APOCALYPTICA: Die Neuinterpretation des Heavy Metals – oder wie sieht eigentlich der Papa von Lars Ulrich aus?

APOCALYPTICA: Die Neuinterpretation des Heavy Metals – oder wie sieht eigentlich der Papa von Lars Ulrich aus?

Max Lilja und Paavo Lötjönen, zwei Viertel von Apocalyptica, sind nicht nur klassisch ausgebildete Musiker, sie sind auch Metal-Fans und bisweilen sogar richtige Spaßvögel. Umso schöner, dass die beiden entgegen alles Klischees, die man so im allgemeinen von finnischen Menschen hat, ziemlich offen und gesprächig waren. Doch lest selbst, was die beiden seit unserem letzten Interview im Sommer ’98 neues über Apocalyptica, das neue Album und Kartoffelbrei zu erzählen haben.

Als ich „Cult“ zum ersten Mal gehört habe, fiel mir auf, dass ich meine Definition von Metal noch mal überdenken sollte – bislang waren Gitarren nämlich ein fester Bestandteil dieser Definition!

Max: Beim ersten Album wollten wir schon, dass die Songs nach Cello klingen – es sollte nach vier Celli klingen, nicht nach vier Gitarren. In der Zwischenzeit haben wir aber sehr viel über Studiotechnik und Sound gelernt. Der Sound von „Cult“ ist einfach mächtig, manchmal auch symphonisch – nun, es sind Metal-Songs, die klassische Einflüsse haben!

Paavo: Ich würde aber nicht sagen, dass sich Metal nur über Gitarren – verzerrte Gitarren – definiert, es ist viel mehr als das: eine Lebenseinstellung, ein Gefühl…

Klar, aber versuch das mal jemandem klarzumachen, der Musik nur als Hintergrundberieselung empfindet.

Paavo: Ja, aber ich bleibe dabei: Heavy Metal ist ein Gefühl – das hat nichts mit der Instrumentierung zu tun.

Max: Ich definiere Musik auch eher über Gefühle als über bestimmte Stile, ich liebe Metal Songs, aber ich liebe auch manche Techno Songs, wenn sie ein Gefühl ausdrücken, wenn ich mich darin wiederfinden kann.

Du hörst dir Techno an?

Max: (grinst) Ich versuche, ohne Scheuklappen durch das Leben zu gehen – manchmal hasse ich diese Techno-Sachen auch.

Als ihr 1993 angefangen habt, Metallica Songs auf dem Cello zu spielen, was habt ihr Euch damals dabei gedacht?

Max: Wir hatten keine Ziele, keine Pläne gar nichts.

Paavo: Wir haben das wirklich nur aus Spaß gemacht, einmal keine Klassik zu spielen. Wir wollten Musik machen, die voller Kraft und auch Spaß ist. Es hat sich alles einfach entwickelt…

Max: Genau. Selbst als wir das erste Album aufgenommen hatten, haben wir uns keine Gedanken um die Zukunft von Apocalyptica gemacht. Es ging uns darum, rohe Kraft auszudrücken und Erfahrungen zu sammeln, die Zukunft der Band kam in unseren Überlegungen nicht vor.

Eueren Plattendeal verdankt ihr ja auch mehr oder weniger dem Zufall… Ihr habt euch nie beworben, sondern ein Label kam auf euch zu?

Max: Wir dachten, dass der Typ von Polygram Finnland komplett verrückt sein muss, als er uns gefragt hat, ob wir eine Platte aufnehmen wollen. Was kann man mit einem Album, auf dem Metallica Songs von vier Celli intoniert werden, schon anfangen?

Was hat sich für Euch seitdem verändert? Inzwischen seid ihr recht erfolgreich.

