„Dieser Techno-Metal ist ein Verstoß gegen die Genfer Konventionen“ – so das kritische Urteil meines Arbeitskollegen, als ich ihm an einem tristen Montagmorgen „White Monster“ von THE BUTCHER SISTERS vorspielte. Ihm fehlte offenbar nicht nur das Verständnis für meine Liebe zu zuckerfreien Spaßgetränken, sondern auch der Bezug zu TBS und ihrem eigenwilligen Mix aus Metalcore, Crossover, Rap und Electro-Beats.
Dabei ist es genau diese Mischung, die den Erfolg der fünf Jungs aus Mannheim ausmacht. Nach der erfolgreichen „Pizza und Dosenbier“-Tour (2024) mit SAMURAI PIZZA CATS kletterte die Band im letzten Jahr mit dem Album „Das Weiße Album“ auf Platz 11 der deutschen Albumcharts. Songs wie „Bauchtasche“, „Bierdurst“ oder „Aperol“ ballerten im Festival-Sommer 2025 über jeden zweiten Campingplatz. Nun legen TBS nach und bringen am 23. Januar 2026 mit „Das Schwarze Album“ ihr viertes Studioalbum auf den Markt. Und das knallt wie eine Dose Monster auf Ex – macht wach, macht Krach, macht Laune. Auch wenn die Wirkung etwas verzögert einsetzt.
Neon & Nostalgie: TBS auf Zeitreise in die 2000er
Mit „Piep Piep Piep“ machen TBS gleich zu Beginn klar, dass die 90er- und 2000er-Jahre das große Thema des Albums sind. Hier wird alles zusammengeschmissen, was in dieser Ära bunt, grell und angesagt war: ein bisschen Eurodance, ein wenig Schnappi und ein Hauch Klingeltonwerbung – und schon entsteht ein fröhlicher Mix, der zwar sofort ins Ohr geht, aber leider auch ein wenig auf die Nerven. Der Refrain ist eingängig, die Lyrics machen Spaß, doch nach dem ersten „Aha, okay“-Moment bleibt erstaunlich wenig hängen. Ein Opener, der mehr piept als beißt.
Wie gut, dass TBS mit „Cityroller“ direkt danach ein echtes Brett liefern. Groovendes Intro? Check. Popkultur-Referenzen, die alle 90’s Kids sofort verstehen? Doppel-Check. Hier passt einfach alles. „Cityroller“ ist einer dieser Songs, bei denen man nach dem zweiten Durchlauf mitsingt, als wäre der Song seit Jahren Teil der eigenen Festival-DNA. Mitreißende Melodien, brachiale Breakdowns und ein Outro, das fast schon filmisch nachhallt: Wenn es auf diesem Album einen Track gibt, der auch Nicht-Fans überzeugt, dann ist es dieser hier. Wild, hooky, für die Bühne gebaut – Eskalation vorprogrammiert. „Cityroller“ hat Mitgröhl-Potenzial und lässt selbst „Wahnsinn“ von WOLFGANG PETRY alt aussehen.
Nach so viel Energie schalten TBS mit „Scheiss für mich“ wieder einen Gang runter. Hier dominiert fröhlicher 2000er-Punkrock im Stil von BLINK 182. Das macht Laune, ist schön leichtfüßig und lebt vor allem vom starken Gitarrensound, der dem Song richtig Drive gibt. „Scheiss für mich“ klingt nach Sommerferien, MTV, LAN-Parties und Tony Hawk’s Pro Skater auf der Playstation. Wer in dieser Ära aufgewachsen ist, wird sich von den Gute-Laune-Melodien schnell mitreißen lassen – und sie dann genau so schnell wieder vergessen. Ein solider Zwischenspurt, der im Album-Kontext gut funktioniert, aber kein Hit-Potenzial hat.
TBS liefern den Soundtrack zum Bluthochdruck
Mit „White Monster“ hauen THE BUTCHER SISTERS uns dann einen der klaren Höhepunkte des Albums um die Ohren. Und zwar genau in der Disziplin, in der sie inzwischen fast schon unschlagbar sind: Eskalation mit Ohrwurmgarantie. Dieser Track ist ein ultra-energetischer Party-Banger, der Metalcore-Wucht mit Eurodance-Vibes verquirlt und daraus eine Hymne baut, die nach Festival-Sommer schreit. Der Refrain funktioniert als Hook, weil er melodisch simpel bleibt, aber rhythmisch genug Druck hat, um live zu tragen. Dazu ein geradliniger Groove, der den Track durchgehend nach vorne schiebt. Und was für ein Text! Endlich eine Hymne für das beste Spaßgetränk der Welt! Wer Monster Energy liebt, wird diesen Song fühlen.
Bleibt angeschnallt, denn die Zeitreise geht weiter. Nächster Halt: „Detlef D Soost“. In den Castingshows der 2000er ging an der Mensch gewordenen Mischung aus Drill Instructor und Duracell-Hase kein Weg vorbei. TBS bauen ihm mit dem gleichnamigen Song ein musikalisches Denkmal und haben sich dazu CALLEJON ins Boot geholt, eine der festen Größen der deutschsprachigen Metalcore-Szene. Wer jetzt einen brachialen Abriss erwartet, wird jedoch eines Besseren belehrt: Das Feature überrascht mit Autotune-Parts, Rap und einem Mix aus verschiedenen Genres. Das ist unterhaltsam und mutig zusammengesteckt, aber der Refrain kommt dabei nicht ganz so ins Rollen. Kurz: viel drin, viel los, aber nicht der klare Peak, den dieses Feature auf dem Papier verspricht.
