RED HARVEST: Absolut dunkel und ziemlich munter

RED HARVEST: Absolut dunkel und ziemlich munter

Wie mag wohl ein Mensch klingen, der im kalten Norwegen lebt, sich das illustre Pseudonym Selveste TurboNatas zugelegt hat und der Musikwelt jüngst mit seiner Band RED HARVEST eines der finstersten Alben der ersten Jahreshälfte namens `Cold Dark Matter` bescherte? Wortkarg? Düster? Geheimnisvoll? Nun, ich war auf einiges gefaßt, aber nicht auf einen derart sympathischen, ausgelassenen, mitunter fast schon albernen Gesprächspartner, als der sich Ketil Eggum, so der bürgerliche Name des Gitarristen, schließlich am Telephon entpuppte. Ob es sich bei dem Guten nun schlicht um eine Frohnatur handelt oder ob er – wie der Kollege eines anderen Magazines aufgrund ähnlicher Erfahrungen vermutete – seiner Laune mit dem ein oder anderen glimmenden Grashalm auf die Sprünge geholfen hat: keine Ahnung. Unterhaltsam war`s allemal…

Hallo, hier Ketil Eggum von RED HARVEST!

Hallo! Äh, wie war doch gleich Dein Name?

Ketil…

Aha. Nie gehört. Wie lautet denn Dein Pseudonym?

Tja, ich schätze, Du sprichst mit TurboNatas, haha. Ich war mir nicht sicher, ob ich meinen richtigen Namen verraten sollte, aber jetzt habe ich`s ja getan. Für was für ein Magazin ist das Interview eigentlich?

Für Vampster, ein Online-Magazin…

Oh, dann mußt Du mir unbedingt die Adresse zumailen..

Wird gemacht. Ist allerdings komplett in Deutsch…

Das macht nichts. Ich kenne einige Leute, die das übersetzen können. Und ich spreche selber auch ein bißchen Deutsch: (demonstriert es) Ich heiße Derrick, ich bin von der Mordkommission!

Auweia, der olle Tappert. Harry, hol schon mal den Wagen oder so…

Hol den Wagen, haha, genau! Das ist cool!

Du hast also ein Faible für langweilige deutsche Kriminalsendungen?

Ja! Ich bin mit Derrick aufgewachsen und verbrachte viel schöne Stunden mit der Serie, haha!

Merkwürdig, merkwürdig. Im Ausland scheint das Ding ja wirklich jeder zu kennen…

Nun, das gehörte rund zehn Jahre zu meinem Freitag-Abendprogramm, daher sind mir halt ein paar Sätze geläufig. Außerdem kenne ich noch ein par deutsche Porno-Filme, hahaha!

Soso, offenbar weißt Du alles über die deutsche Kultur, was man so wissen muß…

Ja, ALLES! Hahaha! Alles, was nötig ist!

Um die Kurve zu Eurem aktuellen Album `Cold Dark Matter` zu kriegen: da wird ja gar ein deutscher Titel verbraten…

Ja, `Absolut Dunkelheit`…

Wie und warum das?

Nun, das war so: wir hatten vor ein paar Jahren ein Side-Project namens DUNKELHEIT, es gab sogar eine Veröffentlichung auf einem deutschen Label namens, ääh, ich hab` mit der Aussprache immer Probleme: Satsch, Sagschätsch… ääh, Sagschästschn-Records (ich vermute mal Suggestion – der grinsende Verf.), aber das wird wohl kaum jemand kennen (Richtig! – der unwissende Verf.). Wir haben dann wieder mal ein paar Dunkelheit-Songs gemacht und dabei entstand dann dieser Song, der Absolut Dunkelheit-Song…

Eure Musik klingt generell recht finster und dunkel…

Ja, bei dem langen Winter hier in Norwegen ist das für uns recht natürlich. Es würde wohl nicht passen, wenn wir ein Songs über Sand, Strand und Sonne schreiben würden, stattdessen also lieber über die Hölle des Alltags und psychische Probleme. Ja, ich denke, unsere Musik ist schon recht dunkel und kalt.

Müssen wir uns um Euer geistige Gesundheit Sorgen machen?

Nein, das denke ich nicht. Wir unterliegen zwar schon ein paar Gefühlsschwankungen, aber im Moment geht´s uns glaube ich ganz gut, hahaha…

Offenhörbar… aber man macht sich so seine Gedanken, wenn man Eurer Musik lauscht…

Nun, ich würde dieses Album nicht im Rahmen einer Therapie empfehlen, haha..