Max: Apocalyptica ist nun unser Hauptjob. Wir haben keine Zeit mehr für andere Dinge,…

Paavo: Wir haben vor fantastischem Publikum gespielt – überall auf der Welt. Wir haben den Leuten ein bestimmtes Gefühl vermittelt, wir sind viel gereist. Nun, das Reisen ist aber auch ein Nachteil. Es ist schon seltsam: wenn man sich vorstellt, wie das Rock n´ Roll Leben ist, dann kommt man schnell drauf, dass diese Typen überall rumkommen und die ganze Welt sehen. In Wirklichkeit ist das ein bisschen anders: du reist viel herum, aber alles sieht gleich aus, da du immer nur den Club und die ewig gleich aussehenden Backstage-Räume zu Augen bekommst. Du hast überhaupt keine Zeit, dir die Städte und Länder anzusehen. Das Schöne am Touren sind die Shows: Du lernst, dass ein Publikum von Land zu Land verschieden ist, die Leute sind anders. Wenn die Show gut läuft und die Menschen in einer guten Stimmung sind, dann ist das schon klasse.

Ihr hattet immer ein ziemlich buntes Publikum, wie ist es bei dieser Tour?

Max: Ich habe das Gefühl, als ob wir inzwischen unsere eigenen Fans haben. Es sind nicht mehr nur Metallica Fans hier – die Leute kommen nun wegen uns, wegen unserer Band, nicht mehr nur wegen der Metallica Songs. Früher waren mehr Leute in Metallica- als in Apocalyptica Shirts bei den Gigs.

Paavo: Es ist aber noch immer sehr gemischt, Krawattenträger, alte Leute, junge Leute – Leute, die eher an klassischer Musik interessiert sind, stehen neben Metalheads. Das ist großartig, denn es gibt uns das Gefühl, wirklich etwas erreicht zu haben.

Würdet ihr sagen, ihr seid Rockstars?

Paavo: Nun, manchmal kommt es mir so vor, haha.

Max: Gestern waren wir in München und die Leute haben nur gejubelt – es war unglaublich. Die Fans sind schon am Anfang richtig ausgerastet.

Paavo: Aber man sollte den Kontakt zum Boden behalten!

Aber ihr seid schon stolz auf Euren Erfolg?

Max: Wir sind stolz auf das neue Album, denn wir haben versucht mit eigenen Flügeln zu fliegen – es ist unsere Musik! Und wir sind froh, dass wir den Mut hatten, es auszuprobieren, denn die Reaktionen sind sehr, sehr gut.

Paavo: Die Geschichte ist folgende: wir haben das Label gewechselt von einer finnischen Firma zur deutschen Firma Mercury. Wir haben uns dazu entschlossen, weil das alte Label wollte, dass wir „Old-Fart-Metal“ spielen.

Max. Was ist das denn? Haha!

Paavo: Led Zeppelin und so… Nichts gegen diese Musik, sie ist gut – aber sie sollte an ihrem Platz bleiben! Wir haben uns überlegt, ob es denn überhaupt sinnvoll, wäre noch mal ein Cover-Album aufzunehmen. Wir spielen Cover Songs in unseren Live-Shows und wir haben bereits zwei Alben mit Coversongs aufgenommen. Es wäre vielleicht eine sichere Sache gewesen, wieder nur Songs zu covern, aber wir wollten uns selbst austesten, und auch ein größeres Risiko eingehen. Auf der anderen Seite waren die Reaktionen auf die drei Eigenkompositionen der „Inquisition Symphony“ so ermutigend, also haben wir beschlossen, es einfach auszuprobieren. Die drei Coversongs auf „Cult“ sind aber schon etwas besonderes: „Hall of the Mountain King“ ist eher eine Art Tribut an unsere klassische Wurzeln und mit den Metallica Songs „Fight Fire With Fire“ und „Untill It Sleeps“ wollten wir noch mal an die Geschichte von Apocalytica erinnern.

Max: Außerdem haben wir immer gesagt, wir würden nie einen klassischen Song spielen. Es war an der Zeit, dieses Versprechen zu brechen, haha.

Wie steht ihr klassisch ausgebildete Musiker zu Coverversionen? Klassik besteht ja zum Großteil aus Cover – wenn man das so ausdrücken kann. Wenn ich nun an mich und meine musikalischen Vorlieben denke, ich finde nichts langweiliger als Coverversionen von Metal Songs, die eins zu eins nachgespielt sind.

Paavo: Für mich ist es normal, die Musik anderer Komponisten zu spielen. In der Klassik hast du vielleicht mehr Spielraum. Du kannst dir überlegen *wie* du etwas aufführen willst, es gibt da sehr viele Optionen, die du als Interpret ausfüllen kannst. Bei Cover Songs im Rock/Metal Bereich hast du diese Möglichkeiten aber auch.

