DENOVALI SWINGFEST 2010 am 9. und 10. Oktober im JZE, Essen

Die DENOVALI-Gründer Timo und Thomas laden zum Labelfest nach Essen. Vampster präsentiert und ist natürlich vor Ort.

Herzlich willkommen in Essen nach einer knapp neunstündigen Autofahrt. Wie, die Ferien beginnen in zehn Bundesländern und keiner sagt mir was davon? Klar, dass wir nach dieser Fahrt fix und fertig sind, von einem Vorglühen vor dem SWINGFEST ist am Freitag Abend nicht die Rede. Trotzdem ist mir speiübel und ich muss mich in der Nacht sechsmal erbrechen. Was da wohl im Essen war? Dank ein paar Stunden zusätzlichem Schlaf am Vormittag sind wir alle vier topfit und begeben uns ins JZE, wo die DENOVALI-Gründer Timo und Thomas sechzehn ihrer Bands eingeladen haben.

Samstag, 9. Oktober 2010

Die Erwartungen sind,gelinde gesagt, enorm. Keine Angst vor Bands, die meinen Geschmack nicht treffen, auf Timo, Thomas und deren Auswahl ist in der Regel Verlass. Als wir eine halbe Stunde vor Beginn eintreffen, sind die Schotten noch dicht, aber bald können wir das Gelände genau betrachten. Eine große Merchandise-Meile im Keller, ein kleiner Essensstand mit günstigen, sehr schmackhaften veganen Wraps, die Theke, alles kompakt beisammen und mit nettem Personal ausgestattet. Der Konzertraum ist noch verschlossen, daher entdecken wir das Ambient Music Cinema – eine grandiose Idee, vor allem für die späteren Stunden des Abends. Ein kleines Kino in diesem Jugendzentrum, das zum Verweilen und entspannen einlädt, in dem diverse Filme ohne Ton gezeigt, aber mit Ambient-Musik unterlegt werden. Dass hier, gerade zu später Stunde, auch ein bisschen Geschnarche zu hören ist, verwundert kaum. Aber endlich öffnen sich, eine gute halbe Stunde nachdem THE SAMUEL JACKSON FIVE hätten anfangen sollen, die Türen zum großen Konzertsaal, in dem die nächsten zwei Tage alles das stattfindet, was wichtig ist. Eine große, aber nicht protzige Bühne und ein paar Stühle außen an den Wänden, dazwischen viel Platz für die gut 450 bis 500 Angereisten, lassen darauf tippen, dass es kein Gedränge geben wird und alle sich ordentlich entfalten können.

THE SAMUEL JACKSON FIVE 

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Locker-leichter, angejazzer Einstieg ins Wochenende: THE SAMUEL JACKSON FIVE aus Oslo.

Mittlerweile sind wir eine Stunde verspätet, ein Pech, dass die Norweger THE SAMUEL JACKSON FIVE im Stau standen und sich daher alles nach hinten verschiebt. Böse ist man den vier Instrumetal Rockern aus Oslo allerdings nicht, denn die in schicke rote T-Shirts gekleideten Musiker, mit den Aufschriften Mute, Still, Calm und Silent verteilen mit ihren rockenden Songs gleich ordentliche Grooves, vertrackte Rhythmen, dezent schräge Gitarrenläufe und schöne Retro-Synthesizer. Daraus bauen sie einen Schwung locker-leichter, angejazzter Songs wie Face The Fax, Charlie Foxtrot Queen, Michael Collins Autograph und Skinflick Dress Rehearsal, also Material aus allen Schaffensperioden der Band. So entspannt und unverkrampft wie THE SAMUEL JACKSON FIVE live auftreten, so wundert es nicht, dass hier kein großes Posen, aber dafür ehrliche Performance mit Augenzwinkern geboten wird. Ein paar kleine, leicht schiefe Gesangseinlagen unterstreichen ein paar Songs, zerstören den Gesamteindruck aber keineswegs. Der Sound ist richtig gut, druckvoll und transparent, wir dürfen uns also auf ein Wochenende mit gutem Klang freuen. Nein, an dieser Festivaleröffnung, die gleich gute Laune schafft und die positive Atmosphäre des Wochenendes gut einfängt, gibt es gar nichts auszusetzen.

