Klein, stark, schwarz – was auf einen guten Espresso zutrifft, lässt sich zusammenfassend auch über „Caffé?“ der schweizerischen Post Metal Band ORSO sagen. Die vier Songs des Quintetts aus Lausanne fließen intensiv, dicht und zäh aus dem Siebträger, wie ein guter Espresso, hinein in die vorgewärmte Tasse der LP. „Dicht“ deshalb, weil drei Gitarristen für massive Gitarrenwände sorgen. Und „dicht“ auch deshalb, weil lange, sich entwickelnde Instrumentalstrukturen eine entsprechende Atmosphäre aufbauen. „Zäh“, weil Wechsel aus massivem, bassigen Sound, sich streckenden Schlagzeug-Arrangements und cleanen, effektbeladenen Gitarren mit einzelnen, gut eingebundenen Gitarrensolopassagen, für eine dunkelzähe Atmosphäre sorgen. Kein Wort zum Gesang soweit? Den gibt es bei ORSO auch nicht. Und er fehlt auf „Caffé“ auch zu keinem Zeitpunkt: Die Dramaturgie aus Druming, Bassfundament und den drei Gitarren ist so packend und dicht, dass eine Gesangsstimme die Atmosphäre fast schon zerstören würde. Ein bisschen ungewohnt ist es schon, so verliere zumindest ich hin und wieder den Überblick, an welcher Stelle ich mich auf dem Album mit seinen vier Tracks über 37 Minuten gerade befinde – aber im Grunde spielt das auch überhaupt keine Rolle. Auf Spotify-3:30-Hit-Taufglichkeit ist dieses Album mit Sicherheit nicht ausgelegt. So heißt es am besten: Augen schließen, zurücklehnen und sich vom Koffeinschock überwältigen lassen.
ORSO liefern mit „Caffé“ zähen, atmosphärischen Instrumental Post Metal
Musikalisch befindet man sich irgendwo zwischen instrumentalem Post Metal und Sludge, ORSO selbst nennen CULT OF LUNA, RUSSIAN CIRCLES, NEUROSIS, TERRA TENEBROSA als Einflüsse. Fein! Apropos fein: Wieso die 4 Songs die Namen von vier Kaffeespezialitäten tragen, erschließt sich mir noch nicht so ganz. Mehr als ein Marketing-Gag? ORSO selbst versteht „Caffé?“ als konsequente Fortsetzung ihrer kulinarischen Linie: Nach „Primi Piatti“ (also dem ersten Gang, 2016) und „Paninoteca“ (das ist die Bezeichnung für eine Art Sandwich-Bar, 2019) fungiert „Caffé“ wohl als Abschluss des Menüs, wobei die vier Stücke jeweils eine Kaffeevariante von Ristretto bis Affogato musikalisch übersetzen. Okay, originell, Culinaric Metal also als neues Sub Genre? Musikalisch herauszuhören ist das allerdings nicht, dafür fehlt zumindest das Blubbern und Röcheln der Kaffeeautomaten, und ich erkenne auch keinen musikalischen Unterschied zwischen einem Espresso und einem Americano – oder meine Geschmacksnerven sind einfach schon zu abgestumpft.
Label: No Sun Records
Veröffentlichung: 22.11.2024
Formate: LP / CD / Digital
Spielzeit: 37 Minuten
Tracklist ORSO: Caffé?
Ristretto (08:43)
Espresso (09:32)
Americano (08:03)
Affogato (10:18)
Line-up ORSO:
Thomas Target – Drums
Blaise Brechbuehl – Bass
Raul Bortolotti – Gitarre
Sébastien Pittet – Gitarre
Etienne Marguerat – Gitarre
ORSO im Web:
ORSO bei Bandcamp