Viele Gedanken schwebten mir durch den Kopf, als ich dieses Album zum ersten Mal hörte. Einer davon war: „Was, Onkel Tom macht jetzt einen auf Folk??“ Ja, wer das Booklet zu dieser ersten Platte der Thüringer ODROERIR öffnet, sieht tatsächlich jemanden, der exakt so aussieht wie good old Tom Angelripper, bloß dass der hier keinen Bierkrug, sondern ein riesiges Met-Trinkhorn in der Hand hält und dem geneigten Hörer damit zuprostet. Die Kleidung ist auch dementsprechend, und so stellt sich schnell heraus, dass es sich bei dem trinkseligen Manne um jemanden namens „Fix“ handelt, der auch schon als Gitarrist von MENHIR in Erscheinung getreten ist.
Nun hat er also eine zweite Band am Start, mit dem merkwürdigen Namen ODROERIR, der, wenn man ihn ein bisschen vulgär ausspricht, irgendwie an die Geräusche erinnert, die ich am letzten Wochenende dank eines Magen-Darm-Infekts mehrmals von mir gegeben habe. Oder auch an die, die nach zuviel Metgenuss… aber lassen wir das, wenden wir uns der Musik zu. Diese ist, wenn man’s ganz kurz macht, eine ruhigere Variante von MENHIR, halt reinrassiger Folk Metal ohne Black-Metal-Einflüsse, größtenteils im Midtempo angesiedelt und mit Männer- und Frauengesang.
ODROERIR fehlt es an Alleinstellungsmerkmalen
An der Umsetzung hapert es allerdings etwas, denn die Stimme des Herrn „Stickel“ (in Thüringen hat man höchst merkwürdige Namen, wie ich finde…), sofern er es ist, denn Fix singt auch, klingt reichlich dünn und ein wenig unsicher; da wäre vielleicht ein bisschen mehr Selbstbewusstsein vonnöten. Auch Sängerin Ivonne haucht mehr, als dass sie singt. Dies kommt den hymnischen Drei-Viertel-Takt-Liedern nicht unbedingt zugute; man kann jedoch darüber hinweg sehen, ganz so schlimm ist es nicht. Die Songs an sich indes sind das Problem – wer braucht denn die hundertste Band, die Folklore mit Metal verbindet? Irgendwie ist das Ganze reichlich ausgelutscht. Und über den Einsatz der Schalmei im „Präludium“ hüllen wir mal lieber den Mantel des Schweigens…
Auch die Texte über Thüringen und thüringische Sagen – Fix hat offenbar eine Art Heimatkomplex, jedenfalls ist das jetzt schon die vierte Veröffentlichung (ohne Gewähr) aus seinem Umfeld, die von Thüringen handelt – können nicht wirklich vom Hocker reißen, auch wenn die Strophe „Oh ihr Götter, was habt ihr uns angetan? / Der Fluch des Nordens ist unser Untergang! / Mein Volk nun gegen Westen zieht / dort, wo die Sonne untergeht“ mit ein wenig humoristischer Interpretation durchaus Spaß machen kann. Auch fragt der Hörer sich nach dem fünften Lied über Herminafried und Thüringens heldenhafte Schlachten gegen die bösen Franken und Sachsen langsam, wann denn endlich mal andere Aspekte Thüringens, vielleicht die berühmte Thüringer Röstbratwurst, behandelt werden.
„Laßt euch sagen aus alten Tagen“ richtet sich an hartgesottene Genre-Fans
Aber Spaß beiseite: „Laßt euch sagen aus alten Tagen“ ist ein Album, das nur echte Folk-Metal- und Thüringen-Fetischisten wirklich brauchen, da es einfach zu viele solcher Bands gibt und die ganze Heidenkitsch-Thematik langsam wirklich nervt. Eins muss man ODROERIR aber dennoch lassen: Mit „Zur Taverne“ hat man ein brillantes Sauflied geschrieben, das auf Festen noch für Freude sorgen wird. Immerhin.
VÖ: Februar 2002
Spielzeit: 40:44 Min.
Line-Up:
Fix – E-Gitarre, Akustikgitarre, Gesang & Schalmei
Stickel – Gesang, E-Gitarre & Schalmei
Ivonne – Gesang
Ralph – Baßgitarre
Philip – Schlagzeug und Schlagwerk
Produziert von Enrico Neidhardt
Label: Ars Metalli
ODROERIR „Laßt euch sagen aus alten Tagen“ Tracklist
1. Präludium
2. Menosgada
3. Salzschlacht
4. Brudermord
5. De Excidio Thuringiae
6. Iring
7. Zur Taverne
8. Dolmar