THE EYE OF TIME

 THE
Funktionieren im heimischen Wohnzimmer besser, als auf der Bühne: THE EYE OF TIME

Klar, dass man eine Band wie THE EYE OF TIME nicht als erstes auf die Leute loslassen kann. Überhaupt erstaunlich, dass THE EYE OF TIME sich trauen, live aufzutreten. Marc Euvrie nutzt die unglaublich finstere Musik als Vehikel abseits seiner Hardcore-Wurzeln und verbindet Ambient, Drum ´n´ Bass, Breakcore und Trip Hop miteinander. Was auf der heimischen Anlage wie eine Wand aus purer Negativität klingt, ist live schwierig zu konsumieren. Zum Duo avanciert, mit seinem Freund Steve an den elektronischen Gerätschaften, wird der Weltuntergang herauf beschworen, zu dem Marc Euvrie anfangs erst Cello spielt, später zur Gitarre greift und schließlich sogar ein paar Hardcore-Vocals von sich gibt. Klar, live gibt es eher die Ambient-Stücke zu hören, das passt einfach besser. Dass das Set von THE EYE OF TIME auf der Bühne nicht hundertprozentig funktioniert, liegt vielleicht auch daran, dass trotz der Verdunkelung im Konzertsaal noch ein paar Sonnenstrahlen ihren Weg nach drinnen finden und sich so die Atmosphäre nicht richtig entfalten kann. Auch schade ist es, dass die Klaviermelodien allesamt vom Band kommen. Dennoch, die Songs an sich sind und bleiben gut. What Am I Less, What Took The Road ist bitter und unverzeihlich, Time Has Come ist das jüngste Gericht, I Hate Your Fucking Eyes erhebt sich wie ein Tyrann vor dem Hörer. Es ist zwar keine Klangwand, die uns in dreidimensionaler Wucht alle in die Hölle befördert, aber immerhin. Vielleicht hätte es nachts besser gewirkt, vielleicht hätten auf einer großen Leinwand, verstörende, triste Visuals das alles noch intensiviert, vielleicht wirken THE EYE OF TIME aber zu Hause, an einem Regentag, mit tristem Blick aus dem Fenster doch am besten. Auf die hoffentlich bald erscheinende Diskografie von THE EYE OF TIME freue mich also umso mehr.

SWITCHBLADE

 SWITCHBLADE
Auch als Duo ultraheavy: SWITCHBLADE

Auch obwohl SWITCHBLADE nur noch zu zweit unterwegs sind, kann die Umbaupause nicht verkürzt werden und die Verspätung geht munter weiter. Aber noch ist es früher Abend, also alles nicht so wild. Vor allem, weil jetzt etwas auf uns zukommt, das Zeitprobleme wie Nichtigkeiten erscheinen lässt. Im Ernst, brutaler und heavier habe ich SWITCHBLADE live noch nie erlebt. Als würde ein riesiges Monstrum einen Schritt langsam auf den anderen folgen lassen und mit jedem Stampfen einen Stadtteil mit der Größe der Bronx dem Erboden gleich machen. Andere Bands haben mehr Gitarren, stimmen tiefer, brüllen noch saftig dazu, aber keine richtet eine Zerstörung an, die noch dazu so tief spirituell ist, wie das, was SWITCHBLADE erschaffen, beziehungsweise verenden lassen. Die tonnenschweren Riffs, die Gitarrist Johan Folkesson aus seinen beiden Amps zaubert, ergießen sich wie Blei über das Publikum und die akzentuierten, kräftigen Schläge von Tim Bertilsson lassen Berge erzittern. Das, was schon Switchblade 2009 auszeichnet, wird fortgeführt – sehr kompakt, da die Gesangspassagen gekürzt werden, aber genauso effektiv. Die Heaviness ist immer noch da, vielleicht sogar stärker als früher, dank der Naturgewalten, der Vernichtung und den Unheil bringenden Volgelschwärmen auf der Leinwand braucht es auch keine geschriene Message mehr. Als Zuckerl obendrauf präsentieren SWITCHBLADE zu massivstem Livesound außerdem ein neues Stück, mit richtigem Groove, treibend, zermalmend. Mit Ausnahme von MONARCH auf dem ROADBURN FESTIVAL die heavieste Show des Jahres.

CONTEMPORARY NOISE SEXTET

 CONTEMPORARY
Reduzierte Improvisation und begeisterndes Songwriting: CONTEMPORARY NOISE SEXTET sind eine der Überraschungen des Festivals.