Mit „Bierosaufus Ex“ liefern Stroppo und Kollegen dann wieder richtig ab. Der Song lässt sich musikalisch nicht in eine Schublade stecken und funktioniert gerade deshalb so gut. Hier werden DROWNING POOL, LORNA SHORE und sogar Chopperstyle à la KOLLEGAH erstaunlich souverän zusammengezurrt. Produktionstechnisch wirkt alles sehr kontrolliert: präsente Drums, bissige Gitarren und starke Vocals. Die obligatorische Saufhymne ist einer der technisch stärksten Songs des Albums, kommt aber nicht an das Singalong-Potenzial von „Cityroller“ heran.
Zwischen Wacken und Brokeback Mountain
Was kommt nach dem Abriss? Richtig, der Kater. Und so holen uns TBS nach „Bierosaufus Ex“ mit einem Song über das Älterwerden wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Unterstützt werden sie dabei von HÄMATOM-Frontman Thorsten „Nord“ Scharf, der bereits auf biblische 22 Jahre Bandgeschichte zurückblicken kann. Das Thema von „Ü30“ ist natürlich ein Selbstläufer: Viele Fans dürften sich in den Zeilen wiederfinden, der Refrain geht ins Ohr und hat Mitsing-Potenzial. Das Feature funktioniert überraschend gut, zündet aber erst nach der dritten oder vierten Wiederholung so richtig. Dann wird der Song zu einem der Highlights des Albums – vor allem, weil er so unangenehm relatable ist.
Nach dem Hit-Feuerwerk wird es im restlichen Albumverlauf etwas durchwachsener. „Great Music Band“ und „Lachen“ sind solide Songs, in denen TBS sich von ihrer experimentierfreudigen Seite zeigen. Sie greifen alte Songs wie „Freitag“ (2025) auf, spielen mit populären Memes („Zur Party?“) und streuen hier und da ein paar Indie- und Techno-Elemente ein. Unterhaltsam, aber leider ohne wirklichen Wiedererkennungswert. „Herr Dokter“, der Song zum Arbeitszeitbetrug, kann da schon eher punkten. Der Song kommt stellenweise ungewöhnlich smooth rüber, mit Lounge-Anleihen und einem catchy Groove. Nicht der große Abriss, sondern ein cleverer Stimmungswechsel, der trotzdem nach TBS klingt. Für den Feinschliff sorgen eingängige Melodiebögen und spätestens bei „Gelb ist der Schein, rot ist der Wein“ weißt du, was du am nächsten Montag in den Whatsapp-Status schreibst.
Kommen wir zum skurrilsten Feature des Albums. Wie kombiniert man Trainingsanzüge mit knallengen Lederhosen? Und lässt sich Met eigentlich mit White Monster mischen? Fragen über Fragen, aber TBS liefern mit „Wacken“ die Antwort. Der Song mit DORO sprüht vor Leidenschaft, wirkt dabei aber stellenweise auch ein wenig kitschig. Musikalisch ist die „Queen of Metal“ in diesem Kontext natürlich ein Statement, gleichzeitig bleibt der Song hinter den Erwartungen zurück. Nicht weil er schlecht wäre, sondern weil er als Festival-Hymne nicht ganz so zündet wie andere Tracks auf „Das Schwarze Album“. Die DORO-Passagen klingen stellenweise wie ein Abstecher in einen 80er-Fantasy-Film – das muss man mögen. Pluspunkte gibt es für die Gitarrensoli, die für ordentlich Gänsehaut sorgen. Unterm Strich: viel Pathos, aber kein Highlight.
Nach so viel Bombast zeigen sich TBS auf dem letzten Track von „Das Schwarze Album“ noch mal von einer ganz neuen Seite. „Klettergerüst“ basiert nicht nur auf einem bekannten Kinderreim, sondern ist auch noch ein waschechter Country Song. Truck Stop wären stolz. Und das zu Recht, denn der Refrain ist überraschend catchy, lässt sich wunderbar mitsummen und bleibt im Kopf. Nach „Mein Stern“ endlich mal wieder ein Song, bei dem vor der Bühne die Feuerzeuge gezückt werden dürfen. Und ein solider Abschluss für ein insgesamt gelungenes Album.
Auch wenn nicht jeder Track zündet und die Features nicht immer halten, was sie versprechen: Die Highlights sind stark genug, um das Album klar über die Ziellinie zu tragen. Und am Ende ist „Das Schwarze Album“ wie eine gemischte Tüte vom Kiosk um die Ecke: nicht alles schmeckt, aber du greifst trotzdem immer wieder rein, weil irgendwas davon garantiert knallt.
Label: Arising Empire / Edel
Veröffentlichung: 23.01.2026
Formate: LP / CD / Digital
Spielzeit: 40 Minuten
THE BUTCHER SISTERS: „Das Schwarze Album“ Tracklist
- Piep Piep Piep
- Cityroller (Video bei YouTube)
- Scheiss Für Mich
- White Monster (Video bei YouTube)
- Detlef D Soost
- Bierosaufus Ex (Video bei YouTube)
- Ü30 (Video bei YouTube)
- Great Music Band
- Herr Dokter (Video bei YouTube)
- Lachen
- Wacken (Video bei YouTube)
- Klettergerüst (Video bei YouTube)
Line-Up
Alexander Bechtel – Vocals
Nicklas Stroppel – Shouts
Manuel Renner – Gitarre
David Schneider – Gitarre
Bastian Gölz – Drums
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