UND AUF ERDEN STILLE: Staffel 2 [Hörspiel]

Wer nach zwei Jahren Pandemie noch Lust auf eine von Viren getriggerte Dystopie hat, darf sich auch die zweite und letzte Staffel der Hörspielserie UND AUF ERDEN STILLE nicht entgehen lassen.

[Achtung! Enthält Spoiler für Staffel 1!]

Sie hat ihren Vater gefunden! Rihannon, die von ihrer Heimat NOVIS verstoßen wurde, um ihren Vater Jerome Beaucard zu finden, befindet sich mit ihm wieder auf dem Weg zurück in ihre Kolonie. Beaucard wird dafür verantwortlich gemacht, das tödliche Virus freigesetzt zu haben, das der Zivilisation einen Kollaps beschert hat. Doch es zeigt sich, dass nicht nur eine Krankheit die Menschheit heimgesucht hat: Schlimmer als die Hyperakusis ist das Adamsvirus und dafür gibt es nach wie vor kein Gegenmittel. Immerhin kann Beaucard die Hörempfindlichkeit heilen. Doch auf dem gefährlichen Weg durch eine zerstörte Welt zeigt sich eine neue Gefahr: Das brutale Nomadenvolk der Wallianer will die NOVIS-Kolonie einnehmen. Als Rhiannon das erfährt, beginnt ein gnadenloser Wettlauf.

Fortsetzung und Abschluss zugleich: UND AUF ERDEN STILLE endet mit zehn weiteren Folgen

Schön, dass es nur vierzehn Monate nach der ersten Staffel mit UND AUF ERDEN STILLE weitergeht. Überraschend ist dabei nur, dass die Serie hiermit schon abgeschlossen wird, denn der sorgsame Aufbau dieser Dystopie hätte noch genügend Potenzial für weitere Folgen geboten. Formal überzeugt die zweite Staffel jedenfalls ebenso wie die erste: Insgesamt viereinhalb Stunden dauern die zehn Folgen. Kompakt, szenisch, wie Momentaufnahmen in der Rahmenhandlung führen Balthasar von Weymarn und Jochim-C. Redeker von düsterem Bild zu düsterem Bild.

Nur wenig Erbauliches ist in dieser Welt zu finden. Erneut dürfen wir Rhiannon begleiten, die durch eine Welt irrlichtert, die gezeichnet ist vom Klimawandel und von dem, was durch die beiden Viren in naher Zukunft angerichtet wird. Die Menschen, die dort herumlaufen sind abgehärtet: Die Jungen wissen, dass sie mit sechzehn oder siebzehn am Adamsvirus sterben werden, junge Frauen zeigen sich von ihrer härtesten Seite und führen brutale Banden an. Und die wenigen Alten, die noch übrig sind, die diese Welt mit auf dem Gewissen haben, tun so, als haben sie richtig gehandelt.

Eine düstere Welt: UND AUF ERDEN STILLE ist in Staffel 2 noch finsterer als zuvor.

Wo Staffel 1 noch ungemütlich und unwirtlich war, ist Staffel 2 nahezu unerträglich. Die Hörspielmacher lassen ihr Publikum tiefer eintauchen in die Welt nach dem Ende der Welt. Verwahrloste Kinder sterben, die Wälder brennen, Nahrung ist kaum mehr vorhanden, Betrug und Verrat allerorten. Wo Rhiannon in der ersten Staffel noch Ranger an ihrer Seite hatte, der irgendwo menschliches Rückgrat zeigte und ein guter Partner für die Heldin der Serie war, wechseln ihre Begleiter nahezu von Folge zu Folge. Dabei tun die Hörspielmacher gut daran, Lücken entstehen zu lassen, in denen die Hörerinnen und Hörer selbst gedanklich aktiv werden müssen und ihre Schlüsse ziehen müssen.

Dramaturgisch ist das alles sehr clever aufgebaut: Der Weg zurück für Rhiannon zeigt ganz am Anfang, dass auch die „Guten“ Mörder sind und alttestamentarisch Auge um Auge vorgehen. Als dann die Wallianer erwähnt werden und alle Protagonisten vor Angst erstarren, switcht die Handlung in der zweiten Folge zu diesen Nomaden. Hier wird noch größere Brutalität mit Intriganz vermischt, sodass nach kurzer Zeit klar wird: Dieser Bande geht man besser aus dem Weg. Im Sinne von: Anderer Kontinent.

