UNGFELL: Es grauet

Mein Arbeitsweg führt mich an Weiden mit Wiederkäuern vorbei und immer wieder darf ich mich in Langsamkeit üben, wenn vor mir große Agrarmaschinen rumfahren, gerne mit einem Güllefass mit Fassungsvermögen von 20.000 Litern oder mehr hinten dran. Dass UNGFELL für diese Erfahrung den passenden Soundtrack haben, ist wenig verwunderlich – immerhin liebt das Schweizer Duo die Folklore der Bergwelt ganz aufrichtig und leitet „Es grauet“ mit einem kräftigen Hahnenschrei und Vogelgezwitscher ein.

Und doch ist es mit der Idylle schnell dahin: Nach achtzehn Sekunden blasten sich UNGFELL durch das Intro, behalten dabei aber immer ihre Chuzpe: Da schleicht sich eine Harfe ein, erweitert spielerisch das Gesamtbild und stößt Puristen vor den Kopf. Was in diesen ersten zwei Minuten wie eine Art Vorspann angedeutet wird, zieht sich durch das gesamte Album hindurch. Mal prügeln Bandchef Menetekel und Drummer Vâlant durch das Material, dann gibt es folkloristische Einsprengsel mit „Bergtatt“-Flair. Blast Beats, räudig-punkige Uptempo-Parts und dann wieder eine BATHORYeske Epik – es ist geradezu atemberaubend, wie spielerisch „Es grauet“ wirkt. Und wenn zwischendurch die Vögel zwitschern, die Kühe muhen und mit ihren Glocken das Rauschen der Bergbäche begleiten, wirkt das immer noch stimmig.

„Es grauet“ in den Bergen mit unglaublich kreativem Black Metal – UNGFELL begeistern mit ihren Arrangements und ihrer Chuzpe

Dass es nur vier längere Black Metal-Stücke und vier Zwischenspiele sind, die auf „Es grauet“ stehen, fällt gar nicht auf. Der Fluss des Albums ist über die Spielzeit von knapp 40 Minuten ungebrochen. „Tyfels Antlitz“ legt mit viel Energie los, pendelt dabei spielerisch zwischen den Extremen, sodass das ruhige Finale ganz logisch wirkt. „Mord im Tobel“ ist das vielleicht stärkste Stück des Albums und begeistert mit getragenen Riffs, einem epischen Mittelteil mit Säuferchören, Hammondorgel und Maultrommelsolo. „D Unheilspfaffä vom Heinzäberg“ schraubt dann aber den Wahnsinn nochmal nach oben und hinterlässt ein Publikum, dem vielleicht sogar ein bisschen schwindelig wird. Verkopft oder verkrampft intellektuell ist das Album dennoch niemals. Es schwankt zwischen grantiger Folklore und grimmigem Black Metal und ist wohl gerade deshalb so bodenständig.

Die Darbietung der Musiker hat aber nichts mit Wirtshauskoma zu tun: Das Drumming ist präzise und pfeilschnell, die Riffs sind gleichermaßen melodiös wie verspielt und übereinander geschichtet. Egal ist, dass Menetekels Geschrei in der Vergangenheit hysterischer war – auf „Es grauet“ fügen sich die Vocals dafür besser ins Gesamtbild ein. Arrangiert ist die Musik mit Weitblick: Allerhand authentische, folkloristische Instrumente und Gesänge – natürlich alles im Dialekt – erweitern „Es grauet“ ganz wunderbar. Und wer hätte gedacht, dass ein Jodler wie im Outro „S Fälsebräche“ wunderbar melancholisch sein kann, echte Gänsehaut erzeugt und den Wunsch entstehen lässt, mehr solche Einlagen zu hören. Irre.

Grantige Folklore trifft auf grimmigen Black Metal – UNGFELL lassen auf „Es grauet“ viele neue Einflüsse zu

Ein bisschen länger hätte „Es grauet“ gerne sein dürfen – an diesem Album hört man sich nicht schnell satt. Aber das verzeiht die Hörerschaft gerne. Denn UNGFELL waren schon immer so eigen, verschroben und sympathisch wie das Schweizer Bergvolk. Einerseits ist da die totale Hingabe an die Musik, andererseits lassen die beiden Halunken auch ein wenig Witz durchschimmern – ohne aber irgendwie dabei in die billige Überironisierung abzudriften, die sich im Netz halt so findet. Die eh starke Schweizer Black Metal-Szene hat mit den urigen UNGFELL ein schräges Aushängeschild, das die Erwartungen, die nach „Mythen, Mären, Pestilenz“ auf ihnen lasten, locker gerecht werden. Wären alle Metal-Bands der Welt so eigensinnig und kreativ, die Szene hätte keine Probleme.

Wertung: 7 von 8 Sennentuntschis

VÖ: 30. April 2021

Spielzeit: 38:33

Line-Up:
Menetekel – Vocals, Guitars, Bass, Lyrics, Songwriting
Vâlant – Drums, Percussion

Label: Eisenwald

UNGFELL „Es grauet“ Tracklist:

1. Es grauet überm Dorf (Wie s niemert het chönne ahne)
2. Tyfels Antlitz (Wie e Huerä zwei Chind empfanget) (Official Audio bei Youtube)
3. D Schwarzamslä (Wie us däne Goofe Pfaffä wärdet)
4. Mord im Tobel (Wie en hinterhältige Mord begange wird)
5. S Chnochelied (Wie e Beschuldigti gfoltered wird und Visione bechunnt)
6. Stossgebätt (Wie das Wyb als Häx hygrichtet wird)
7. D Unheilspfaffä vom Heinzäbärg (Wie Tod und Verdärbe uf das Dorf iistürzt)
8. S Fälsebräche (Wie s Böse begrabe wird)

Mehr im Netz:

https://ungfell.bandcamp.com/
https://helunco.blogspot.com/
https://www.facebook.com/Ungfell-1553339294947606/