Nein, die Umbaupausen werden nicht kürzer, schon gar nicht da sich CONTEMPORARY NOISE SEXTET etwas bitten lassen müssen, um ihren Auftritt schließlich zu beginnen. Die Uhr rast, keine Musik spielt. Ernüchternd. Schließlich bequemen sich die sechs Musiker aus Polen doch noch an ihre Instrumente und entschuldigen sich, dass sie keinen Doom spielen, bevor diese geballte Kreativität des Sextets wie eine Bombe explodiert und uns versöhnt. Zwischen den Soundtracks von Angelo Badalamenti einerseits und Peter Thomas – also den guten, alten Edgar Wallace-Filmen der 1960er Jahre – andererseits, gewürzt mit ein wenig Improvisation, fieseln sich die Jazzer locker-leicht und mit einem gewissen Film-Noir-Charakter durch ihren einstündigen Auftritt. Die Stücke ihrer drei Alben klingen wie aus einem Guss, die Improvisationen und Soli, vor allem an Saxophon und Trompete, aber auch am Schlagzeug bringen das Publikum zum Johlen und Mitfeiern. Der Sound ist fast glasklar, nur von der Gitarre ist abseits der Soli wenig zu hören. Aber ehrlich gesagt, Gitarren braucht es doch bei solcher Musik eigentlich gar nicht, oder? Das haben CONTEMPORARY NOISE SEXTET auch erkannt und swingen daher locker, aber mit genügend Köpfchen und viel Groove dahin, lassen den Blasinstrumenten, dem Piano und dem Kontrabass den Vortritt und stellen die Gitarren in den Hintergrund. Die Stücke wirken auch trotz der Soli und der Improvisationsparts nicht überlang, CONTEMPORARY NOISE SEXTET haben ihre Kompositionen hervorragend im Griff. Verdammt guter Auftritt, dessen Freude ungefiltert auf das Publikum übertragen wird.

YNDI HALDA

 YNDI
YNDI HALDA beim Träumen – dennoch eher Post Rock-Standard.

Bei YNDI HALDA erlebe ich etwas, das ich noch niemals, wirklich noch niemals, erlebt habe. Das Publikum ist still. Mucksmäuschenstill. Wenn die vier blutjungen Engländer nach ihren aufbrausenden, lauten Post Rock-Gipfeln wieder in die leisen Gefilde wechseln, die eigentlich schon eher Stille als Musik sind, dann hält wirklich jeder im Publikum die Klappe. Unglaublich. So etwas kann es nur auch einem Festival wie hier geben, wo sich die meisten Besucher mental ähnlich sind. YNDI HALDA verzaubern mit ihrem Auftritt aber nicht alle Anwesenden. Die meisten sind von der Musik der fünf Briten allerdings sehr begeistert. Instrumental war früher, jetzt traut sich Gitarrist James öfter ans Mikrofon, die Songs sind weich, lang, ausufernd und melancholisch, aber gleichzeitig von Spielfreunde und Glück durchzogen. Seit Enjoy Eternal Bliss sind schon einige Jahre ins Land gezogen, darum spielen YNDI HALDA heute nur neue Stücke. Nach einer guten Dreiviertelstunde sind zwar Mädchenherzen geschmolzen und Männerherzen weichgekocht, aber andere Bands haben dennoch spannendere und tiefere Musik geboten. Und wie diese Musik gespielt wird, dass der Körper aus allen Poren vor Sehnsucht klagt, wird die Band zeigen, die im Anschluss spielt. YNDI HALDA sind qausi nur ein Trailer, auch wenn manche Mädchen im Saal das anders sehen.

HER NAME IS CALLA

 HER
So tief und schön, dass die Luft wegbleibt: HER NAME IS CALLA

Die ebenfalls mit jungen britischen Musikern besetzte Band HER NAME IS CALLA hat mit ihrem brandneuen Debütalbum The Quiet Lamb ein sagenhaftes Werk parat, das ganz tief unter die Haut geht. Die fünf sympathischen Musiker machen sich nun daran, das auch live unter Beweis zu stellen. Beginnend mit Material von The Heritage, bin ich noch nicht ganz da, da ein halber Wrap samt Malzbier in meiner Kehle stecken und ich mich abhetze, nicht zu viel zu verpassen. Es dauert ein wenig, bis sich alles setzt, Musik ebenso wie das Essen, aber schließlich ertönt das Lied, das zu jeder großen emotionalen Lage des Lebens den Soundtrack bieten kann. Pour More Oil erreicht seinen Höhepunkt, und ich glaube zu fallen. In eine wundervolle, unendliche Leere. So leidenschaftlich, wie HER NAME IS CALLA ihre Songs präsentieren, so glücklich werde ich, auch wenn das Gebot leise zu sein und zuzuhören hier nicht so gut funktioniert, wie bei YNDI HALDA, ein paar betrunkenen Festivalbesuchern sei dank. Aber das alles zählt nicht, die fantastische Stimme von Tom Morris hat uns unter Kontrolle, Keyboarder und Posaunist Thom Corath begeistert mit seinem Spiel und Bassist Michael, sowie Violinistin Sarah Green singen voller Herzblut ihren Hintergrundgesang, und sogar Schlagzeuger Adam schreit voller Herzblut mit – auch wenn wir ihn nicht hören, wir sehen ihn. Die Performance von HER NAME IS CALLA, die sich sehr locker und bodenständig präsentieren, wird noch intensiver, als sie das siebzehnminütige Condor And River anstimmen, vor allem dann, wenn Tom Morris hinter dem Stagepiano Platz nimmt. Hier bleibt uns fast die Luft weg. Mit dem in der Liveversion ebenfalls gewaltigen New England von The Heritage endet der beste Auftritt des Tages. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Briten das Festland bald für eine ausgedehnte Tour beehren.