Mit cleverer Dramaturgie und szenischer Erzählweise führen INTERPLANAR durch das Serienuniversum

Die Reise von Rhiannon wird noch zweimal unterbrochen: Eine Folge lang wird der Handlungsstrang in Deutschland circa fünfzehn Jahre vor Rhiannons Geschichte aufgenommen: Die Journalisten Anna und Finn suchen nach ihrem verschollenen Kollegen Max – trotz der exzellenten, intensiven Darbietung von Ulrike Kapfer (Anna) bleibt diese Episode recht isoliert. Dennoch ist das Ende hiervon wichtig – auch wenn es etwas dauert, bis sich das erschließt. Spannender ist der Tag der Katastrophe, als Jerome Beaucard im brennenden Manhattan überlegt, was er mit dem Virus machen soll, das die Hyperakusis auslöst. Auch diese Folge ist im Staffelkonstrukt geschickt platziert, das Fährtenlesen macht wirklich Spaß.

Schade nur, dass UND AUF ERDEN STILLE auch in der zweiten Staffel nur wenigen Figuren wirklich nahekommt. Die Entwicklung von Rhiannon ist bemerkenswert, und auch der widersprüchliche Charakter der Jerome Beaucarte ist faszinierend. Die meisten der zahlreichen Figuren hören wir beim Handeln zu, aber in die Tiefe geht es nur selten, auch wenn sich die ansonsten starken Dialoge dafür angeboten hätten. An den Sprechern liegt es nicht, denn die sind durchgehend bemerkenswert, speziell Sarah Alles, Vera Teltz, Oliver Stritzel und Uve Teschner. Gerade, dass eine Vielzahl an jungen Sprecherinnen und Sprechern in ungewohnt finstere Rollen schlüpfen, ist absolut gelungen.

UND AUF ERDEN STILLE kommt nur wenigen Protagonisten nahe, doch Sounddesign und Story entschädigen dafür.

Das Sounddesign ist in Staffel 2 nicht mehr so bahnbrechend wie in Staffel eins, wirkt aber immer noch. Die Hyperakusis eignet sich für Hörspiele natürlich hervorragend und Jochim-C. Redeker schöpft hier aus den Vollen: Intensive Effekte, ohne das Dauerbombardement eines Oliver Dörings sorgen für starke Dynamik. Regisseur und Autor Balthasar von Weymarn ist der passende Sparringspartner: Die Story ist verwoben, aber nicht zu komplex und mit vielen Details ausgestattet. Auch diese Staffel lädt zum wiederholten Hören ein und es erschließen sich dabei neue Zusammenhänge.

UND AUF ERDEN STILLE ist auch in der zweiten, abschließenden Staffel stark, wenn auch nicht so begeisternd wie in der ersten Staffel. Die viereinhalb Stunden vergehen wie im Flug und bieten ein zufriedenstellendes Ende. Wer nach zwei Jahren Pandemie noch Lust auf eine durch Viren getriggerte Dystopie hat, darf sich den Abschluss dieser kurzen, aber doch beeindruckenden Serie nicht entgehen lassen.

Wertung: 8 von 10 Fälle von Hyperakusis

VÖ: 25. März 2022

Gesamtspielzeit: 275 Minuten

Besetzung:
Vera Telz – Erzählerin
Sarah Alles – Rhiannon
Oliver Stritzel – Jerome Beaucarte
Kristin Meyer – Lois Dewey
Christina Ann Zalamea – Chris
Richard Barenberg – Finn
Ulrike Kapfer – Anna
Philipp Engelhardt – Robby Lee
Detlef Bierstedt – Krzysztof
Uve Teschner – Martinus
Katharina von Daake – Michelle
Isabella-Lara Ociepka – Jen
Clara Drews – Markie
Marija Mauer – Dina
Stefanie Masnik – Roxanna
Moritz Benecke – Jerry
Matthias Busch – Schaller
Lars Walther – David
Hannah Ruthel – Althea
Nikolas Weidmann – Scout
Denise Zich – Judy Brennan
Bert Stevens – Buford
Wolfgang Rositzka – Zugbegleiter
Marie-Terese Katt – Soldatin
Wiebke Bierwag – Diane
Mathias Renneisen – Ralph
Balthasar von Weymarn – Brooks
Dion Jaramillo – Dion
Anja Jaramillo – Diana Pauly
Dagmar Bittner – Karen
Derya Flechter – Lisa
Jochim-C. Redeker – Leutnant
Björn Schalla – Ranger
Stefanie Läufer – Wanda Thompson
Philipp Winkens – Taxifahrer
Tanya Kahana – José
Finn Schüler – Sammy

sowie: Sören Mura, Marthje Schüler, Saskia Thiede, Nicolai von Weymarn

Balthasar von Weymarn – Buch und Regie
Jochim-C. Redeker – Sounddesign, Musik und Produktion
Tommi Schneefuß, Alexander Schieffer – Aufnahme
Alexander Preuss – Logo & Grafik
Artwork – Michaela Ollesch
Doerthe Poschau, Stefan Wolf – Folgenreich

Label: Folgenreich / Universal Music Group

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