Nur, dass sie selten genutzt werden…

Paavo: vielleicht ist es nicht immer einfach, solche Möglichkeiten zu sehen.

Max: Unsere Cover-Versionen sind sehr, sehr nahe am Original. Wir haben nicht viel daran verändert, wir sind gewohnt, den Komponisten hinter einem Song zu respektieren – darum verändern wir nur sehr wenig an der Komposition.

Interessante Sichtweise – von der Seite hatte ich die Sache ehrlich gesagt noch nie betrachtet – aber: ihr habe komplett andere Instrumente benutzt.

Max: Stimmt. Das ist wahrscheinlich der Unterschied.

Habt ihr eure Celli eigentlich runtergestimmt oder geht der Tonumfang auch bei normaler Stimmung so weit runter? Manche Songs wie zum Beispiel „Struggle“ haben schon extrem tiefe Momente.

Paavo: Der Tiefste Ton auf einem Cello ist das c, bei Gitarren ist es das e, man kommt also schon deutlich tiefer als mit einer Gitarre. Die Celli sind übrigens in einem Quint-Abstand gestimmt, im Gegensatz zur Gitarre.

Max: Die Metallica Songs basieren eigentlich auf e, allerdings haben sie ihre Gitarren fast immer einen Halbton runtergestimmt.

Antero Manninen, der ja nur wegen dem Spaß am Spielen Mitglied bei Apocalyptica war und mit Heavy Metal nichts anfangen konnte, hat nun die Band endgültig verlassen. Der Neue heißt Perttu Kivilaasko, was könnt ihr über ihn erzählen? Er hatte schon früher bei euch gespielt, oder?

Max: Antero wollte weiter klassische Musik machen, er war irgendwie nie richtig in dieser Band zuhause, er tourte nicht gerne..

Paavo: Perttu hat schon 1996 mit uns gespielt, aber er war damals so verdammt jung, gerade mal 16 Jahre. Er hatte eine vielversprechende Karriere als klassischer Musiker vor sich, wir wollten ihm diesen Weg nicht verbauen. Perttu hatte einen Platz bei den Helsinkier Philharmonikern, er hat einfach mit Antero getauscht. Er ist unglaublich talentiert, er ist einer der schnellsten Cello-Spieler in der westlichen Hemisphäre. Er ist großartig und er passt vollkommen zu Apocalyptica.

(Er *ist* unglaublich, davon konnte ich mich bei der Show am selben Abend überzeugen …)

Max: Nach all den Diskussionen mit Antero haben wir überlegt, was wir tun sollen, ob wir zu dritt weitermachen sollen oder vielleicht einen Schlagzeuger dazunehmen. Schließlich haben wir uns entschlossen, als Quartett weiterzumachen. Es waren zwei Namen im Gespräch, wir haben uns aber sehr schnell für Perttu entschieden.

Für mich ist „Cult“ komischerweise aber viel mehr *Metal* als die beiden anderen Alben – das liegt zum einen am Sound, aber wohl auch an den Arrangements – ihr habt auch wieder mit Hiili Hiilesmaa, der auch HIM oder Sentenced produziert hat, gearbeitet. Gibt es da Zusammenhänge?

Max: Nun, Hiili kannten wir ja schon. Es war eine Entwicklung. Das erste Album klang sehr trocken, sehr klassisch. „Inquisition Symphony“ ging schon einen Schritt weiter, mit „Cult“ haben wir das Gefühl, dass es nun richtig kraftvoll klingt und sehr viel Power rüberkommt.

Paavo: Wir haben viel gelernt. Der Sound vom „Inquisition Symphony“ war schon recht gut, aber es hat der letzte Kick gefehlt. Bei „Cult“ haben wir zunächst die dominanten Harmonien aufgenommen – eigentlich kann man den Sound in verschiedene Schichten aufteilen. Wir haben sehr viel mit Gitarrenverstärkern gearbeitet. Ampeg, Marshall – das gibt halt Power.