OMEGA MASSIF

OMEGA
OMEGA MASSIF zermalmen ihr Publikum zur Geisterstunde – auch trotz störender, liebloser Visuals.

Es soll ja immer noch Leute geben, die OMEGA MASSIF noch nie live gesehen, oder gar nie etwas von ihnen gehört haben. Wenn sie heute bei dieser Band einsteigen, erleben sie diese gleich von ihrer Schokoladenseite. Um Punkt 12 Uhr, also mit zwei Stunden Verspätung, bringen die Würzburger Instrumental Doomer gespenstisches Leben in die leeren Hütten ihrer Geisterstadt. Ähnlich intensiv wie SWITCHBLADE zerlegen OMEGA MASSIF, mit zähen Riffs und Grooves das JZE. Songorientierter als ihre schwedischen Kollegen sind OMEGA MASSIF aber allemal und somit schaffen es ihre unheimlichen, und sehr atmosphärischen Songs sofort ins Ohr und wollen dieses auch nicht mehr verlassen. Zwar warten wir immer noch auf das zweite Album der Band, aber Geisterstadt ist auch nach einigen Jahre immer noch ein derart massives, starkes Debüt, dass diese Songs live verdammt gut und frisch rüber kommen. Wie üblich getaucht in kaltes, blaues Licht, aber auch mit leider eher störenden, kleinformatigen Random-Visuals, die den Gesamteindruck ein bisschen schmälern. Musikalisch ist bei den vier Musikern alles klar, egal ob das brachiale Unter Null, die geheimnisvollen Stücke Arcanum und In der Mine, oder die Uraufführung des Songs Geisterstadt, bei der sich die Band von einem Akkordeon begleiten lässt – hier passt alles zusammen. Dazu hören wir auch neues Material, teilweise auch Musik von der Split mit MOUNT LOGAN. All das ergibt eine Stunde Gänsehaut plus mächtiger Heaviness. Zweifellos, die Burschen können es einfach.

THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE / THE MOUNT FUJI DOOMJAZZ CORPORATION

 THE
Sexy Bessessenheit: Charlotte von THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE / THE MOUNT FUJI DOOMJAZZ CORPORATION.

Willkommen in der schwarzen Hütte. Bob und Mike sind auch schon da. Und THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE aka THE MOUNT FUJI DOOMJAZZ CORPORATION sowieso. Weit nach Mitternacht, zweieinhalb Stunden später als ursprünglich geplant, fehlen zwar immer noch die Visuals, aber die Band beginnt trotzdem. Bewaffnet mit fünf MacBooks, einem großen DJ-Pult für zwei Musiker, Gitarre, Kontrabass, Posaune und samt einer Armada an Effektgeräten beginnen die Holländer die Grenze zwischen Realität und Traum aufzulösen, die Müdigkeit mancher Zuschauer kommt dabei ganz gelegen. Wenn Sängerin Charlotte hinter dem DJ-Pult ihren textlosen Gesang bearbeitet und dabei Grimassen zieht, so dass sie denselben Gesichtsausdruck drauf hat, wie Laura Palmer als Besessene, dann kann man sich nicht losreißen von diesem Szenario. Viel Improvisation von THE MOUNT FUJI DOOMJAZZ CORPORATION zieht sich dennoch ein wenig hin. Dass dabei der Sound etwas dumpf aus den Boxen dröhnt, vor allem wegen dem krassen Drumcomputer, wirkt nicht gerade förderlich für die klangliche Transparenz, schon gar nicht zu dieser Tageszeit, wo die Ohren schon müde sind. Wenn die andere Inkarnation der Band, THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE dann aber die Songs von Here Be Dragons und Mutations wie Embers, Mists Of Krakatoa und Seneca erklingen lässt, dann werden wir wieder mit der berührenden Eingängigkeit dieser Dunkelheit versöhnt. Bleiben wir bei Twin Peaks, Charlotte tanzt langsam und sinnlich wie Audrey Horne in Richtung Mikrofon, dabei noch mit diesen seltsamen Stiefeln, so dass ihre Füße wie Mutantenhufe aussehen, das schießt den Vogel ab. Sind wir doch bei Jacobs Ladder? Bin ich tot? Länger als anderthalb Stunden hätte diese Vorstellung nur gehen dürfen, wenn die Improvisation runter geschraubt worden wäre, aber Band wie Publikum kommen nun doch an ihre Grenzen. Dass THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE zu mehr taugen, als zu einem Betthupferl werden sie hoffentlich auf der kommenden Tour nochmals unter Beweis stellen.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Ausgeschlafen, gestärkt, pünktlich vor Ort, bei pünktlichem Beginn. Gute Laune.