Solange man den Patienten nicht aus irgendeinem Grunde loswerden will, wohl kaum…

Genau, dann würde er wohl sogleich aus dem nächsten Fenster springen und alle Probleme wären gelöst (lacht).

Glücklicherweise scheine ich noch nicht therapiebedürftig zu sein und habe den Genuß von `Cold Dark Matter` schon mehrfach unbeschadet überstanden. Dennoch: ein sehr intensives Hörerlebnis…

Wir wollten versuchen, diese CD so roh und brutal wie möglich klingen zu lassen. Ich weiß nicht, aber ich denke, wenn man möglichst extreme Musik machen möchte, muß man mehr versuchen, als nur so schnell oder so langsam oder so technisch wie möglich zu klingen, daher haben wir auch sehr viel Wert auf Produktion gelegt. Das Mastering ist sehr hart und laut geraten, in puncto Lautstärke nahe an der Belastbarkeitsgrenze der Lautsprecher, haha. Wir waren ein wenig besorgt, ob das letztlich gut rauskommt, aber als wir es ein paar Tage später wieder angehört haben, fanden wir das Resultat sehr cool. Wir haben also beschlossen, es so zu belassen und nichts mehr zu ändern. Das Album sollte recht fies klingen und das ist uns wohl gelungen.

Gerade die Tatsache, daß Ihr nicht nur auf schnelles Geprügel setzt, sondern den Einsatz langsamere und ruhigerer Passagen geschickt nutzt, um diese bedrückende Intensität zu schaffen, gefällt mir sehr gut. So zum Beispiel im Titelstück…

Ja, es sind sogar ein paar nette Melodien drin, aber durch den Bass, der gleich zu Beginn einsetzt, wird die Grundstimmung sehr böse, auch die verzerrten Vocals und all das machen den Song sehr hart und eindringlich. Mit einem anderem Sound wäre das wohl ein ziemlich dämlicher Song, aber so funktioniert es. Wir versuchen, unsere Musik durch verschiedene Sounds auszustaffieren und mit der richtigen Stimmung zu versehen. Ich denke, vom reinen Songwriting her könnten viele unserer Songs recht langweilig wirken, wenn man sie einfach nur so runterspielen würde.

Zeit für einen musikalischen Vergleich, obwohl ich weiß, daß Künstler einen solchen nicht unbedingt schätzen…

Das kommt darauf an, mit wem Du uns vergleichst, haha…

Ich versuch`s mal mit NEUROSIS…

Na, das ist doch nicht das Schlechteste! (lacht) Tja, was kann ich dazu sagen? Für mich ist das ein Kompliment, denn ich und auch die anderen in der Band mögen NEUROSIS sehr. Doch das erste Mal habe ich NEUROSIS ungefähr 1994 gehört, und schon damals haben wir bereits etwas Ähnliches gemacht. Das war schon erstaunlich, daß jemand in einer fernen Ecke der Welt fast die gleiche Musik macht wie wir! Aber ich denke auch, daß wir uns in verschiedene Richtungen entwickelt haben, wir benutzen mittlerweile weit mehr Computer-Sounds und technische Spielereien, sind gleichzeitig aber auch etwas Metal-lastiger. Ich mag die Band jedoch wirklich sehr und ich denke, der Vergleich kommt schon recht gut hin. Letztlich ist es aber immer schwer, seine eigene Musik richtig einzuordnen.

Gerade in puncto Atmosphäre und Stimmung erinnert Ihr mich sehr an besagte Krank-Rocker…

Nun, was das angeht, ist es wirklich ein Kompliment, mit ihnen verglichen zu werden. Ich denke, wir sind musikalisch wirklich seelenverwandt. Wir scheinen den Leuten schon ein ganz besonderes Gefühl zu vermitteln, besonders, wenn wir live spielen. Und ich denke, es ist uns gelungen, dies diesmal auch sehr gut auf CD zu bannen. Daher hast Du wohl recht…

Ich habe leider nie das Vergnügen gehabt, Euch live zu sehen. Wie muß man sich einen Auftritt RED HARVESTs vorstellen?