Max: Außerdem sind in manchen Stücken bis zu 60, 70 Celli übereinander gemischt – das ist schließlich einiges mehr als nur vier…

Das wundert mich jetzt aber: Ihr hattet, wenn ich euch live gesehen hatte, immer einen mächtigen Sound. Hatte ich besonderes Glück, oder wie kommt das?

Max: Ich weiß nicht, was unser Problem im Studio war. Vielleicht spielt live auch der optische Eindruck eine Rolle: von vier Typen mit einen Cello erwartet man nicht diese Power. Das verstärkt den Eindruck sicher zusätzlich.

Paavo: Ich glaube, ich weiß was du meinst. Man kann unseren Live-Sound nicht so ohne weiteres im Studio reproduzieren – live ist das Ganze mit viel, viel Power verstärkt, es ist viel mehr Bass darin. Du fühlst vielleicht auch die Kraft, wenn du uns zusätzlich siehst. Das kann man nicht auf ein Album bannen. Du musst die Musik mit 110 Dezibel anhören, das geht zuhause nicht.

Max: Zumindest nicht lange. Deine Nachbarn werden dafür sorgen…

Ursprünglich wolltet ihr auch Samples und Drum-Loops verwenden, ihr habt euch dann aber dagegen entschieden und nur ein wenig Percussion dazugenommen, wieso?

Max: Als wir ins Studio sind, hatten wir sozusagen einen Tisch, auf dem alles Mögliche stand. Wir wollten sogar eine menschliche Stimme verwenden – wir haben das dann ausprobiert…

Paavo: Es war kein Gesang geplant, sondern ein paar gesprochene Sequenzen…

Max: Wir hatten auch richtige Drums, Loops – aber das klang alles nicht gut.

Paavo: Die Loops klangen nach schlechtem Techno!

Max: Sofort, als wir diese neuen Elemente eingebaut hatten, stellten wir fest, dass dies nicht mehr Apocalyptica sind. Wir sind dann auf diese Percussion-Sachen gekommen, die auch in einem Orchester Verwendung finden. Nun, in einem Orchester sind Celli und Percussion und plötzlich klang es so, wie wir es wollten. Die Stimme haben wir dann nicht eingesetzt, weil sich sonst jeder auf die Songs mit Stimme gestürzt hätte – das ganze Album wäre auf ein paar Songs reduziert worden.

Der Gedanke an eine Stimme, die einen Text vorträgt, gefällt mir ganz und gar nicht. Ich mag an Apocalyptica besonders, dass man sich selbst Gedanken machen kann, was ein Song ausdrückt. Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht einfach war, Titel für die Songs zu finden?

Max: Wir hatten ziemliche Probleme damit, das stimmt.

Dadurch, dass ihr keine Texte habt, wird zumindest für mich die Musik viel spannender. Ich kann einen Song anhören und kann mir selbst in meinem Kopf Bilder dazu ausmalen. Durch Texte würde diese Freiheit beschränkt…

Paavo: Genau das ist es!!

Max: Aber auch uns fiel es schwer, ein Wort, einen Titel für die Songs zu finden. Wir hatten keinen einzigen, bevor die Songs fertig waren… Wir haben nach einer Grundidee gesucht, nun handeln die Titel in gewisser Weise vom Leben an sich.

Paavo: Es war so schwer, weil die Musik für uns eine spezielle Bedeutung hat. Musik ist etwas, das nicht von dieser Welt ist. (überlegt) Wie soll ich das sagen? Musik ist für mich etwas abstraktes – ich muss in Musik nichts finden, das mich an die wirkliche Welt erinnert. Musik ist eine Welt für sich.

„Cult“ ist eines der ergreifendsten Alben, das ich kenne – mich würde interessieren, in wie weit eure Gefühle nun für den Hörer nachvollziehbar sein sollen. Sind an die Songs auch Aussagen gebunden, wollt ihr durch die Musik eine bestimmte Emotion vermitteln?

Max: Ja, eigentlich schon. Kaamos ist da ein Beispiel. Als jemand mit dem Vorschlag zu diesem Titel kam, da dachte ich mir, dass dieses Wort genau das ausdrückt was ich bei dem Song fühle. (Kaamos ist der finnische Ausdruck für die Zeit, in der die Sonne in den nördlichen Breitengraden nicht aufgeht – Verfass)

Paavo: Es ist, wie wenn du im Dunkeln umhertappst. Du siehst einfach nichts.

