FJØRT, CITY LIGHT THIEF: Konzertbericht – Kesselhaus im Schlachthof, Wiesbaden – 24.09.2026

Bevor sie ihre Reise nach Kanada antraten, luden FJØRT am 24. September 2026 nochmal zur Eskalation in kleiner Runde in das Kesselhaus des Schlachthofs in Wiesbaden ein.

Bereits im Frühjahr 2026 hatten FJØRT ihr Album „belle époque“ kurz nach dessen Veröffentlichung im Rahmen einer gleichnamigen Deutschland-Tour zum Besten gegeben. Aufgrund hoher Nachfrage tauchten die drei Aachener das Kesselhaus des Schlachthofs in Wiesbaden im September erneut in dichten Nebel, um gemeinsam mit ihren Fans „auf Augenhöhe durch den Tisch zu treten.“

CITY LIGHT THIEF

Für den Support sorgten an diesem Abend CITY LIGHT THIEF aus Köln.

Obwohl es mit fünf Mann auf der kleinen Bühne des Kesselhauses schon etwas enger wurde, heizten die Kölner dem noch enger aneinander stehendem Publikum ordentlich ein.

Unterstützung durch langjährige Freunde

Zwischen den Songs nahm sich Sänger Benni Mirtschin immer wieder Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen und erzählte so unter anderem von einem Gespräch mit David Frings von FJØRT. Vor 16 Jahren habe dieser ihm bereits davon erzählt, dass er plane, gemeinsam mit ein paar Freunden Musik zu machen.

Ein Plan, der eindeutig gelungen ist und zu ebendiesem Abend im Kesselhaus in Wiesbaden führte. Nach der Dankesrede ging es weiter mit dem Song „Every Last One Of My Many Tricks Has Been Played To Death“, den er FJØRT widmete.

Vor dem letzten Song „Punkt.Aus?Ende!“ bat Benni Mirtschin das Publikum darum, die letzte Zeile des Songs gemeinsam mit ihm zu singen. Und so kam es bereits bei der Opening Band zum ersten emotionalen Moment des Abends und einem gelungenen Abschluss für das Set, als der komplette Raum im Einklang die Lyrics „Alles schon erlebt“ mitsang.

CITY LIGHT THIEF, Setlist

  1. Panica
  2. Infinite Original Content
  3. Every Last One Of My Many Tricks Has Been Played To Death
  4. Bones
  5. Scared Of All My Friends
  6. Death Trip
  7. Fevers Key
  8. Somersault
  9. Punkt.Aus?Ende!

Fotogalerie: CITY LIGHT THIEF

FJØRT

Eine gelungene Mischung aus Tiefgründigkeit, Achtsamkeit und ungebündelter Energie

Nachdem die Bühne während des Umbaus bereits in einen dichten Nebel gehüllt worden war, war es dann Zeit für den Haupt-Act des Abends. Doch bevor es mit dem ersten Song losging, folgte zunächst eine von Sänger und Gitarrist Chris Hell aufgezeichnete Ansprache. Da diese mich als queeren Menschen auch bei meinem dritten FJØRT-Konzert nicht weniger berührte als beim ersten Mal, möchte ich sie in voller Länge teilen, da sie einen guten Vorgeschmack auf das gibt, wofür die Band steht:

„Hallo, Wiesbaden. Vor dem kommenden Licht-Lärm möchten wir Danke sagen. Danke für das Unterstützen unserer Musik seit wann auch immer. Es ist uns wichtig zu sagen, dass in diesem Raum hier jede tolerante Person willkommen ist, unabhängig etwa von der Herkunft, dem Aussehen, sexueller Orientierung oder Selbstidentifikation. Alle von euch sollen sich hier gleichermaßen wohlfühlen und eine gute Zeit haben. Wer Menschen also nicht als gleich ansieht, übergriffig handelt oder diesen Raum nutzen möchte, um andere auf irgendeine Art und Weise zu bedrängen, ist hier nicht willkommen, sowie auch sonst an keinem Ort dieser Welt. Denn alle hier Anwesenden sollen achtsam miteinander eskalieren und auf Augenhöhe durch den Tisch treten können. Danke.“

Dann betrat die Band unter Applaus die Bühne und laute Gitarrenklänge läuteten den ersten Song „ær“ ein. Die Fans waren direkt mit vollem Einsatz dabei: Die tiefgründigen deutschen Texte wurden Wort für Wort mitgegröhlt und auch das Headbangen im Takt der flackernden Lichter erforderte keiner weiteren Einladung.