Oh, ich denke, wir hören uns ziemlich ähnlich an wie auf der neuen CD. Einige ältere Alben waren hingegen etwas zu gut, zu sauber produziert. Nun, die Leute sagen, live vermittle unsere Musik einem das Gefühl, gerade so richtig fies in den Magen geschlagen zu werden, haha. Ich denke, die Leute meinen eine massive Soundwand, die auf sie zurollt. Optisch gibt nicht so viel zu sehen, denn wir setzen das Licht immer von hinten ein, man sieht also nur ein paar dunkle Gestalten, die im Nebel umherwaten, und ein paar grüne und blaue Lichter. Aber ich weiß nicht, wie wir wirklich wirken, denn ich habe RED HARVEST noch nie live gesehen, haahahahaha… Es wäre vielleicht cool, wenn ich die Band verlassen würde und mir einen Gig anschaue, haha. Ja, eine gute Idee! (lacht sich erstmal halbtot)

Naja, wenn die anderen einverstanden sind…

Ach, ich sage einfach: Nein, heute komm‘ ich nicht mit auf die Bühne, ich schau mir die Show an. Ihr findet mich an der Bar! (lacht und lacht)

Wo Du schon das optische Konzept der Band ansprichst: Ihr gebt Euch scheinbar generell gerne geheminisvoll, denn weder im Booklet noch auf Eurer Homepage (zu finden unter www.redharvest.com) sieht man allzu viel von Euch…

Ja, das war zwar keine Absicht, aber es ist wohl mehr oder weniger unser Image geworden. Wir machen halt keine Sachen wie Corpsepainting, wir sind im Grunde ganz normale Leute, die in Schwarz herumlaufen und ihre Musik spielen. Keiner von uns steht darauf, sich auf eine besondere Art herauszuputzen, Makeup aufzutragen und all das, das ist nicht unser Stil.

Stichwort Corpsepainting…

Oder all dieser Shit, hahaha! Aber nein, es soll natürlich jeder machen, was er will…

Och, Shit finde ich ganz OK, hehe… aber worauf ich hinaus wollte: Ihr seid ja jetzt bei Nocturnal Arts gelandet…

Ja, Gott sei Dank! Aber entschuldige, ich habe Dich unterbrochen…

Schon OK, hätte ich ja auch noch gefragt: gab’s Probleme mit Eurem alten Label Voices Of Wonder?

Ja, durchaus. Ich meine, wir verstehen uns noch immer gut, aber nun, ich schätze, bei Euch in Deutschland wird man kaum an jeder Ecke eine CD von RED HARVEST entdecken. Der Vertrieb in Europa war sehr sehr schlecht, das ist nun anders. Das war das größte Problem mit Voices Of Wonder, sie haben sich mehr oder weniger auf Vertriebe in anderen Kontinenten konzentriert und betreiben die eigentliche Labelarbeit nicht mehr so gut wie früher. Wir wollten unbedingt von ihnen weg und haben eine Vereinbarung mit ihnen geschlossen, schließlich ließen sie uns gehen. Sie waren zwar etwas verärgert, aber sie sagten, sie wollen der Band nicht im Wege stehen oder gar ihr Weiterbestehen gefährden, denn es hätte durchaus das Ende von RED HARVEST sein können: eine weitere CD für Voices Of Wonder und dann Schluß. Nun, dann kam jemand von Nocturnal Arts und fragt uns, was wir so machen, denn er hatte uns bereits mehrmals live gesehen. Ich erzählte ihm, daß wir ein Label suchten. Wir hörten dann zwei Wochen nichts mehr von ihm, beinahe hätten wir dann einem anderen Label zugesagt, aber dann boten sie uns doch noch einen Deal an. Sie machen ihre Arbeit sehr gut und es ist von Vorteil, daß das Label auch in Norwegen ist und nicht sonstwo. Das macht vieles einfacher. Bislang sind wir also sehr zufrieden.

Nun ist Nocturnal Arts ja doch eher ein Black Metal-Label…

Finde ich eigentlich nicht! Aber gut, es war mal ein Black Metal-Label, doch es reicht nicht mehr, aus Norwegen zu kommen und einen merkwürdigen Namen anzunehmen, um Black Metal zu sein. Wenn man sich die alten Black Metal-Bands anhört oder solche, die mal Black Metal waren, wie zum Beispiel MAYHEM oder SATYRICON, dann entwickeln sie sich alle in eine Richtung, die ich nicht mehr Black Metal nennen würde. Ich denke, es ist natürlich, daß Bands, die extreme Musik spielen und nur extreme Musik hören, eines Tages die Nase voll davon haben und sich vom klassischen Black Metal-Sound abwenden. Ich denke, es ist eine gute Idee, seinen Horizont zu erweitern. Es gibt zuviel Bands, die sich komplett gleich anhören.

Was für ein Publikum sprecht Ihr denn eigentlich an?