THE NIGHT TERRORS

 THE
THE NIGHT TERRORS suhlen sich im Sci-Fi-Synth-Prog und bleiben dabei Punk. Geil!

Schade, dass KOM in letzter Minute absagen mussten, da ich mich auf die Livevertonung des sanften, weichen Hippiegedudels von Berry White sehr gefreut hatte, aber deren Ersatz hat es dennoch in sich. THE NIGHT TERRORS sind die Band von Miles Brown, derjenige, der auf Fowl von HEIRS am Theremin zu hören ist. Bei THE NIGHT TERRORS, die mit HEIRS die gesamte Tour bestreiten, gibt es also viel mehr Theremin zu hören, dazu gesellen sich eine ordentliche Menge an Synthesizer – drei Stück an der Zahl – und ein kerniges Schlagzeug. Fertig ist der Mix, der doch sehr in Richtung ZOMBI und GOBLIN schielt, aber kompakter, grooviger und dreckiger ist. Die Analog-Synthesizer und Moogs passen wirklich gut zu den dicken Grooves; der Bass, den Miles Brown neben dem Theremin bedient, rumort schön dreckig. Das Theremin sorgt für den größten Kontrast, seine zerbrechlichen Melodien werden meisterhaft von dem punkig aussehenden Miles gebändigt. Nach einer halben Stunde ist der Auftritt von THE NIGHT TERRORS schon vorbei, wirklich schade. Aber von den australischen Sci-Fi-Fans wird bestimmt noch mehr zu hören sein.

IROHA

 IROHA
Träumerisch, sentimental, vergleichsweise schwach: IROHA.

IROHA haben ihren ersten Auftritt in Deutschland und tun sich nach dem überraschenden Auftritt von THE NIGHT TERRORS recht schwer, mit ihnen mithalten zu können. Andy Swan, Gitarrist und Chef von IROHA hat hörbar schon einige Male mit Justin Broadrick zusammen gearbeitet und ist mit seinem neuen Projekt eben ziemlich nahe an JESU. Dank der recht eingängigen und nicht zu aufregenden Songstrukturen, verleihe ich das Prädikat: JESU for lovers. Dabei wirkt das knapp vierzigminütige Set nichtmal besonders polarisierend. Einige schlummern friedlich vor sich hin, andere verlieren sich in den sentimentalen Klangkaskaden der drei Musiker aus Birmingham, wieder andere langweilen sich. Ich gehöre eher zur Sorte der schläfrigen, war doch ganz schön spät gestern Nacht. Neben Bittersweet von der gleichnamigen Split-EP ergießen sich auch Songs wie Watercolours vom Debütalbum passend zu den bunten, spacigen Projektionen. Auch die Musiker wählen eher die Variante chillen – Andy Swan überlässt die Leadgitarren und die Keyboards, ebenso wie das Schlagzeug dem Computer und rifft gemütlich durch das Set, was ihm Bassist Diarmuid Dalton gleich tut. Sänger Dominic Crane macht es sich noch gemütlicher und steht mit den Händen in der Hosentasche hinter seinem Mikro und singt – immerhin sehr sicher – seine Texte locker aus der Hüfte heraus. Kein wirklich schlechter Auftritt, aber der am wenigsten Intensive des Festivals.