Nach „Südwärts“ meldete sich Bassist David Frings zu Wort, um sich bei den zahlreich erschienenen Fans und dem Schlachthof in Wiesbaden zu bedanken. Seiner Meinung nach „einer der schönsten Orte, die die Musiklandschaft hervorbringen kann.“

Diese Ansprache sollte bei weitem nicht die letzte des Abends bleiben. Immer wieder wandten sich Chris Hell und David Frings an das Publikum, um sich bei den Fans zu bedanken, von der Entstehungsgeschichte der Band zu erzählen und um die Themen, die in ihren Songtexten behandelt werden, aufzugreifen.

„Miteinander und nicht gegeneinander“

Die direkte Interaktion mit den Zuschauer:innen sorgte auch für einen der intensivsten Momente des Abends: Während eines ruhigerem Parts im Song „’43“ bahnte sich David Frings samt Mikrofon seinen Weg durch das Publikum, um sich auf die Theke im hinteren Bereich des Raums zu stellen. Bezugnehmend auf den Text des Lieds, wandte er seinen Blick auf die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt und machte deutlich, dass es für ihn kein „Lass uns mal ausprobieren“ gebe, wenn es um Faschismus geht.

Er rief dazu auf, menschliche Werte zu leben, Liebe und Gleichheit zu unterstützen, füreinander da zu sein, schutzlosen Menschen Zuflucht zu bieten und „verdammt nochmal sein zu können, wie Menschen eigentlich sein sollten: miteinander und nicht gegeneinander.“

Das Publikum bejubelte ihn daraufhin mit gehobenen Fäusten und unterstützte ihn, als er sich wenige Augenblicke später crowdsurfend den Weg zurück zur Bühne bahnte.

Ehrlichkeit, die trifft und zum Nachdenken anregt

Doch in der Musik von FJØRT wird nicht nur strafend mit dem Finger auf andere gezeigt. In „kolt“ betitelt sich Sänger und Bassist David Frings selbst als „weißer Lappen, der viel Schwein hat“ und kritisiert mit scharfen Worten seine eigene Untätigkeit und seinen fehlenden Mut, sich für Schwächere einzusetzen. Die Texte stießen mit ihrer brutalen Ehrlichkeit beim Publikum in Wiesbaden auf eine hohe Resonanz. Es gab keinen Song, bei dem nicht lautstark mitgesungen wurde.

So auch bei der einschlägigen Textzeile „Du bist mehr als die Summe deiner Teile“ aus dem Song „Fernost“, bei der wirklich keine Stimme im Raum sich zurückhielt.

Hoffnungsvolles Miteinander in der „Pechschwarz-Ära“

Eine düstere Grundstimmung und die kritische Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Texte von FJØRT. Und doch wirkte die Stimmung bei diesem Konzert nicht annähernd so bedrückend, wie man es vermuten könnte.

Denn die Band versteht nicht nur, wie man ernste Themen und schwere Gefühle in brachiale Musik verpackt, die gleichzeitig zum Nachdenken anregt und ermutigt. Chris Hell und David Frings beugten sich immer wieder zum Publikum herunter, um bekannte Gesichter zu begrüßen und mit ihnen gemeinsam zu eskalieren. Hier und da wurde eine humorvolle Anekdote aus der Entstehungsgeschichte der Band erzählt, die die Band sympathisch und nahbar wirken ließ.

Ein Konzert wie ein Abend unter Freunden

Und so fühlte man sich fast wie ein Teil der Freundesgruppe, die sich eines Abends in einer Aachener Kneipe dazu entschloss, die gemeinsamen Diskussionen über Themen, die ihnen am Herzen lagen, auf die Bühne zu bringen.

Wer diese Atmosphäre selbst erleben möchte, bekommt übrigens im kommenden Jahr gleich doppelt die Chance dazu. Im Januar und Februar 2027 gehen FJØRT nämlich erneut auf Tour und spielen pro Abend gleich zwei Konzerte: Eine reguläre Show unter dem Banner „Belle Époque“ und eine weitere Show in einem kleineren, jeweils benachbarten Club zur Feier des 15-jährigen Bestehens ihres ersten Werks „Demontage“.

FJØRT, Setlist

  1. ær
  2. Südwärts
  3. Paroli
  4. kolt
  5. mir
  6. lod
  7. bonheur
  8. fernost
  9. messer
  10. ’43
  11. Couleur
  12. Valhalla
  13. yin
  14. feivel

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