In den letzten Jahren kamen mehr und mehr Black Metal-Fans zu unseren Auftritten. Aber ich denke, es sind alle möglichen Leute, vor allem aber Black Metal-Hörer und das NEUROSIS-Publikum, wenn Du verstehst, was ich meine. Bei einem RED HARVEST-Gig findet man wohl ein ähnliches Publikum wie bei einem GODFLESH-Gig. Ich habe auch das Gefühl, daß sich viele Leute bei uns einfinden, die harter körperliche Arbeit nachgehen. Leute wie Gabelstapler-Fahrer, sie kommen zu unseren Konzerten. Da scheint es besondere Bezugspunkte geben, das ist sehr cool, haha. Wir scheinen also eine richtige Arbeiter-Band zu sein! (lacht sich wieder einmal kringelig)

Das mag damit zu tun haben, daß Eure Musik durchaus wie ein Soundtrack zur kalten Industriegesellschaft wirkt…

Ja, vielleicht. Ja, einige Leute sagen das. Ich denke, da ist wohl was dran, denn viele leben ja mit ihren Maschinen und haben auch emotionale Beziehungen zu ihnen. Sie beschimpfen ihren Computer, wenn er nicht funktioniert, hahaha…

Wie hat sich Euer Sound eigentlich in diese Richtung entwickelt? Anfangs habt Ihr ja recht gewöhnlichen Thrash Metal gespielt…

Oh, nun, mich trifft da keine Schuld, ich war bei der allerersten CD noch nicht dabei, haha! Aber ich denke es ist einfach eine normale natürliche Entwicklung, es hat nichts damit zu tun, irgendwelchen Trends zu folgen. Natürlich macht man Musik und Texte aus dem Alltag heraus, aus den persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Bei der letzte Mini-CD hatten wir ein paar ziemlich üble Dinge erlebt, daher haben wir auch diese, naja, ich möchte jetzt nicht sagen, diese üble Platte gemacht, haha, aber wir mußten das irgendwo rauslassen. Ich habe dafür ungefähr zwei Songs geschrieben, während der Sänger und der Gitarrist in der Zeit in den Bergen gearbeitet haben, es war also irgendwie Berg-Musik, hahahaha….. Ein bißchen anders eben…

Ihr geht also noch anderen Berufen nach. Was macht Ihr, wenn Ihr nicht Musik spielt?

Einige arbeiten mit Computern, andere beladen LKWs und solchen Mist, haha. Ich arbeite normalerweise als Layouter am Computer, für CD-Covers, Posters und so weiter, aber hoffentlich nicht mehr so lange, denn ich habe langsam genug davon. Andererseits wäre es uns nicht möglich unsere Musik zu machen, wenn wir nicht nebenbei arbeiten würden. Es ist also kein Wunder, daß wir keine Songs über Biertrinken und Partys schrieben. Aber vielleicht sollten wir’s mal versuchen!

Nun, der Sleaze- und Glamrock der 80er scheint ja ein kleines Revival zu erleben…

Oh Gott, ja. Eine, schlimme Zeit, hahaha… ich hoffe nur, KING COBRA kommen nicht zurück! Wußtest Du, daß der Sänger seinen Namen in Marylin III oder Ähnliches geändert hat? Er ist eine Frau geworden! Wußtest Du das?

Äh, nein…

Nun, jetzt weißt Du es! Er ist jetzt eine richtige Frau, hahaha!

Höchst interessant, äh… naja, wie auch immer, erstaunlich, wer alles wieder lebendig wird…

In der Tat. Manchmal mag das ja OK sein, aber die meisten sollten doch lieber im Grab bleiben…

Vom Reunion-Trend zu einer ganz anderen Modererscheinung: Trends zu bleiben: es gibt ja eine Menge Bands, die sehr düstere Musik zum Besten geben und damit sehr erfolgreich sind, allen voran MARYLIN MANSON. Sollte das einer Band wie RED HARVEST nicht auch zugute kommen?

Das hoffe ich sehr. Aber das ist ein recht schwere Frage. Ich denke, wir werden mit der Musik weitermachen, egal, was passiert, denn wir sind alle gute Freund. Es ist allerdings wesentlich einfacher, die Energie für alles aufzubringen, wenn die Dinge gut laufen und man weiß, daß bei der nächsten Show mehr als 10 Leute da sein werden, wenn Du weißt, daß es da ein Publikum gibt, das Dich gerne hört. Wir werden auf jeden Fall weiter machen. Aber wir spielen nun seit 10 Jahren zusammen und es wäre schon angenehm, ein wenig Erfolg zu haben. Ich bin ehrlich: Ich wäre wirklich sehr gerne erfolgreich, haha! Ich denke, daß ist nur natürlich, zumal dann, wenn man so lange eher erfolglos ist…

Dann wünsche ich schon mal viel Glück!