Max: Es ist ein bisschen unheimlich.

Paavo: Aber es ist nicht beängstigend. Es ist, wie wenn die Natur schläft.

Max: Eine Art „Halb-Wach-sein“

Paavo: Ja, es ist wie wenn du vor dich hin döst – mit einem halb-geöffnetem Auge…

Max: Eine totale Entspannung…

Paavo: Es ist sehr friedlich.

Ich glaube, so etwas ist sehr schwer mit Worten, mit einem Songtext auszudrücken. Texte hätten hier etwas zerstört.

Max: Ja, wahrscheinlich schon.

Paavo: Es war ein Experiment. Wir sind an vielen Dingen interessiert, also haben wir auch eine Stimme ausprobiert. Wir haben auch schon mit Bands gespielt, die Gesang einsetzen. Ich glaube, keiner von uns hört auf Worte. Sogar wenn der Songtext finnisch ist – ich höre nie bewusst auf Texte.

Max: Ich höre Rhythmus, ich höre Harmonien – aber ich höre keine Worte…

Bei Waltari oder auch bei Bush habt ihr das es ja mit Gesang versucht. Wie fühlt ihr Euch dabei? Fühlt ihr euch in den Hintergrund gedrängt, wie schmückendes Beiwerk?

Max: Die Zusammenarbeit mit Bush war okay, mit dem Bush-Song sind wir zufrieden, bei Waltari sind wir wirklich nur im Hintergrund. Bush ist wohl gut gelungen – da spielen die Celli auch eine große Rolle, es ist eigentlich Gesang mit Cello.

Paavo: es war interessant, auch weil es kein Metal ist. Es ist Pop Musik. Es war ehrlich gesagt, eine große Herausforderung, diese Musik mit einer Stimmung zu verbinden, denn es war Popmusik…

Max: (blinzelt verschwörerisch) der Song war eigentlich ziemlich langweilig, hahahaha!

Paavo: Stimmt, aber mit dem Ergebnis bin ich recht zufrieden.

Max: Ja, und dann haben wir noch etwas mit Joachim Witt gemacht.

Was für mich irgendwie nicht passend scheint…? Bei Witt denke ich an neue Deutsche Welle und …

Max: „Die Fluuuuddd“, haha. Nun, er hat einen sehr eigenen persönlichen Stil – er ist einzigartig. Er ist komplett verrückt.

Paavo: Er ist ein netter Kerl.

Max: Er ist ein netter Kerl, aber total verrückt. Wir haben ihn live gesehen, wenn er auf der Bühne steht… ich weiß nicht, wo er dann wirklich ist, haha. Wir wissen auch noch gar nicht, ob das, was wir zusammen gemacht haben, veröffentlicht wird…

Ok, ich verstehe. Was anderes: würdet ihr eigentlich sagen, dass ihr einen besonderen Status in der Musikszene habt? Schließlich stehen bei euren Shows alle möglichen Leute nebeneinander…

Max: Vielleicht schon. Wir haben halt etwas „kultiges“ – darum heißt auch das Album „Cult“. Wir füllen die Differenz zwischen Klassik und Metal, zumindest sieht das im Publikum so aus – obwohl auch andere Leute zu den Shows kommen. Es gibt einen Berührungspunkt zwischen all diesen Leuten, und das sind Wir.

Ja, Apocalyptica ist eine Band, zu der Eltern zusammen mit ihren halberwachsenen Kindern gehen.

Max: haha, stimmt. Das ist eigentlich schon cool.

Worin liegt denn eurer Meinung nach die Faszination für Heavy Metal? Mich interessiert, wie ihr als klassisch ausgebildete Musik das seht – es passiert zumindest mir immer wieder, dass Leute leicht verächtlich oder zumindest stark verwundert sind, wie man sich so was anhören kann…

Max. Ehrlich? In Finnland ist es ganz normal, dass man Metal hört, jeder hört Metal.

