RED HARVEST: Cold Dark Matter

RED HARVEST: Cold Dark Matter

Kalt. Finster. Brutal. Bedrohlich. Krank.

Wenig einladende Attribute, fürwahr. Und sein wir ehrlich: müßten sie herhalten, um den neuen Nachbarn zu umschreiben, der gerade in die leere Wohnung gegenüber eingezogen ist, wären sie nicht eben dazu angetan, uns allzubald zum obligatorischen Hallo, ich wohne nebenan und wenn Du mal eine Tasse Milch brauchst, dann kingel einfach-Antrittsbesuch zu motivieren.

Nun: die Herren von RED HARVEST sind NICHT meine Nachbarn. Nicht einmal annähernd. Immerhin wohnen sie in Norwegen und ich im heimeligen Studentenstädtchen Tübingen. Ich weiß auch nicht, ob sie kalt, finster, brutal und auch sonst weniger gut gelaunt sind. Doch ihre Musik klingt ganz genau so. Ein brachialer Albtraum, apokalyptische Vision des industriellen Zeitalters, ein gieriger, doch leidenschaftsloser Moloch, in dessen grauem Schlund auch der letzte Funken Hoffnung dem Blick entschwindet.

Dieses Album ist intensiv. Ich wiederhole: intensiv. Dieses Schlagwort mag zwar weniger plakativ anmuten als Schlagwort-Arie zu Beginn, doch es erklärt die Faszination, die die Musik RED HARVESTS trotz aller anfangs abstoßenden Attitüde auszustrahlen vermag. Denn ist man erst bereit, sich dem kalten, hämmernden Nihilismus zu stellen, der mit ebenso archaischer wie technoider Gewalt herangewalzt kommt, ergeht es einem rasch wie dem berühmt-berüchtigten Hasen, der sich dem hypnotischem Blick der vor ihm aufragenden Schlange nicht mehr zu entziehen vermag, gleich, ob sie ihn im nächsten Moment zu verschlingen droht oder nicht.

Um diese ebenso beklemmende wie fesselnde Atmosphäre zu schaffen, nutzen die Norweger stilübergreifend alles, was sich für derlei sinistre Anliegen eignet: schwarzmetallische Raserei ebenso wie Jungle-Breakbeats, schräge, extrem verzerrte Jazz-Akkorde, dröhnende Gitarrenwälle, Industrial-Elemente, gemeine Vocal-Effekte und finstere Keyboard-Kaskaden. Und wissen dabei um die unheilvolle Wirkung kleiner, aber um so bedrohlicherer Gesten. Keine lauter, schneller, pompöser-Gigantomanie, die manch` fehlgeleitetes Schäfchen mit wahrer Härte und aggressiver Durchlagskraft verwechselt. Nein, RED HARVEST haben es nicht nötig, Gaspedal und Verstärker stets bis zum Anschlag zu belasten. Denn selbst wenn die Bestie zu schlummern scheint, bleibt sie gefährlich. Sie schläft nicht, sie lauert.

Und: so kalt und unnahbar `Cold Dark Matter` auch wirken mag, unten, in der schwarzen Tiefe brodelt es. Schrieb ich leidenschaftslos? Nun, diese Musik ist so leidenschaftslos und gefühlskalt wie die kalte Industrie-Gesellschaft oft wirken mag. Doch der Blick hinter die Kulisse offenbart die Tragödie des Menschen und des Menschlichen: das Fundament jener kalten, unnahbaren Wehrmauer. Nichts anderes ist es als Wut. Aggression. Und letztlich, hinter alledem: Angst. Triebfeder des Menschen und Quelle allen Übels.

Versuch eines Fazits: wie schon seine Vorgänger Newrage World Music und HyBreed ein abstoßendes, beängstigendes, aber auch faszinierendes Album. Ein klanggewordenes Paradoxon: kalt, leidenschaftslos, und doch aus den Untiefen der menschlichen Seele geboren. Und dort hallt es wider. Nicht ohne zutiefst zu verstören.

Einmal mehr will mir nur ein einziger Name als Vergleich in den Sinn kommen: NEUROSIS, die ihre kranken (aufrichtigen?) Visonen dieser Welt ebenso anstrengend, doch auch ebenso aufregend musikalisch aufbereiten. Und ebenso intensiv. Hallo, Herr Nachbar…

Spielzeit: 38:25 Min.

Line-Up:
Ofu Khan – Vocals, Guitar, Synths

Thom@s B – Bass

LRZ – Synth, Samples, Drums

Erik Wroldsen – Drums

Selveste Turbonatas – Guitars

Produziert von ?
Label: Nocturnal Art Productions

Homapage: http://www.redharvest.com

Email: mail@redharvest.com

Tracklist:
Omnipotent

Last Call

Absolut Dunkelheit

Cold Dark Matter

Junk-O-Rama

Fix. Hammer. Fix

The Itching Scull

Death In Cyborg Era

Move Or Be Moved