KODIAK + N

 KODIAK
Noch atmosphärischer als sonst: Deutschlands Doom-Hopefuls KODIAK zusammen mit dem Drone-Künstler N 

Eine einmalige Show versprechen uns die deutschen Drone-Doom Hoffnungsträger KODIAK, die zusammen mit dem Drone-Solisten N eine komplette Show konzipiert und ein episches Stück extra dafür geschrieben haben. Wie bei THE EYE OF TIME am Vortag nützt auch hier alles Türenschließen nichts, wirkliche Dunkelheit wird nicht erzeugt, auch nicht trotz Nebelmaschine und Sonstigem. Da muss die Musik doppelt herhalten, und die ist – dank der Gitarrenarbeit von N – noch eine Spur mitreißender, als wir es von KODIAK ohnehin schon gewöhnt sind. Langsame, tiefe Doom-Momente, getragen von massiven Riffs, zerteilt von peinigenden Drumbeats, teils hart an der Grenze zum Rhythmus, teils sogar im Groove-Bereich, zusammen gehalten von atmosphärischen Synthesizern. Dazu gesellen sich die flirrenden, psychotischen Leadgitarren von N, so dass hier eine nicht wirklich ungewöhnliche Mixtur, aber etwas sehr spontan und frei wirkendes, Authentisches entsteht. Die Dreiviertelstunde, die KODIAK, samt epischem Ambient-Interlude, ihre schauerliche, eigens für diesen Tag komponierte Doom-Perle zelebrieren und noch dazu das bekannte Town Of Machine mit einer zusätzlichen Facette zum Leben erwecken, ist deutlich mitreißender als das Set zuvor. Ich hätte nichts dagegen, wenn diese vier mal wieder zusammen auf die Bühne gehen, oder sogar etwas aufnehmen würden. Immerhin, vielleicht wird es von diesem surrealen, brachialen Auftritt einen Mitschnitt geben, ideal um sich das ganze zu Hause nochmals auf der Zunge zergehen zu lassen.

BLUENECK

 BLUENECK
So verdammt viel Gefühl: BLUENECK spielen in der Post Rock-Meisterklasse.

Wenn einen auf dem Parkplatz bei der Ankunft am Sonntag Mittag BLUENECK-Bassist Ben Paget schon voller Herzlichkeit anstrahlt, dann ist die Welt in Ordnung. Und wenn BLUENECK, wie jetzt, vier Stunden später, auf der Bühne im JZE stehen, dann kann nichts mehr an den Grundfesten dieser Welt rütteln. Wie schon auf ihrer Tour vor wenigen Wochen halten sich die Musiker angenehm zurück, lassen voll und ganz ihre sagenhafte Musik sprechen. Das Material ist eine Mischung aus Stücken vom Debütalbum Scars Of The Midwest und dem wunderbaren The Fallen Host, so dass hier durchgehend Gänsehaut geboten ist. Duncans Stimme ist an diesem Tag nicht ganz fit, er hat ein wenig Mühe beim Singen, aber dennoch trifft jeder Ton mitten ins Herz, die Klaviermelodien und die markerschütternden, sich langsam steigernden Riffs nehmen uns mit in den Himmel. Gerade Low, Lilitu, Oig, und das abschließende Revelations gehen so tief unter die Haut, dass man sterben möchte. Großes Posing gibt es nicht, nur Gitarrist Rich und Bandchef Duncan gehen etwas mehr aus sich heraus, Bassist Ben Paget hingegen ist völlig in der Musik versunken. Dank dem auch hier guten Livesound erschaffen BLUENECK eine knappen Stunde lang das bisher schönste Konzert des Tages. Dass die Briten unter Stress stehen und schon um 20:00 Uhr wieder in Richtung Heimat aufbrechen müssen, da am nächsten Morgen die Arbeit ruft, vermag die Band gekonnt zu umschiffen. Trotzdem, in einem kleinen, intimen Club muss man BLUENECK erleben, um einen mehrtägigen Rausch davon zu tragen – dann sind sie eine der besten Bands der Welt.