Paavo: Nicht wirklich jeder…

Max: Ja, nicht jeder – aber fast jeder! Für uns ist Heavy Metal eine Musik, die starke Gefühle ausdrückt und anspricht. Hier treffen wir diesen Stil – ausgehend von der Klassik, die uns dasselbe gibt. (Mit gesenkter Stimme:) Und mancher Techno-Song…

Paavo: Ich glaube, dass unsere Welt voll von Plastik-Musik ist – weißt du was ich damit meine?

Britney Spears? Sie ist für mich der Inbegriff von Plastik.

Paavo: Ja!

Max: I love Britney! Haha…

Paavo: Ich meine damit so etwas wie Aqua. Es ist vielleicht ganz nett, das zu hören..

Max: Es ist Unterhaltung.

Paavo: Du hörst es dir an, aber es gibt dir nicht das geringste.

Es ist künstlich…

Paavo: genau. Es kann gut gemacht sein, aber es drückt nichts aus. Ich bin der Meinung, dass Musik nicht zu einfach sein darf. Wenn Du dich damit beschäftigen musst, dann kann dir Musik auch etwas geben. Vielleicht berührt es dann sogar deine Seele

Max: Das ist die Welt – immer mehr Unterhaltung. Auch Metal ist Unterhaltung, aber eben auf eine andere Art und Weise – es steckt mehr dahinter. Diese Plastik-Musik hingegen gibt dir vielleicht was für fünf Minuten.

Paavo: Das ist wie vorgekautes Essen.

Max: Wie Kartoffelbrei!

Ich habe jetzt keine Chance, eine Überleitung von Kartoffelbrei zu Metallica zu bauen –darum frage ich halt einfach direkt: Ihr wart bei dem Aufnahmen zum „S&M„-Album dabei. Fühlt ihr euch eigentlich ein bisschen dafür verantwortlich, dafür, dass sich Metallica zu einer Zusammenarbeit mit einem klassischen Orchester entschlossen haben?

Paavo: Nun, es gab da ein paar Gerüchte, das stimmt. Es sei unsere Schuld, dass sie es getan haben, haha. Ich glaube, dass die ursprüngliche Idee von Michael Kamen kam (er hatte bereits auf dem Black-Album mit Metallica gearbeitet – Verfass). Vermutlich hatten sie damals schon über dieser Idee gebrütet. Unser Beitrag war vielleicht, dass wir sie durch unsere Cover-Songs noch zusätzlich ermutigt haben, diesen Schritt zu gehen.

Max: Wir haben nicht mitgespielt, Metallica haben uns Zwei Tage vor den Aufnahmen eingeladen und wir durften uns alles ansehen.

Paavo: Wir sind nach San Fransisco geflogen, haben im Hotel eingecheckt, uns umgezogen und sind dann direkt zur Venue. Wir haben das Konzert gesehen und danach ein paar Bier mit Metallicas Eltern getrunken. Ich habe kurz Jason Newsted und Kirk Hamett getroffen. Die meiste Zeit habe ich mich aber mit Jasons Mutter unterhalten, mindestens eine Stunde. Sie ist wunderbar… Und Lars Vater ist ziemlich verrückt… er sieht ein bisschen aus wie ein Hippie!

Max: Er hat einen Bart, der fast einen halben Meter lang ist, haha. Mit den Metallica Jungs hatten wir nicht viel zu tun, die waren ziemlich im Stress. Für uns war es auch ziemlich anstrengend, wir sind direkt nach einer Show in Litauen nach San Fransisco geflogen und dann direkt zurück, nach dem 14 Stunden Flug mussten wir in Turku, Finnland eine Show spielen.

Es interessiert mich trotzdem: Wie sind Hetfield und die anderen denn so drauf? Mir werden sie halt immer unsympathischer. Das liegt weniger an ihrem neuerdings eingeschlagenem musikalischen Weg, damit kann ich leben, ich muss es mir ja nicht anhören – sondern eher an der Napster-Geschichte – ich habe den Eindruck, sie sind etwas abgehoben.

Paavo: Wir haben sie nun schon öfters getroffen, und nun, wenn du so bekannt bist wie sie, ist es nicht immer einfach. Jeder kennt dich, jeder will etwas von dir, jeder will etwas von deiner Zeit… Sogar Metallica sind ganz normale Menschen, die auch mal müde sind… verstehst du?

