen – genug Stoff also für eine Fortsetzung. In diesem Sinne: Spiel’s nochmal, Guy – aber fass’ dich kurz!