DATURAH

 DATURAH
Schöner Instrumental Rock mit klasse Visuals: DATURAH

Als DATURAH ihr Set beginnen, sind meine Beine noch schwer, ich sitze im Ambientkino und habe ein kleines Tief – kein Wunder, anderthalb Festivaltage schlauchen doch ein wenig. Auch wenn es kein Open Air ist, kein Alkoholkonsum stattfindet, in einem echten Bett geschlafen und ordentlich gefrühstückt wird. Als ich mich nach zehn Minuten schließlich wieder aufraffe, finde ich meine Begleiter im Konzertsaal auf Stühlen sitzend, vor sich hindösend wieder. Diese Mädchen. Dabei sind DATURAH gerade genau das Richtige für diese Situation. Schöner Instrumental Rock aus dem Bilderbuch, geschmückt mit den ersten wirklich guten Visuals des ganzen Festivals – kein Wunder, ihr Videokünstler Raul gestaltet das Ganze auch live, direkt auf die Songs zugeschnitten. So bieten DATURAH einen unverschämt gut aussehenden Querschnitt durch ihr Schaffen, mit neuen Stücken, sowie Material vom Album Reverie, mit einem starken neuen Schlagzeuger, mit saftigen Riffs, entspannten Passagen zum abdriften und einem Hang zur Epik. Nicht viel Neues wenn man ehrlich ist, aber gut gemacht und ziemlich kurzweilig. Die Frankfurter liefern keine der wirklich intensiven Shows des Festivals ab, aber es erschließt sich langsam, warum sie von einigen als heißeste deutsche Instrumental Rock-Band überhaupt gehandelt werden. Mal sehen, was das nächste Album bringen mag.

HEIRS

 HEIRS
HEIRS haben ihn parat: Den totalen Industrial-Doom Abgrund.

Der Beamer bleibt gleich aufgebaut, HEIRS betreten die Bühne und lassen zu ihren Songs eine Satansmesse von Anton Szandor LaVey laufen. Ob das nun verstörend, oder doch eher trashig ist, sei dahin gestellt – über was man nicht diskutieren muss, ist die Musik. Vor Fowl hatte ich HEIRS noch nicht so arg auf dem Schirm, auch trotz des sehr gelungenen Debütalbums Alchera. Da die Australier schon auf ihrer zweiten exzessiven Europatournee unterwegs sind und viel Liveerfahrung gesammelt haben, funktioniert das neue Material auch viel besser, es ist organischer, es ist zeremonieller. Zusammen mit Miles Brown, der auch schon auf dem Album als Gastmusiker zu hören ist, erschaffen HEIRS ihren ganz eigenen Kosmos, reißen uns in tiefe Abgründe und verschaffen uns die heftige Gänsehaut. Beginnend mit Dust und Fowl spüren wir schon das Zittern am Körper, aber gerade die zerbrechlichen Teile, wie in Burrow und Drain begeistern. Zwei Stücke von Alchera geben HEIRS außerdem zum Besten, von denen gerade Russia am Ende des Sets in einer zehnminütigen Version und gnadenloser Heaviness perfekt den Auftritt abschließt. Schade, dass die Gitarren ein wenig leise abgemischt sind, der donnernde, tonnenschwere Bass steht im krassen Kontrast zur zierlichen Gestalt der Bassistin Laura Bradfield. Wie schon auf Fowl, begeistert dieser Basssound vom Fleck weg. Dieser Auftritt ist vor allem eins: Eine unheimliche, intensive Vorführung des Talents von HEIRS. Ein kleiner Tipp am Rande: Einige Wochen sind HEIRS noch auf Tour, das solltest du dir keinesfalls entgehen lassen.

MOUSE ON THE KEYS

 MOUSE
Ein unglaublicher Auftritt voller Spielfreude, Kreativität und Perfektion: MOUSE ON THE KEYS begeistern enorm.

Nachdem die EP Sezession, vor allem aber das Album An Anxious Object schon für Maulsperre gesorgt haben, wollen sich die vier Japaner MOUSE ON THE KEYS auch live behaupten. Im Zuge ihrer zweiten Europatour spielen sie nun auf dem SWINGFEST alle, wirklich alle, an die Wand. Zusammen mit den besten Visuals des Festivals, die von Multiinstrumentalist Keisuke Ikeda über das MacBook gesteuert werden, schafft es diese Musik mir ein Grinsen auf das Gesicht zu zaubern und mich zum tanzen zu bringen, was sonst in etwa so wahrscheinlich ist, wie ein Kurswechsel von Thilo Sarrazin zu den Linken. Wie schaffen die das bloß? Nach einem kurzen, improvisierten Intro stellen sich die Japaner auf deutsch vor und bringen schon durch ihr sympathisches Auftreten die Leute zum Jubeln. Als es aber losgeht, als Schlagzeuger Akira scheinbar vier weitere Arme wachsen, mit denen er die teils unglaublich schnellen, jazzigen Breakbeats spielt, zu dem dann die Pianisten Atsushi und Daisuke noch die Finger virtuos aber trotzdem ganz locker und entspannt über ihre Tasten flitzen lassen, wie Jerry auf der Flucht vor Tom, hält sich keiner, der nicht bereits an Fußkrankheit gestorben ist, ruhig. An Anxious Object und Sezession werden fast komplett gespielt, groovige und urbane Stücke wie Seiren und Raumkrankheit ebenso wie den Kopf verdrehende schnelle Stücke á la Saigo No Bansan und vor allem das wahnsinnige Spectres De Mouse. Und sogar, wenn es wie bei Soil und Ouroboros etwas verträumter wird, geben alle – Band wie Publikum – Gas. So viel Spielfreude, so perfekte und gut gemachte, zu hundert Prozent mit der Musik mitkonzipierte Projektionen habe ich, was weiß ich wann zuletzt gesehen. Einziger Wermutstropfen: Mein persönlicher Favorit Double Blind hat gefehlt. Und statt dies in der Zugabe – übrigens der einzige Zugabenteil des ganzen Festivals – zu spielen, wird ein Medley aus vier Songs gespielt. Auch gut, aber wer dieses Lied schon mal gehört hat, wird nicht sterben können, ohne von dieser wahnsinnigen Liveband, dieses Lied live zu hören. Zu viel Euphorie? Ach, lass mich doch in Ruhe.