Max: Wir können aber nichts negatives über sie sagen, sie haben uns immer gut behandelt, sie sehen in uns Kollegen, sie haben uns sehr unterstützt – es gab so viele Interviews, in denen sie über uns gesprochen haben. Aber um noch mal zu Napster zu kommen: Ich denke, dass jeder die Freiheit haben sollte, selbst zu entscheiden, was er mit seiner Musik macht. Ob man sie nun kostenlos jedem zugänglich macht, oder ob man Geld damit verdienen will – diese Entscheidung sollte jeden selbst überlassen sein. Für uns und Bands, die genauso weit sind wie wir, ist diese Internet-Sache durchaus gefährlich: Wenn die Leute nur noch illegale Kopien herstellen und austauschen, dann wird es zum Beispiel nicht mehr möglich sein, auf Tour zu gehen. Ein Label schaut eben, wie erfolgreich ist eine Band, wie viel verkauft sie und schickt sie dann auf Tour. Wenn die Verkaufszahlen niedrig sind, weil sich jeder die CD brennt, dann wird es auch keine Tour geben.

Paavo: Die Plattenverkäufe sind auch der einzige Weg, Geld zu verdienen. Wir haben zum Beispiel von dieser Tour überhaupt nichts – wir bekommen ein wenig Geld, aber das reicht niemals, um davon leben zu können. Realistisch gesehen ist eine Tour Promotion für die Platten. Und wir müssen Platten verkaufen, schließlich müssen wir von etwas leben. Wenn wir nichts mehr verkaufen, dann wird es auch kein Apocalyptica Album mehr geben. Wer sollte es bezahlen? Unser Album hat ca. 120.000 bis 130.000 DM gekostet, Studio und so weiter – all das kostet viel Geld. Und wenn es das Album als MP3 gibt…

Max: nun, wir sind nicht generell gegen MP3s. Für kleine Bands, oder Bands ohne Deal ist es eine gute Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen.

Paavo: Wobei es auch für unbekannte Bands ein Risiko ist: sie investieren in die Aufnahmen und stellen sie dann für jeden kostenlos zur Verfügung. Das wäre genauso wie wenn ich hergehe und (kruschtelt in seinen Hosentaschen, zieht zwei zerknitterte 20 DM Noten raus und drückt sie uns in die Hand) – das ist doch nicht normal, oder?

Max: (lacht) ja, aber du hättest bestimmt eine Menge neuer Freunde!

Paavo: Fragt sich aber auch, für wie lange…

Ich verstehe ja, was ihr meint. Vielleicht bin ich da zu gutgläubig, aber ich denke, dass in der Metal Szene Musik einen längeren Wert hat – ein Album von Aqua kostet 30 DM und eures kostet auch 30 DM. Aber ich denke, dass man Apocalyptica länger hört und nicht nach ein paar Monaten wieder vergisst. Darum glaube ich, dass viele obwohl sie eine illegale Kopie haben könnten, sich das Album trotzdem kaufen werden. Außerdem ist zum Beispiel Napster eine der wenigen Möglichkeiten, in ein Album reinzuhören. Hier in Deutschland wird die Metalszene von den Medien ignoriert, man hat eigentlich nur die Möglichkeit, im Laden in eine Platte reinzuhören oder eben sich über Napster einen Eindruck zu verschaffen und dann zu entscheiden, ob es sich lohnt ein Album zu kaufen.

Max: Nun, das stimmt natürlich. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wirklich alle so denken.

Kommen wir mal zu was anderem. Ist es eigentlich schwer für Euch, Interviews zu geben? Ich könnte mir vorstellen, dass ihr mit sehr verschiedenen Leuten sprecht – von denen, die Euch über Metallica ausfragen bis zum Redakteur der örtlichen Lokalzeitung, Journalisten, die mehr an Klassik interessiert sind – müsst ihr euch da anpassen?