CELESTE

 CELESTE
Das mächtige Morte(e) Nee(s) zur Gänze live – trotzdem gehören CELESTE in einen klitzekleinen Club, um richtig zu wirken.

Nach so viel tanzen, geht mir langsam doch ein wenig die Puste aus. CELESTE wollten ja auch schon um 22:30 Uhr anfangen, aber nun ist es doch schon wieder zwölf und die Enfants Terrible des Labels haben es sich zum Ziel gesetzt, mit Morte(s) Nee(s) am Stück für einen letzten Gnadenschuss zu sorgen. So leicht geht das aber nicht. Warum? CELESTE gehören in einen winzigen, muffigen Club, damit sowohl die Liveshow mit den Stirnlampen und dem Stroboskop ordentlich zur Geltung kommt, und damit sich der Sog aus bitterbösem Sludge und noch fieserem Black Metal richtig entfaltet. Die große Bühne ist nicht der richtige Ort für Sänger Johan, der gleich zu Beginn des Sets ins Publikum springt und mit den Fans den ersten und letzten Moshpit des Wochenendes anzettelt. Brutal ist diese Show natürlich, und auch intensiv, immerhin ist Morte(s) Nee(s) eines der heftigsten Alben des Jahres. Verstärkt mit einer zusätzlichen Gitarre prügeln sich die Franzosen sicher und ohne Umwege durch ihr Set, aber ehrlich gesagt, die Aussicht auf Schlaf ist auch nicht schlecht. Il y a biens des porcs que ça ferait bander de t´étouffer, En troupeau des louves en trompe l´oeil des agneaux, aber vor allem die bisher noch nie live gespielten Stücke (S) und das dreizehnminütige De sorte que plus jamais un instant ne soit magique sind Waffenscheinpflichtig und rütteln uns noch ein letztes Mal ordentlich wach. CELESTE sind kompromisslos und bitterböse wie eh und je, aber nächstes Mal doch lieber wieder im gewohnten Umfeld. Schön war´s natürlich trotzdem.

Epilog

Und das war es schon. Gute Nacht Essen, auf Wiedersehen SWINGFEST, Tschüss an alle sechzehn Bands, die uns fast ausnahmlos sehr bewegt haben. Scheiß auf die Probleme mit der Uhrzeit, alles Kinderkrankheiten, nächstes Mal läuft es besser. Viele wirklich sagenhafte Konzerte, ein schönes Ambiente, Value for money, wohin man blickt, egal ob es sich um die leckere Verpflegung, oder die Merchandise-Stände handelt, nette Leute überall, das ist alles was zählt. Hoffentlich lassen sich die DENOVALI-Jungs im Jahr 2011 wieder zu so einem Event hinreißen. Ich werde wieder da sein.

Fotos:
THE SAMUEL JACKSON FIVE, THE EYE OF TIME, SWITCHBLADE, CONTEMPORARY NOISE SEXTETT, YNDI HALDA, OMEGA MASSIF, THE NIGHT TERRORS, IROHA, KODIAK + N, BLUENECK, HEIRS und CELESTE (c) Stefan Chmielewski
Titelbild, HER NAME IS CALLA, THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE / THE MOUNT FUJI DOOMJAZZ CORPORATION, DATURAH und MOUSE ON THE KEYS (c) Florian Schneider

VIELEN DANK DAFÜR!