Max: ob ein Interview Spaß macht oder nicht liegt weniger am Hintergrund einer Person…

Paavo: Ein guter Interviewer hat wirklich Interesse. Bei großen Zeitschriften und Zeitungen merken wir schon manchmal, dass da jemand nur seinen Job macht. Sie interessieren sich eigentlich nicht für uns. Wenn die Journalisten ihre Hausaufgaben gemacht haben, und sie bereit sind, etwas von ihrer Person preiszugeben, zum Beispiel ihre Gefühle zu unserer Musik, dann ist es großartig. Es macht uns auch viel Spaß über Musik im allgemeinen zu reden – oder über andere interessante Dinge.

Max: In Mexiko haben wir mit einem Kerl von der dortigen Zeitung gesprochen. Er hatte eigentlich gar nichts mit Musik zu tun, er war über fünfzig, aber er war cool. Seine erste Frage war ungefähr so: Gut, ihr habt klassische Musik und Metal in die Sauna gesteckt und seid dann zum Eisfischen gegangen? Das sind die Momente, an die wir uns gerne erinnern, weil es einfach witzig war..

Und wie gewohnt zum Abschluss der Vampster-Fragebogen:

Was waren die drei letzten Alben, die euch gut gefallen haben oder die ihr euch zuletzt gekauft habt?

Max: das letzte Radiohead Album, ehrlich gesagt habe ich es erst vor vier Tagen gekauft und noch gar nicht reingehört, aber ich weiß, dass es gut ist. Der Soundtrack zu Matrix und „The World Is Ours“ von der deutschen Band Farmer Boys.

Paavo: Ja, das ist ein wirklich gutes Album, nur der Bandname ist ziemlich doof, haha.

(Gelächter)

Nun, die hatten einen Song der hieß „Farm sweet Farm“ und das zweite Album hieß „Till the Cow comes home“.

Paavo: (ungläubiges Staunen) Echt?

Ja, echt!

Paavo: Ok, ich verstehe (bricht mit Max wieder in schallendendes Gelächter aus). Wir haben deren Sänger übrigens letzten Abend getroffen, er ist sehr, sehr nett.

Wen würdet ihr gerne mal in eurem Leben treffen?

Paavo: Elvis… in seinen späten Tagen (deutet einen Bauchumfang von schätzungsweise einem Meter Fünfzig an), haha!

Max: Ich würde gerne mich in meinem früheren Leben treffen.

Paavo: oooooooooooooohhhh – davon hat er mir noch nie erzählt. Wir werden da mal bei einem Bier drüber reden, oder Max?

Ist euch schon mal etwas besonders lustiges auf der Bühne passiert oder etwas, an das ihr euch erinnert?

Max: Mein Cello ist explodiert. Irgendwas ging da schief. Hinterher war es komplett zerstört. Aber es passierte beim letzten Song…

Jeder dachte es sei ein Spezial Effect?

Max. ja, genau. Jetzt kann ich darüber grinsen, damals war ich total geschockt, es war mein gutes, altes Instrument. Und ich bin ziemlich erschrocken…

Paavo: das Cello ist ein seltsames Instrument. Die Zug auf den Saiten hat eine Spannung von 60 Kilo. 60 Kilo, wie ein Mädchen!

Max: In der Türkei war es in einem Club ziemlich gruselig. Während der Show zerbrachen zwei Bögen, ohne dass wir sie angefasst hatten (während der Songs wechseln Apocayptica die Bögen öfters aus – verfass). Der Promoter hat uns dann erzählt, man erzähle sich, in diesem Club gehe ein Geist um…

Paavo: In Istanbul wurde ich während des Gigs seekrank. Wir haben dort am Hafen gespielt, die Bühne war auf dem Fluß wie ein Steg befestigt, jedes Mal wenn ein großes Schiff vorbeifuhr, fing die Bühne an zu schaukeln…

Ihr spielt live aber nicht mehr auf euren alten, antiken Celi (das älteste ist von 1572!) ?

Max: nein, nach dieser Explosion nicht mehr!

Paavo: Wir haben chinesische, handgefertigte Celli – die sind billiger und sehr gut! Die alten benutzen wir nur noch im Studio, auf die Live-Instrumente müssen wir nicht so sehr aufpassen und können auch mal den Rock n´ Roll raushängen lassen, haha.

Interview: vampiria

Bilder: boxhamster

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...